Palästinensische Christen und jüdisch-christlicher Dialog

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Foto: © יורם שורק (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported)

Jerusalem, 17.11.19 (poi) Einen ersten Einblick in die palästinensische Situation erhielt die „Pro Oriente“-Delegation am 15. November in Qubeibeh, einem Dorf, das zwischen Trennmauern in einer Art Enklave liegt. In Qubeibeh – das wahrscheinlich mit dem biblischen Emmaus ident ist – steht „Beit Emmaus“, ein Pflegeheim für palästinensische Frauen christlichen und muslimischen Glaubens, die auf Grund ihres Alters oder einer Behinderung auf Hilfe angewiesen sind. Geleitet wird das Haus von der aus Oberösterreich stammenden Salvatorianerin Sr. Hildegard Enzenhofer SDS; Landeshauptmann Pühringer war u.a. bei seinen „Friedenslicht von Bethlehem“-Reisen immer wieder in dem Haus in Qubeibeh zu Besuch. Auf dem Gelände von „Beit Emmaus“ befindet sich eine Krankenpflegeschule als Abteilung der katholischen Bethlehem Universität. An der top ausgestatteten Schule studieren junge Palästinenserinnen und Palästinenser Krankenpflege – die Zeugnisse werden auch in Israel anerkannt und eröffnen den Absolventinnen und Absolventen sehr gute Berufsaussichten.

Sr. Hildegard – die seit 19 Jahren im Heiligen Land tätig ist – arbeitete im Gespräch mit der „Pro Oriente“-Delegation ihr „Erfolgsgeheimnis“ heraus: Zusammenleben und miteinander reden. In „Beit Emmaus“ werden 35 Frauen betreut, die „Allerärmsten“. An ihrem Schicksal werden Defiziteder lokalen Tradition sichtbar: Es sind Frauen, die nie geheiratet haben oder die nur Mädchen statt der ersehnten Söhne zur Welt brachten, auch schwerste Psychiatriefälle, nicht wenige Frauen mit Behinderungen. Diese werden „versteckt“, dabei ist ihr Anteil wegen der verbreiteten Eheschließungen unter nahen Verwandten relativ hoch, so Schwester Hildegard. Die Ordensschwestern im „Beit Emmaus“ – Salvatorianerinnen und Franziskanerinnen – sind neben Franziskanern, Borromäerinnen und einer lokalen christlichen Familie die einzigen Christen im Dorf, aber die Beziehungen zur Dorfgemeinschaft sind ausgezeichnet. Die Schwestern kaufen alles im Dorf, „wir sind Teil von allem“, sagt Sr. Hildegard. Ihr großes Problem ist die Wasserversorgung, oft gibt es drei Wochen akuten Wassermangel, ein wesentlicher Schritt nach vorn sind die Fiberglaszisternen, deren Bau auch mit Hilfe aus Oberösterreich möglich wurde. Aber die Zerstörung der Infrastruktur in der Intifada wirkt sich auch auf den Alltag des Pflegeheims aus.

Das Herzensprojekt von Sr. Hildegard heißt Bildung, vor allem für Mädchen und junge Frauen, um ihnen ein eigenständiges Leben zu ermöglichen – auch außerhalb der lokal immer noch stark vorhandenen Erwartung, möglichst früh zu heiraten und viele Kinder zu haben. Deswegen engagierte sie sich auch für die Errichtung der Pflegefakultät vor zwölf Jahren, die mittlerweile zu einem Herzeige-Projekt des deutschen katholischen Hilfswerks „Misereor“ geworden ist. Die Studierenden sind zu je 50 Prozent Mädchen und Burschen. 97 Prozent der Absolventinnen und Absolventen haben einen Arbeitsplatz gefunden, nicht wenige auch in Jerusalem. In den Schilderungen der oberösterreichischen Ordensfrau werden Aspekte sichtbar, die nicht auf dem Radar der Nahostberichterstattung sind. Da ist etwa die starke palästinensische Emigrationsbewegung nach Kanada, aber auch nach Chile und in andere lateinamerikanische Länder; die Rückkehr im Alter ist schwierig, durch die große Distanz werden familiäre Bindungen brüchig, vor allem verlieren Migranten, die sieben Jahre außer Landes bleiben, das Recht auf Rückkehr.

