Päpstlicher Rat für die Einheit der Christen besteht seit 60 Jahren

Kardinal Kurt Koch in „Vatican News“-Interview: „Viele positive Früchte, aber das eigentliche Ziel der ökumenischen Bewegung, die Wiederherstellung der Einheit der Kirche, ist noch nicht erreicht“ – Große Bedeutung der vor 25 Jahren erschienenen Ökumene-Enzyklika „Ut unum sint“ - Im Herbst kommt ökumenisches „Vademecum“ für die Bischöfe und neue ökumenische Dokumentationszeitschrift „Acta Oecumenica“

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Foto: © bph / Werner Kaiser (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution 3.0 Unported)

Vatikanstadt, 05.06.20 (poi) Der (heute von Kardinal Kurt Koch geleitete) Päpstliche Rat für die Einheit der Christen besteht seit 60 Jahren: 1960 wurde das Sekretariat für die Einheit der Christen von Papst Johannes XXIII. begründet. Am Freitag, 5. Juni, galt es, das 60-Jahr-Jubiläum zu feiern. Zugleich wird auch des 25-Jahr-Jubiläums der bahnbrechenden Ökumene-Enzyklika von Papst Johannes Paul II. „Ut unum sint“ gedacht. „Vatican News“ hat aus Anlass dieser Jubiläen ein ausführliches Interview mit dem aus der Schweiz stammenden Kurienkardinal geführt, der seit genau zehn Jahren an der Spitze des Päpstlichen Rates für die Einheit der Christen steht.

Kardinal Koch erinnerte in diesem Interview daran, dass 1960 die ökumenische Bewegung in ihrer offiziellen Gestalt innerhalb der katholischen Kirche noch am Anfang stand. Seither hätten viele Begegnungen und Dialoge stattgefunden, positive Früchte konnten geerntet werden, das „eigentliche Ziel“ der ökumenischen Bewegung sei allerdings noch nicht erreicht: „Die Wiederherstellung der Einheit der Kirche“. Heute bestehe eine der großen Herausforderungen darin, dass über dieses Ziel der Ökumene „noch kein wirklich tragfähiger Konsens besteht“, betonte der Kardinal. Man sei sich einig darüber, dass es die Einheit geben soll, aber noch nicht über das Wie dieser Einheit. Koch: „Wir brauchen eine gemeinsame Schau, was zur Einheit der Kirche unabdingbar notwendig ist. Nur mit einem klaren Ziel vor Augen können wir auch die nächsten Schritte gehen“.

Jede Kirche könne einen spezifischen Beitrag bei der Wiedergewinnung der Einheit leisten, stellte der Präsident des Päpstlichen Rates für die Einheit der Christen in dem Interview fest. Von den reformatorischen Kirchen habe die katholische Kirche vor allem die Zentralität des Wortes Gottes im Leben der Kirche, in den gottesdienstlichen Feiern und im theologischen Denken gelernt. Koch: „Es ist uns neu bewusst geworden, dass der Glaube vom Hören auf das Wort Gottes kommt und dass das Evangelium Jesu Christi in der Mitte der Kirche stehen muss“. Von den orthodoxen Kirchen sei viel über die Synodalität im Leben der Kirche und in diesem Kontext über die Kollegialität der Bischöfe zu lernen, was Papst Franziskus immer wieder betone. Die besondere Gabe, die die katholische Kirche in das ökumenische Gespräch einbringen kann, bestehe im Leben der Universalität der Kirche: „Da die katholische Kirche in der Verschränkung zwischen Einheit der Universalkirche und Vielheit der Ortskirchen lebt, kann sie exemplarisch zeigen, dass Einheit und Vielheit auch in der Ökumene keine Gegensätze darstellen, sondern einander wechselseitig fördern“.

Alle ökumenischen Bemühungen und Aktivitäten müssen dem Ziel der Wiederherstellung der Einheit der Christen dienen, unterstrich Kardinal Koch: „Sie müssen immer wieder daraufhin überprüft werden, ob sie diesem Ziel verpflichtet sind“. Dies gelte in besonderer Weise für den „Dialog der Liebe“, die Pflege freundschaftlicher Beziehungen zwischen den verschiedenen Kirchen. Durch diesen Dialog seien viele Vorurteile, die aus der Geschichte herrühren, überwunden worden. Ebenso wichtig sei der „Dialog der Wahrheit“, die theologische Aufarbeitung jener kontroversen Fragen, die zu Spaltungen geführt haben. „In diesen Dialogen ist stets deutlicher geworden, dass uns mehr eint als uns trennt“, betonte der Präsident des Päpstlichen Rates für die Einheit der Christen. Von besonderer Bedeutung sei schließlich der „spirituelle Ökumenismus“, das Einstimmen in das hohepriesterliche Gebet Jesu, „dass alle eins seien“. Dieses Gebet mache den Christen immer wieder bewusst, dass „die Einheit der Kirche der Wille Jesu, unseres gemeinsamen Herrn, ist“.

