Papst-Enzyklika „Fratelli tutti“ als „Akzent der Hoffnung“ im Nahen Osten

Kardinäle Sako und Ayuso Guixot betonen positive Auswirkungen in der von Kriegen und Extremismus geprägten Gesellschaft der arabischen Länder

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Foto ©: Osservatore Romano

Bagdad-Vatikanstadt, 06.10.20 (poi)  Angesichts der politischen Spannungen und der Corona-Notlage im Nahen Osten setze Papst Franziskus mit seiner Enzyklika „Fratelli tutti“ einen „Akzent der Hoffnung inmitten von Krise und Not“. Das bekräftigte im Interview mit „Radio Vatikan“ der chaldäisch-katholische Patriarch, Kardinal Mar Louis Raphael Sako. „Es war notwendig, eine andere Stimme zu hören als jene Rufe, die Krieg, Extremismus und Böses säen“, sagte der Patriarch. Er wertet die Enzyklika als spirituellen Weckruf, der sich an Christen wie Muslime und alle Menschen guten Willens richte. Der Kardinal-Patriarch nahm die neue Enzyklika zum Anlass für einen eindringlichen Appell zu Frieden, Versöhnung und mehr Gerechtigkeit im Irak: „Es gab genug Krieg, Unterdrückung und Elend. Wir sind keine Feinde, und wir brauchen Vergebung, besonders in unserem Land, wo es nur Rache gibt… Die Menschen müssen ihre Herzen für diese prophetische Stimme öffnen!“  Mar Louis Raphael Sako wird nicht  müde, in seinem Heimatland für nationale Versöhnung und interreligiöse Verständigung einzutreten: „Man muss eine geschwisterliche, solidarische, gerechte Gesellschaft schaffen, die alle heilt, nicht nur eine Klasse“. Er bemüht sich um mehr politische Mitsprache der Christen, die unter dem neuen Premier Mustafa al-Kadhimi möglich scheint.

Im Gespräch mit „Radio Vatikan“ sagte der Patriarch aber auch: „Es herrscht politische Verwirrung, und eine sehr starke Spannung im Land zwischen denen, die für den Iran und denen, die für Amerika sind. Dies geschieht nicht nur im Irak, sondern auch in Syrien, Libanon und im gesamten Nahen Osten. Das sind Spannungen, die sehr schlecht für die Bevölkerung sind. Die Regierung bemüht sich, sie ergreift Maßnahmen gegen Korruption und die Umtriebe von Bewaffneten, hoffen wir das Beste“. Verschärft wird die Krise im Irak aktuell durch die Corona-Pandemie, die die Wirtschaft belastet, Menschen in die Armut treibt und das irakische Gesundheitssystem überfordert. „Wir haben 5.000 Infizierte pro Tag“, berichtet Mar Louis Raphael Sako: „Wir haben nicht genug Krankenhäuser, Medikamente, grundlegende Gesundheitsmaßnahmen. Jeder bleibt isoliert in seinem eigenen Haus“.  Insgesamt belaufe sich die Zahl der Infizierten im Irak auf derzeit 370.000 Fälle, mehr als 9.000 Menschen starben bereits an der Seuche. Das chaldäische Patriarchat bemühe sich, den besonders betroffenen Armen Hilfe zu leisten.

Hoffnung gebe den Gläubigen die Wiedereröffnung der Kirchen seit Sonntag, in denen jetzt unter Berücksichtigung der Corona-Präventionsmaßnahmen wieder Messen gefeiert werden können.  „Am Sonntag waren in der Rosenkranzkirche etwa 70 Leute da, die alle mit Begeisterung kamen. Sie dankten Gott für ihre Gesundheit, und wir beteten für das Ende aller Kriege“. Sieben Monate seien die Kirchen zwar wie die Moscheen offen gewesen, aber Messen und Versammlungen waren ausgesetzt.

 

„ Allen ins Gewissen reden“

Nach den Worten des Präsidenten des Päpstlichen Rates für den interreligiösen Dialog, Kardinal Miguel Angel Ayuso Guixot, hebt die neue Enzyklika des Papstes „Fratelli tutti“ die Bedeutung der Gespräche unter den religiösen Führern hervor. Für den Gründer der katholischen Gemeinschaft Sant’Egidio, Andrea Riccardi „brauchen die internationalen Institutionen in dieser Zeit eine „Vision“ und diese liefere „Fratelli tutti“.

Die Enzyklika sei ein Meilenstein in der Geschichte der Kirche, so Kardinal Ayuso Guixot im Gespräch mit „Radio Vatikan“. Der Kardinal wies darauf hin, dass „die Menschheit in dieser Zeit einen besonderen Moment in ihrer Geschichte erlebt: Spaltungen, Kriege, Auseinandersetzungen auf verschiedenen Ebenen der Gesellschaft, Misstrauen gegenüber dem Multilateralismus, der uns nach zwei Weltkriegen so sehr geholfen hat, eine gewisse Einheit der Menschheitsfamilie zu schaffen“. In der Vergangenheit sei oft gesagt worden, dass die Religionen ein Problem für den Frieden seien. Stattdessen glaube er, dass die neue Enzyklika durch den Vorschlag von Papst Franziskus nichts Anderes tue, „als die Bedeutung der verschiedenen religiösen Traditionen zu betonen, um eine brüderlichere Welt zu fördern und eine soziale Freundschaft zu schaffen, die uns helfen sollte, Probleme zu überwinden. Wir sitzen alle im selben Boot“.

Für Prof. Andrea Riccardi, den Gründer der Gemeinschaft „Sant’Egidio“, befinden sich im Blick auf „Fratelli tutti“ die internationalen Institutionen in einer Krise: „Wir können an die UN-Krise denken, auch an die Tatsache, dass UNO-Generalsekretär Antonio Guterres sich an den Papst gewandt hat“. Die internationalen Institutionen würden in diesem Moment eine „Vision“ brauchen, aber die Welt sei“allergisch gegen Visionen“, so Riccardi im Gespräch mit „Radio Vatikan“. „Fratelli tutti “ sei kein dogmatischer Text, aber die Enzyklika könne Katholiken und Nichtkatholiken dazu bringen, über die Neuaufstellung der internationalen Institutionen zu diskutieren, so Riccardi.