 

Österreichische Spuren

Einen ganz anderen Aspekt christlicher Präsenz lernte die „Pro Oriente“-Delegation am 16. November kennen: Das Tantur Ecumenical Institute und die Katholische Universität Bethlehem. Tantur, Zentrum für weiterführende theologische Studien und ökumenische Dialoge, liegt in einem paradiesischen Park und ist durch den Blick auf den zentralen Kontrollpunkt zwischen Jerusalem und Bethlehem am Rachel-Grab ständig mit der harten Realität des Heiligen Landes konfrontiert. Es verdankt seine Entstehung Papst Paul VI. Als er 1964 im Heiligen Land war, fragte er nach den vordringlichen Wünschen der palästinensischen Christen. Die Antwort war: Ein Zentrum für ökumenische Studien, ein Krankenhaus für Behinderte, eine Universität. Mit Tantur entstand ein ökumenisches Zentrum, das sowohl Impulse des historischen Treffens zwischen Paul VI. und dem Ökumenischen Patriarchen Athenagoras I. als auch der Gespräche zwischen dem Montini-Papst und Beobachtern der reformatorischen Kirchen beim Zweiten Vatikanischen Konzil weiterführt. Mit der Sorge für diese „Oase von Studium, Dialog, Gebet und Gemeinschaft inmitten der geopolitischen und religiösen Komplexität des Heiligen Landes“ (mit einer Bibliothek von mehr als 70.000 Bänden) wurde die Notre-Dame-University in Indiana betraut. Der mit Paul VI. und Kardinal Franz König eng verbundene damalige Chef der Notre-Dame-University (und Präsident der Weltföderation katholischer Universitäten), P. Theodore Hesburgh, trug 1972 wesentlich zur Eröffnung von Tantur bei. Es gibt einen zweiten österreichischen Aspekt: Auf dem Hügel, wo heute die weitläufigen Anlagen des Tantur Ecumenical Institute stehen, befand sich ab der Mitte des 19. Jahrhunderts ein Spital der österreichischen Malteser, der Torbau ist in das Institutsgelände integriert.

Der Rektor von Tantur, P. Russell McDougall, machte im Gespräch mit der „Pro Oriente“-Delegation deutlich, dass das Ökumenische Institut sich auch als Instrument des Friedens versteht. Das Ökumenische Institut ermöglicht Theologen aus westlichen christlichen Traditionen – Lehrenden und Lernenden – die Begegnung mit der Realität des Heiligen Landes, vor allem auch den „lebendigen Steinen“ christlicher Präsenz. Tantur steht aber auch Gruppen aus dem Land – Israelis wie Palästinensern – offen, die in einer Atmosphäre der Sicherheit und des Vertrauens aufeinander zugehen wollen. P. McDougall nannte das Beispiel von ehemaligen israelischen Soldaten und früheren palästinensischen „Kämpfern“, die in Tantur versuchen, die aus den gewaltsamen Konflikten resultierenden Traumata gemeinsam zu bearbeiten. P. Dougall machte auch auf die soziale Problematik aufmerksam, die sich daraus ergibt, dass die Mindestlöhne in Israel drei Mal höher sind als in den palästinensischen Gebieten. Daher seien junge Leute aus den Gebieten trotz aller Schwierigkeiten nach wie vor sehr interessiert an Beschäftigungsmöglichkeiten in Israel.

Die ökumenische Situation im Heiligen Land  schilderte der Rektor von Tantur realistisch. Es gebe auch antiökumenische Strömungen. Aber auch Fortschritte seien zu verzeichnen, es werde viel getan, um den Verdacht der „Abwerbung von Gläubigen“ zu zerstreuen. So werde die Weltgebetswoche für die Einheit der Christen im Heiligen Land etwas später abgehalten, um die orthodoxen Epiphanie-Feiern am 19. Jänner nicht zu beeinträchtigen. Sehr gut seien etwa die Beziehungen zwischen syrisch-orthodoxer und syrisch-katholischer Kirche. Auf der praktischen Ebene gebe es in den vielen konfessionell gemischten Familien durchaus Einmütigkeit. Ein neues Element seien die vielen Christen in russischen Einwandererfamilien; die Zahl dieser Christen sei im Vergleich zur mittlerweile relativ niedrigen Quote der autochthonen arabischsprachen  Christen durchaus bedeutend. P. McDougall erzählte ein eindrucksvolles Beispiel: Die Wohnung einer Bekannten, einer palästinensischen orthodoxen Christin, wurde während der 2. Intifada von israelischen Soldaten requiriert, einer der jungen Soldaten verbeugte sich tief vor den Ikonen in ihrem Wohnzimmer und bekreuzigte sich. Der US-amerikanische Ordensmann verwies auf eine wichtige Erfahrung, die auch im Heiligen Land gilt: Während die orientalisch-orthodoxen Kirchen ausdrücklich zur „Teilnahme“ an ihren Gottesdiensten einladen, lehnt die orthodoxe Kirche die Gebetsgemeinschaft mit anderskonfessionellen Christen ab.