In dem Interview ging Kardinal Koch auch auf die vor 25 Jahren erschienene Ökumene-Enzyklika „Ut unum sint“ ein. Die Bedeutung dieses Dokuments liege zunächst einmal darin, dass „zum ersten Mal in der Geschichte ein Papst eine Enzyklika über die Ökumene geschrieben hat“. Mit ihr habe Johannes Paul II. 30 Jahre nach dem Ende des Zweiten Vatikanischen Konzils in Erinnerung gerufen, dass sich die katholische Kirche „unumkehrbar“ für den ökumenischen Weg verpflichtet hat. Alle Glieder der Kirche seien m Glauben verpflichtet, an der ökumenischen Bewegung teilzunehmen. Der Kardinal hob eine „überraschende und weiterführende“ Initiative des Wojtyla-Papstes hervor: „Im Bewusstsein, dass sein eigenes Amt eines der größten Hindernisse auf dem Weg zur Wiederherstellung der Einheit darstellt, und andererseits in der Überzeugung, dass das Amt des Bischofs von Rom von konstitutiver Bedeutung für die Einheit der Kirche ist, hat Johannes Paul II. die gesamte Ökumene eingeladen, sich mit ihm auf einen „brüderlichen geduldigen Dialog“ über den Primat des Bischofs von Rom einzulassen. Als Ziel dieses Dialogs habe Johannes Paul II. benannt, eine Form der Ausübung des Primats zu finden, „die zwar keineswegs auf das Wesentliche ihrer Sendung verzichtet, sich aber einer neuen Situation öffnet“, und so „einen von den einen und anderen anerkannten Dienst der Liebe zu verwirklichen vermag“.

Alle Päpste seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil hätten ein offenes Herz für das ökumenische Anliegen gehabt, hob Kardinal Koch in dem „Vatican News“-Interview hervor; es bestehe eine große Kontinuität und Kohärenz zwischen den Päpsten. Für Johannes XXIII. sei es evident gewesen, dass die Wiederherstellung der Einheit der Christen für die Erneuerung der katholischen Kirche von grundlegender Bedeutung ist. Paul VI. habe wesentlich dazu beigetragen, dass das Dekret über den Ökumenismus „Unitatis redintegratio“ beim Konzil verabschiedet werden konnte. Er sei ein Papst großer ökumenischer Gesten vor allem gegenüber der Orthodoxie und der Anglikanischen Gemeinschaft gewesen und habe als erster Papst den Sitz des Weltkirchenrats in Genf besucht.

Johannes Paul II. sei überzeugt gewesen, dass das dritte Jahrtausend die große Aufgabe zu bewältigen haben wird, die verloren gegangene Einheit wiederherzustellen. Eine wesentliche Hilfe dafür habe er im Zeugnis der Märtyrer gesehen, die verschiedenen Kirchen angehörten und mit der Hingabe ihres Lebens die Einheit bereits vorwegnahmen. Für Benedikt XVI. sei die Ökumene zutiefst eine Frage des Glaubens gewesen und deshalb habe er in der Ökumene eine vorrangige Verpflichtung des Petrus-Nachfolgers gesehen. Papst Franziskus sei es ein besonderes Anliegen, dass die verschiedenen kirchlichen Gemeinschaften gemeinsam auf dem Weg zur Einheit unterwegs sind, weil die Einheit im Gehen wächst, unterstrich Kardinal Koch. Und auch er hebe immer wieder die Bedeutung der „Ökumene des Blutes“ hervor.

Als wichtig bezeichnete Kardinal Koch die von Papst Franziskus angekündigte Veröffentlichung eines ökumenischen „Vademecums“ für die katholischen Bischöfe. In den Ortskirchen trage der Diözesanbischof die erste Verantwortung für die Einheit der Christen. Das „Vademecum“ sei als eine Hilfe für die Bischöfe gedacht, ihre ökumenische Verantwortung besser zu verstehen und zu verwirklichen.

Auch die neue Zeitschrift „Acta Oecumenica“ solle dazu beitragen, das ökumenische Bewusstsein zu vertiefen. Kardinal Koch: „Nicht wenige Gläubige äußern heute den Eindruck, in der Ökumene bewege sich kaum etwas, sie stehe still. Dieser Eindruck hängt zu einem großen Teil auch damit zusammen, dass man über die Entwicklungen und Fortschritte in der Ökumene nicht in genügendem Maße informiert ist. Es ist deshalb wichtig, Vorsorge dafür zu treffen, dass die wichtigsten Entwicklungen in der Ökumene rezipiert werden können. Dies gilt vor allem von den Dokumenten, die von ökumenischen Kommissionen erarbeitet und veröffentlicht werden. Die ‚Acta Oecumenica‘ werden die ökumenischen Bemühungen von Papst Franziskus, die Aktivitäten des Päpstlichen Rates für die Einheit der Christen und die wichtigsten ökumenischen Dialogtexte dokumentieren“.