 

Eine Uni für das Westjordanland

Von Tantur aus fuhr die Delegation nach Bethlehem zur Katholischen Universität. Diese Universität (BU) wurde im Oktober 1973 eröffnet, ebenfalls als Verwirklichung eines Versprechens von Paul VI. Die Leitung der Uni vertraute der Heilige Stuhl den Schulbrüdern an. Heute sind 3.300 Studierende immatrikuliert, davon 78 Prozent junge Frauen. 75 Prozent sind Muslime, sie kommen oft aus Dörfern, wo keine Christen leben. Bruder Alejandro Cerna, ein gebürtiger Mexikaner, wies als Vertreter der Universitätsleitung im Gespräch mit der „Pro Oriente“-Delegation auf die Bedeutung dieser Tatsache hin: „Im Heiligen Land sind nur zwei bis drei Prozent der Bevölkerung  christlich, an unserer Universität entdecken die muslimischen Studierenden, dass die Christen Palästinenser wie sie selbst sind“. Es gibt sechs Fakultäten: eine für Geisteswissenschaften, eine für Betriebswirtschaft, eine für Naturwissenschaften, eine für Erziehungswissenschaften, eine für Hotelmanagement und Tourismus und eine für Pflege- und Gesundheitswissenschaften, ein Teil von ihr ist in Qubeibeh disloziert. Es gibt zahlreiche Spezialinstitute, wie etwa das „Cardinal Martini Leadership Institute“, das aus Anlass der Verleihung eines Ehrendoktorats an Kardinal Martini von Freunden der Universität errichtet wurde.

Im Gegensatz zu vielen anderen Universitäten ist die BU – die international einen hervorragenden Ruf hat – auf Spenden angewiesen, um den laufenden Betrieb zu finanzieren. Das ergibt sich aus der Diskrepanz zwischen den tatsächlichen Studienkosten und den an die Wirtschaftskraft der Familie angepassten Gebühren für die Studenten. Im akademischen Jahr 2017/2018 betrug der Spendenanteil im Budget 48 Prozent. Um den Ansprüchen der wachsenden Studentenzahl gerecht zu werden, wurde die Universität ständig erweitert. In Konfliktzeiten sei die Universität insgesamt zwölfmal gezwungen worden, ihre Tore zu schließen. Dennoch seien durchgängig außerhalb des Campus Lehrveranstaltungen abgehalten worden.

Die Universität möchte ihren Studierenden die bestmögliche Bildung bieten – trotz aller Schwierigkeiten, so Bruder Alejandro. Die Universität orientiert sich an der Hoffnung, die Vizekanzler Bruder Peter Bray 2013 aus Anlass des 40-Jahr-Jubiläums der Uni zum Ausdruck brachte: „Auch an anderen schwierigen Orten, zum Beispiel in Nordirland und in Südafrika, ist schließlich der Friede gekommen. Wir wollen helfen, die Nation aufzubauen“. Die Universität versteht sich als „friedvoller Ort“, an dem auch junge Menschen in schwierigen Situationen, zum Beispiel Studierende mit körperlichen Behinderungen angenommen werden.

Wie schwierig der „grenzüberschreitende Alltag“ ist, erläuterten zwei Studierende im Hinblick auf die offiziellen Bestimmungen. Besondere Schwierigkeiten ergeben sich im Blick auf die Studierenden aus Ostjerusalem (heute mehr als 40 Prozent der an der BU Immatrikulierten), das 1980 von Israel annektiert wurde, was völkerrechtlich nicht anerkannt ist. Der heute im akademischen Betrieb so wichtige internationale Austausch unterliegt in Bethlehem vielen Behinderungen: Für ausländische Studenten gibt es keine Visa und für in Bethlehem studierende Palästinenser ist es äußerst schwierig, Auslandssemester zu absolvieren.

 

Im „Zelt der Völker“

Am 17. November waren die „Pro Oriente“-Pilgerinnen und Pilger dann zu Gast im „Zelt der Völker“, einer internationalen und interkonfessionellen Jugendbegegnungsstätte auf dem Hof der evangelischen palästinensischen Bauernfamilie Nassar nahe von Nahalin im Westjordanland. Amal Nassar, die heute gemeinsam mit ihrem Bruder Daoud den Hof bewirtschaftet, schilderte den seit Jahren andauernden Konflikt mit den Israelis um ihren strategisch auf einem 950 Meter hohen Hügel gelegenen Besitz. Es war einer der emotional stärksten Momente der „Fact finding Pilgrimage“, schon auf der Anreise verursachte der zu überkletternde „Roadblock“ Unbehagen, mit dem die Landstraße unterbrochen worden war, um eine Zufahrt der palästinensischen Bauern auf das von den Siedlern genutzte Straßensystem zu erschweren. Die Landwirtschaft der Nassars  liegt in Zone C des Westjordanlandes, in einem Gebiet, das nicht nur militärisch, sondern auch zivil der Kontrolle der israelischen Armee (IDF) unterliegt. Rund um den Bauernhof der Nassars sind in den letzten Jahrzehnten fünf israelische Siedlungen entstanden (das Gebiet von „Gush Etzion“). Die überzeugte Christin Amal Nassar orientiert sich an ihrem Motto „Wir weigern uns, Feinde zu sein“. Aber sie und ihr Bruder sind entschlossen, standzuhalten und nicht aufzugeben und weg zu gehen. Vor mehr als 100 Jahren – 1916 – hatte der Großvater Daher Nassar den Landbesitz erworben. Zum Unterschied von vielen anderen palästinensischen Landbesitzern, die nur kleine Anteile ihres Grundes registrieren ließen, um Steuern zu sparen, legte Daher Nassar Wert darauf, seinen Weinberg zur Gänze bei den damaligen osmanischen Behörden eintragen zu lassen. Das erwies sich jetzt als Vorteil, als die israelischen Gerichte die Vorlage der originalen osmanischen Akten verlangten, die im Zentralarchiv in Konstantinopel lagern. 1991 hatte die israelische Regierung den Besitz der Nassars zum „Staatsland“ erklärt, es entwickelte sich ein langjähriger Rechtsstreit, dessen Ausgang immer noch offen ist. Zugleich wurde psychologischer Druck ausgeübt, es kam zur Zerstörung von Bäumen und zur Beschädigung von Wassertanks. 2002 versuchten israelische Siedler, eine Straße durch den Besitz der Nassars zu bauen, was diese gerichtlich verhinderten. Als Rache zerstörten die Siedler 250 Ölbäume. Dank der Hilfe der jüdischen Organisation „Europäische Juden für einen gerechten Frieden in Palästina“ konnten die Nassars neue Bäume pflanzen, die von der Organisation gespendet wurden. Daoud Nassar sagte damals: „Wir brauchen Freunde, die unsere Vision teilen  und uns in unserem gewaltlosen Kampf unterstützen“.  Die Nassars laden internationale Volontäre auf ihren Weinberg ein, es gibt Sommerlager für Kinder,  es gibt ein Frauenbildungsprojekt, das den Frauen des Dorfer Nahalin Englisch- und Computerunterricht sowie kunsthandwerkliche Workshops bietet. Amal Nassar sagte der „Pro Oriente“-Delegation, dass es ihr und ihrem Bruder und ihren Unterstützern „in der Spur des Evangeliums“ um Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung geht. Der „Teufelskreis der Gewalt“ müsse durchbrochen werden: „Anstatt dem anderen zu sagen, er sei im Unrecht, wollen wir ihm in liebevoller Weise und mit unseren friedensstiftenden Handlungen helfen, selbst herauszufinden, dass er im Unrecht sein könnte“. Die Vorgänge um den Bauernhof werden als symptomatisch für den schwierigen Alltag der Palästinenser in der Zone C angesehen (die Zone umfasst 60 Prozent der Westbank, es leben dort 150.000 Palästinenser und 325.000 israelische Siedler).

 

Eine fröhliche Gemeinde

Eher in Dur klang die Begegnung mit den Christen des Heiligen Landes dann am 19. November in Jish aus, einem Bergstädtchen in unmittelbarer Nähe der libanesischen Grenze. Von den 3.000 Bewohnern sind 65 Prozent Christen (die anderen Muslime), die meisten Christen gehören der maronitischen Kirche an. In der regionalen christlichen Tradition hat Jish – in der Antike Giscala genannt – große Bedeutung: Jesus selbst soll auf dem Weg in die phönizischen Küstenstädte Sidon (Saida) und Tyrus (Sur) über Jish gegangen sein, die Eltern des Heiligen Paulus stammten aus dem  Städtchen. Die „Pro Oriente“-Delegation nahm an der maronitischen Messfeier in der 1996 fertiggestellten neuen Pfarrkirche teil und hatte anschließend Gelegenheit, bei einer überaus lebendigen und fröhlichen Pfarrversammlung dabeizusein. Die Christen von Jish sind überzeugt und selbstbewusst, es gibt eine starke „apostolische Bewegung“, die für die Kinder und Jugendlichen gute Angebote erstellt. Freilich gibt es auch hier einen Unterton in Moll: In unmittelbarer Nähe von Jish befinden sich die Ruinen des Ortes Kafr Birim, dessen Bewohner während des Unabhängigkeitskrieges 1948 vertrieben wurden; sie gingen vor Gericht und bekamen 1953 Recht. Aber kurz darauf wurden die Häuser dem Erdboden gleich gemacht. Das einzige Gebäude, das noch steht, ist die maronitische Kirche des Ortes. Jeden Samstag versammeln sich ehemalige Bewohner und deren Nachkommen – von denen viele in Jish wohnen – in der Kirche, um dort an der Heiligen Messe teilzunehmen.