Zur Frage über die Auswirkungen der Coronavirus-Pandemie auf die Ökumene stellte der Präsident des Päpstlichen Rates für die Einheit der Christen fest:Die Ökumene lebt vom Dialog und von der unmittelbaren Begegnung. Dies ist aufgrund der Restriktionen während der Corona-Pandemie nicht leicht zu realisieren, da weder Besuche von Repräsentanten anderer christlichen Kirchen hier in Rom empfangen noch von uns Reisen zu Begegnungen mit anderen Kirchen unternommen werden können. Ökumenische Dialoge lassen sich nur schwer im Home Office verwirklichen. Auf der anderen Seite führt die schwierige Situation heute die christlichen Kirchen, die gleichsam alle im selben Boot sind, auch tiefer zueinander. Dies hat sich beispielsweise gezeigt, als Papst Franziskus alle christlichen Kirchen eingeladen hat, am 25. März mit ihm gemeinsam das Vaterunser mit der Bitte um Beendigung der Pandemie zu beten. Auf meinen Brief an alle Vorsteher der christlichen Kirchen haben die allermeisten Adressaten sehr schnell und dankbar für die Initiative geantwortet. Dies hat mir gezeigt, wie tief die ökumenischen Beziehungen inzwischen geworden sind und dass sie auch in sehr schwierigen Situationen weiter vertieft werden können. Doch natürlich freuen wir uns, wenn unmittelbare Begegnungen und Dialoge wieder möglich sein werden“.

Aus Anlass des 60-Jahr-Jubiläums hatte Kardinal Koch am Freitagmorgen in der Kapelle „Santa Maria, Regina delle Famiglia“ des Regierungssitzes der Vatikanstadt („Governatorato“) eine Dankmesse gefeiert. Am 5. Juni 1960 – dem damaligen Pfingstfest – hatte Papst Johannes XXIII. ein „Motu proprio“ veröffentlicht, mit dem das Sekretariat für die Einheit der Christen errichtet wurde.

Freilich hatte es schon zuvor erste semi-offizielle ökumenische Initiativen mit katholischer Beteiligung gegeben. Besonders bedeutsam waren die „Conversations de Malines“ (Gespräche von Mecheln). Dabei handelte es sich um fünf Gesprächsrunden katholischer und anglikanischer Spitzenpersönlichkeiten; diese Gespräche fanden zwischen 1921 und 1925 unter dem Vorsitz des damaligen belgischen Primas, Kardinal Desire-Joseph Mercier, im Erzbischöflichen Palais in Malines (Mecheln) statt. Papst Pius XI. und der anglikanische Primas Randall Thomas Davidson hatten offenbar stillschweigend zugestimmt, dass diese Gespräche stattfinden konnten. Nach dem Tod von Kardinal Mercier 1926 wurde die Initiative nicht weitergeführt, es gab aber indirekte Auswirkungen auf die weitere Entwicklung der ökumenischen Bewegung. 1952 gründete der niederländische Prälat (und spätere Kardinal) Johannes Willebrands die katholische Konferenz für ökumenische Fragen, die alljährlich die wichtigsten katholischen Befürworter des ökumenischen Dialogs versammelte. Die Konferenz wurde vom Heiligen Stuhl offiziell nie anerkannt, aber Willebrands achtete darauf, Kardinal Alfredo Ottaviani, den Präfekten der Vorgängerorganisation der Glaubenskongregation, auf dem Laufenden zu halten.

1959 kam es dann auf Rhodos bei der Tagung des Zentralausschusses des Weltkirchenrates zu einem „Zwischenfall“. Willebrands und P. Jean-Christophe Dumont hatten sich als Journalisten akkreditiert, eine andere Form der Teilnahme wäre damals nicht möglich gewesen. P. Dumont versuchte, mit orthodoxen Theologen ins Gespräch zu kommen. Dies wurde so interpretiert, dass die katholische Kirche die orthodoxe Teilnahme am Weltkirchenrat unterminieren wolle. Daraufhin wurden bereits vereinbarte inoffizielle ökumenische Gespräche in Assisi und in Venedig abgesagt. Im Vatikan wurde die Notwendigkeit erkannt, eine offizielle Stelle zur Entwicklung und Pflege der Kontakte zu den anderen christlichen Kirchen zu schaffen. Der deutsche Jesuit Augustin Bea arbeitete einen Vorschlag aus, der von Johannes XXIII. gutgeheißen wurde. Der Papst bestimmte Bea – der im Dezember 1959 zum Kardinal erhoben wurde – als  Chef des neuen Sekretariats für die Einheit der Christen. Bea bildete ein gut eingespieltes Team, dem an vorderster Stelle auch Johannes Willebrands angehörte. Willebrands führte im Sommer 1960 Gespräche mit dem anglikanischen Kanonikus John Satterthwaite (dem späteren Bischof von Gibraltar), die zum Besuch des anglikanischen Primas, Erzbischof Geoffrey Fisher, bei Johannes XXIII. führten. Es begann die Zeit der ökumenischen Spitzendiplomatie, zum Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) wurden offizielle Beobachter der anderen Kirchen eingeladen.