 

Interreligiöse Bildung

Die „komplexe und komplizierte“ politisch-religiöse Struktur des Heiligen Landes macht den christlich-jüdischen Dialog nicht leicht, aber dass es hoffnungsvolle Ansätze gibt, zeigte die Begegnung der „Pro Oriente“-Gruppe mit der jüdischen Religionshistorikerin Yisca Harani am 18. November. Yisca Harani lehrt u.a. am „Avshalom Institute for the Land of Israel Studies“ in Tel Aviv. Sie berät das Religionsministeriums im Hinblick auf „Christian Affairs“, aber auch das Tourismus- und das Innenministerium. Yisca Harani ist aber auch Mitbegründerin der israelischen „Association for the Promotion of Interreligious Education“. 2013 wurde sie gemeinsam mit der palästinensischen Katholikin Margaret Karram mit dem interreligiösen „Mount Zion Award“ ausgezeichnet. Der „Mount Zion Award“ wird jedes zweite Jahr von der „Mount Zion Foundation“ in Luzern und der Benediktinerabtei „Dormitio“ in Jerusalem verliehen.

Wie Yisca Harani betonte, kommt der interreligiösen Bildung außerordentliche Bedeutung für Frieden und Verständigung zu. Der Mangel an religiöser Bildung – sowohl über die eigene als auch über die anderen Religionen – verstärke die Vorurteile. Sie bedauerte, dass unter den jüdischen Israelis sehr wenig Kenntnisse über das Christentum vorhanden sind, gerade auch in der religiös engagierten Gruppe. Sehr oft werde das Bild des Christentums von den Traditionen der Verfolgung geprägt. Die Wissenschaftlerin plädierte für eine „positive Interaktion“ zwischen Juden und Christen. Der Ansatzpunkt müssten dabei die „Multiplikatoren“ sein, es gehe um die „Erziehung der Erzieher“.  Yisca Harani berichtete dabei über ihre positiven Erfahrungen mit Seminaren etwa für Fremdenführer oder Sozialarbeiter, unter ihnen auch „Ultraorthodoxe“. Dabei gehe es nicht um Verwischung von Grenzen, sondern darum, etwa einen „Tour Guide“ in die Lage zu versetzen, seinem jüdischen Publikum zu erklären, dass die Christen über die Kirche, vor der man stehe, folgendes sagten. Auch im Schulsystem könnten Kenntnisse über das Christentum vermittelt werden, wenn etwa in Vorbereitung auf einen Besuch in Yad Vashem der familiäre und weltanschauliche Hintergrund von Christen dargestellt wird, die als „Gerechte unter den Völkern“ geehrt wurden, weil sie während der Shoah jüdische Menschen gerettet hatten. Immer wieder zeige es sich, dass es besser sei, statt theoretische Kenntnisse über das Christentum zu verbreiten, konkrete Personen und ihre Überzeugung darzustellen.

Als positives Beispiel nannte Yisca Harani auch die Verleihung des diesjährigen „Mount Zion Award“ an die Dachorganisation „Tag Meir“ (Gemeinsam gegen Rassismus), in der 48 israelische Organisationen und Institutionen zusammenwirken, säkulare, Repräsentanten des Reformjudentums und des „konservativen“ Judentums, Orthodoxe und Ultraorthodoxe. Sie alle wenden sich gegen die sogenannten „Price tag“-Attacken jüdischer Extremisten vor allem auf christliche und muslimische Gebäude und Institutionen. „Tag Meir“ sehe den Kampf gegen Rassismus, Gewalt und Zerstörung als Teil  einer  Kampagne zur Unterstützung demokratischer Werte und der „sehr jüdischen Werte der Nächstenliebe und der Gerechtigkeit für alle“. Die Mitglieder von „Tag Meir“ statten den Opfern von Gewaltakten Versöhnungsbesuche ab, übermalen rassistische Graffiti und leisten betroffenen Institutionen Schadenersatz. Sie appellieren an das israelische Höchstgericht, im Justizsystem auf die Strafverfolgung von Tätern und Hetzern, die für „Hassverbrechen“ verantwortlich sind, zu dringen. Von besonderer Bedeutung sei das Projekt „rasche Antwort“ auf jüdische wie arabische Terrorakte im Heiligen Land. Das entsprechende Team von „Tag Meir“ besucht betroffene Familien oder Gemeinschaften und kümmert sich in Krankenhäusern um Verletzte.

Auch den Schulbüchern komme große Bedeutung zu, unterstrich die Religionshistorikerin. Immer müsse man sich die Frage stellen, was bei den nachwachsenden Generationen „hängen“ bleibe. Das könne sich dann unter Umständen auf die Feststellung beschränken, dass Jesus Jude war und dass die Kirche die Ritualmordlegenden zur antijüdischen Agitation benützt habe. Es gebe aber auch Missverständnisse, wenn etwa von Juden die Frage gestellt werde, wieso die Christen es „wagen“ konnten, sich die Heiligen Schriften der Juden (den Tanach, die Propheten und die Psalmen) anzueignen.  Yisca Harani berichtete aus ihrer Praxis aber auch überaus positive Erfahrungen. So trat sie in Kontakt mit dem bayrischen Passionsspielort Oberammergau. Nachdem dort zur Vermeidung von antisemitisch interpretierbaren Aussagen Textänderungen vorgenommen worden waren und mehrere Darsteller nach Jerusalem reisten (wo sie Orte wie die Klagemauer besuchten), wird im kommenden Jahr erstmals eine Gruppe von (mehr als 100) jüdischen Israelis nach Oberammergau fahren, um dort die Passionsspiele zu sehen.

 

Wo Paul VI. und Athenagoras I. zusammentrafen

„poi“-Themenpaket über die „Fact finding Pilgrimage“ von „Pro Oriente“ ins Heilige Land (4) – Erzbischof Girelli: Herausforderungen und Chancen

Ein nüchternes Bild der Situation der christlichen Kirchen im Heiligen Land zeichnete der Apostolische Delegat in Jerusalem, Erzbischof Leopoldo Girelli (er ist zugleich auch Apostolischer Nuntius in Israel mit Sitz in Jaffa-Tel Aviv), bei einer Begegnung mit der „Fact finding Pilgrimage“ von „Pro Oriente“ am 16. November. Die Verhältnisse seien auf Grund der historischen Gegebenheiten „überaus kompliziert“, es gebe  Herausforderungen und Chancen. Erzbischof Girelli empfing die Gäste aus Österreich mit „Pro Oriente“-Präsident Alfons Kloss und dem steirischen Diözesanbischof Wilhelm Krautwaschl an der Spitze in jenem Raum der Apostolischen Delegation, in dem 1964 die historische Begegnung zwischen Papst Paul VI. und dem Ökumenischen Patriarchen Athenagoras I. stattfand – und 50 Jahre später, 2014, die Begegnung zwischen Papst Franziskus und dem heutigen orthodoxen Oberhaupt, Patriarch Bartholomaios I.

Als zentrale Herausforderung bezeichnete Erzbischof Girelli die demographische Entwicklung. Die Emigrationsbewegung der Christen ist zwar zurückgegangen, aber nach wie vor ziehe es junge Christen auf der Suche nach einem besseren Leben nach Europa, Amerika oder Australien. Der Erzbischof zitierte aber auch israelische Statistiken, denen zufolge die Geburtenzahl bei den Christen geringer ist als bei Juden, Muslimen und Drusen. Es gebe auch ökonomische Probleme, wenngleich viele Christen „weder zu den Armen noch zu den Reichen zählen“. Um die Christen zum Verbleib in der Heimat zu motivieren, setze die katholische Kirche vor allem auf ein großzügiges Wohnbauprogramm und auf das Schulwesen.

Als eine Chance für die kirchliche Präsenz im Heiligen Land bezeichnete der Apostolische Nuntius die Zunahme der Pilgerscharen (mit dramatischen Zuwachsraten von 30 bis 40 Prozent in den letzten drei Jahren). Laut israelischem Tourismusministerium waren im Vorjahr von den mehr als vier Millionen Israel-Reisenden 60 Prozent Christen. Freilich bringe die wachsende Zahl der Pilger Probleme für die Heiligen Stätten mit sich, sie stelle auch in der ökumenischen wie in der interreligiösen Dimension eine Herausforderung besonderer Art dar.

Die Beziehungen zwischen dem Heiligen Stuhl und Israel bezeichnete Erzbischof Girelli als gut, der Besuch von Präsident Reuven Rivlin bei Papst Franziskus im Vorjahr sei ein Hinweis darauf. Dass Papst Franziskus etwa kürzlich bei einer Generalaudienz spontan vor dem Wiederaufflammen des Antisemitismus gewarnt habe, sei in der israelischen Öffentlichkeit überaus positiv aufgenommen worden.

Im Hinblick auf die politische Zukunft im Heiligen Land trete der Heilige Stuhl für eine Zwei-Staaten-Lösung und einen international anerkannten Spezialstatus für Jerusalem ein. Fortschritte diagnostizierte Erzbischof Girelli hinsichtlich des Rahmenvertrages über die wirtschaftliche und rechtliche Stellung der katholischen Kirche und ihrer Einrichtungen in Israel. Allerdings sei der Konsultationsprozess in diesem Moment durch die politische Krise in Israel blockiert.

Als gut bezeichnete Girelli – der als Apostolischer Delegat für die palästinensischen Gebiete zuständig ist – auch die Beziehungen zur Palästinensischen Autonomiebehörde in Ramallah. In diesem Zusammenhang bemerkte er, dass der Heilige Stuhl einen zusätzlichen Diplomaten an die Apostolische Delegation entsandt habe, der in besonderer Weise für die Pflege der Beziehungen zur Palästinensischen Autonomiebehörde zuständig sei.

Bereits am Morgen des 16. November war die Delegation aus Österreich vom Apostolischen Administrator des Lateinischen Patriarchats Jerusalem, Erzbischof Pierbattista Pizzaballa – ebenso wie Nuntius Girelli ein Sohn der Provinz Bergamo – empfangen worden. Erzbischof Pizzaballa – zuvor viele Jahre franziskanischer „Kustos des Heiligen Landes“ – legte die pastoralen Hauptprobleme seines Diözesangebiets dar: 90 Prozent der christlichen Ehen im Patriarchat sind „Mischehen“ mit einem Partner, einer Partnerin aus einer anderen christlichen Kirche (zumeist aus der orthodoxen Kirche), daraus resultierten auch Komplikationen im Hinblick auf den Festkalender. Dabei sei die Herausforderung ingesamt größer, als etwa nur das Weihnachtsfest nach dem gregorianischen („katholischen“) Kalender zu feiern und das Osterfest nach dem julianischen („orthodoxen“) Kalender. Aus den Familienstrukturen und dem engen Miteinander in den Dörfern könnten sich weitere Probleme ergeben.

Als  Voraussetzung für den ökumenischen Dialog bezeichnete Erzbischof Pizzaballa den Aufbau freundschaftlicher Beziehungen und die Bereitschaft, „vom anderen und über den anderen zu lernen“: „Schließlich leben wir ja zusammen“. Die gemeinsame Geschichte, die gemeinsame Zugehörigkeit sei eine „Realität“, betonte der Erzbischof und sprach sich zugleich für die Weiterentwicklung einer „arabischen christlichen Theologie“ aus. Notwendig sei die vielberufene „Heilung des Gedächtnisses“ – auch im Hinblick auf die Kirchengeschichte im Heiligen Land – und die Überwíndung der Kinderarmut in den christlichen Familien. Freilich sei die Heiratsrate sowohl aus wirtschaftlichen wie aus kulturellen Gründen bei den Christen niedrig. Insgesamt sei aber auch die Auswanderungsbewegung zurückgegangen.

Erzbischof Pizzaballa nahm in besonderer Weise auf die Situation der christlichen Arbeitsmigranten – vor allem der Frauen aus den ost- und südasiatischen Ländern (Philippinen, Indien, Ceylon usw.) – Bezug, die in Israel – wenn auch in anderer Weise als in den Nachbarländern im Nahen Osten – mit schweren Problemen zu kämpfen haben.

 

Bischof Krautwaschl feierte Gottesdienst in der Benediktinerabtei „Dormitio“

Das Ringen um Frieden könne gerade in einer Stadt wie Jerusalem nie zu Ende sein, betonte der steirische Diözesanbischof Wilhelm Krautwaschl am Sonntag, 17. November, bei der Feier der Heiligen Messe in der Benediktinerabtei „Dormitio“ auf dem Zionsberg in der Heiligen Stadt. Der steirische Bischof dankte den deutschen Benediktinermönchen der „Dormitio“ für den Dienst, den sie „für Jerusalem und die Welt“ leisten.

In seiner Predigt unterstrich der Bischof auf dem Hintergrund der dramatischen Evangelientexte in diesem Abschnitt des Kirchenjahrs mit ihren Weltuntergangsszenarien die Bedeutung der Hoffnung als „Anker der Seele“. Es gehe darum, mitten in dieser Welt mit ihrem Machbarkeitsdenken und dem Drang, sich über andere zu erheben, auf der Suche nach Gott zu bleiben und die Hoffnung zu leben.

Die „Pro Oriente“-Delegation ging mit dem Bischof anschließend zum benachbarten Abendmahlssaal, einem gotischen Bau aus der Zeit des lateinischen Königreichs, der aber später von den Osmanen zur Moschee umgewandelt wurde (gelegentlich sind auch heute dort Messfeiern möglich). Da nach der Tradition an diesem Ort (bzw. seinem antiken Vorgängerbau) die Abschiedsreden Jesu mit ihrem eindringlichen Appell zur Einheit der Christen gehalten wurden, hielten die Mitglieder der „Pro Oriente“-Delegation im von Pilgern und Touristen vieler Nationen und Konfessionen bevölkerten Saal ein stilles Gebet für die Ziele des ökumenischen Dialogs.

Die „Dormitio“-Abtei ist eine deutschsprachige Benediktinerabtei auf dem Berg Zion in Jerusalem. Der Name leitet sich vom Patrozinium der Entschlafung der seligen Jungfrau Maria ab. Bereits vor der Kirchentrennung von 1054 und dann wieder in der Zeit des Lateinischen Königreichs gab es in Jerusalem benediktinische Niederlassungen. Im Zusammenhang mit der Palästina-Reise von Wilhelm II. im Jahr 1898 wurde das Jahrhunderte hindurch vernachlässigte Grundstück wieder für den Bau einer Kirche zugänglich gemacht. 1910 wurde der Bau der Basilika und der neuen Abtei vollendet. 1967 während des Sechstagekrieges lag die Abtei im Feuer der Kriegsparteien. Die Kirche und die Klostergebäude befinden sich im Besitz des Deutschen Vereins vom Heiligen Lande.

Im Gespräch mit der „Pro Oriente“-Delegation hielt Abt Bernhard Maria Alter ein eindringliches Plädoyer für die christliche Einheit: „Wir sind nicht glaubwürdig, solang wir nicht in Einheit leben“. Der 2018 gewählte Abt personifiziert dieses Streben nach Einheit. Als Sohn aus einer deutsch-russischen Ehe wurde er im ostpreußischen Allenstein (Olsztyn) geboren. Er studierte in Russland Kunstgeschichte und Ikonenmalerei, 1970 trat er bei den Paulinern im polnischen Jasna Gora ein. Später war das Benediktinerkloster Niederaltaich in Niederbayern, wo „lateinische“ und „byzantinische“ Mönche unter einem Dach leben, sein Ziel. Im Heiligen Land wurde P. Bernhard Maria bald zu einem Bezugspunkt für russischsprachige Christen. Seine Ökumene ist eine Ökumene auf menschlicher Basis, er predigt russisch, erklärt katechetische Grundlagen auf hebräisch (ivrit) und russisch, Einige junge Leute aus dieser Gemeinschaft sind inzwischen zu orthodoxen Priestern geweiht worden. Abt Bernhard Maria ist überzeugt: „Wir benötigen beides, den spirituellen Schatz der Orthodoxen und die Erfahrungen der Katholiken im pastoralen Zugang zu den Gläubigen“.

Abt Bernhard Maria und seine Mitbrüder betreuen in Jerusalem und Umgebung die deutschsprachige Seelsorge . Im Gespräch wurden aber auch die engen Beziehungen zu den beiden russisch-orthodoxen Frauenklöstern in Bethanien betont (eines gehört dem aktiven Martha-Zweig, das andere dem kontemplativen Maria-Zweig an, beide beziehen sich auf die Großfürstin und Märtyrerin Jelisaweta Fjodorowna/Elisabeth von Hessen-Darmstadt).

Seit 1973 besteht an der „Dormitio“ ein deutschsprachiges ökumenisches Studienprogramm, das „Theologische Studienjahr Jerusalem“. Ursprünglich für katholische Priesterseminaristen bestimmt, hat sich das „Studienjahr“ inzwischen für Frauen und auch für evangelische und orthodoxe Christen geöffnet. Wie die Dekanin, Prof. Johanna Erzberger, im Gespräch mit der „Pro Oriente“-Delegation mitteilte, sind mittlerweile auch Studierende der islamischen Theologie aus Deutschland Gäste des „Studienjahrs“. Eine vergleichbare christlich-jüdische Initiative sei in Vorbereitung. Im Programm des „Studienjahrs“ finden sich die wichtigen theologischen Themen der christlichen Ökumene, aber auch jüdische Studien und Islamkunde.

Das Fazit des Abtes der „Dormitio“ im Hinblick auf die christliche Präsenz in Jerusalem und die Entwicklung der Ökumene lautet: „Es lohnt sich, weiterzugehen“. Es gebe immer wieder Zeichen dafür, wie etwa die Errichtung eines Klosters der Schwestern von Bethlehem“, eine den Kartäuserinnen nahestehende streng klausurierte Gemeinschaft, die 1951 in Frankreich gegründet wurde (in Österreich haben die Schwestern seit 1985 das Kloster „Maria im Paradies“ auf der Kinderalm in St. Veit im Pongau in der Erzdiözese Salzburg).