Papst Franziskus empfing ukrainischen Präsidenten in Audienz

Im Gespräch zwischen Selenskij und Kardinal Parolin sowie Erzbischof Gallagher ging es vor allem um humanitäre Fragen und die Notwendigkeit von „Engagement und Kohärenz“ im Friedensdialog

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Foto: © Ukrinform TV (Quelle: Wikimedia: Lizenz: Creative Commons Attribution 3.0 Unported)

Vatikanstadt, 08.02.20 (poi) Papst Franziskus hat am Samstag den ukrainischen Präsidenten Wladimir Selenskij in Audienz empfangen. Nach der Papstaudienz traf der Präsident mit Kardinal-Staatssekretär Pietro Parolin und dem vatikanischen „Außenminister“, Erzbischof Paul R. Gallagher, zusammen, die den Gast aus Kiew gemeinsam empfingen. Im offiziellen vatikanischen Kommunique heißt es: „Die Gespräche im Staatssekretariat waren vor allem der humanitären Situation und der Suche nach Frieden im Kontext des Konflikts gewidmet, der die Ukraine seit 2014 heimsucht“. In diesem Zusammenhang sei der Wunsch ausgesprochen worden, dass alle Beteiligten „größte Sensibilität im Hinblick auf die Bedürfnisse der Bevölkerung zeigen, die das erste Opfer der Gewalt ist“. Ebenso sei es darum gegangen, dass alle „Engagement und Kohärenz“ im Dialog unter Beweis stellen. Im Gespräch zwischen Selenskij und Parolin und Gallagher sei es auch um Fragen der „bilateralen Zusammenarbeit“ und den Beitrag der katholischen Kirche gegangen, die in der Ukraine in drei Riten präsent sei – dem lateinischen, dem byzantinischen und dem armenischen.

Selenskij war erstmals seit seiner Wahl im Mai 2019 im Vatikan zu Gast. Auf „Twitter“ teilte der ukrainische Präsident mit, er habe Papst Franziskus um Hilfe beim Gefangenenaustausch gebeten. Er bezeichnete sich als „inspiriert“ von dem Gespräch mit Papst Franziskus über den Frieden in der Ukraine. Selenskij hat es immer abgelehnt, eine „konfessionelle“ Position einzunehmen; er glaube an Gott, ziehe es aber vor, ohne öffentliche Aufmerksamkeit mit Gott zu sprechen.

 

Frieden in der Ukraine: Selenskij setzt auf Hilfe des Papstes

Der ukrainische Präsident lud Papst Franziskus zum Besuch des Landes einschließlich der Konfliktzone im Donbass ein – Selenskij verharrte im Petersdom am Grab des unierten Märtyrer-Bischofs Iosafat Kuntsewytsch

Kiew-Vatikanstadt, 09.02.20 (poi) Im Gespräch mit Papst Franziskus sei es vor allem um den Frieden gegangen, berichtete der ukrainische Staatspräsident Wladimir Selenskij in Kiew nach seiner Rückkehr aus dem Vatikan. „Der Papst hat mich sogar ‚Friedens-Präsident‘ genannt, das ist jetzt mein Image in Europa“, sagte Selenskij, der bei seinem Vatikan-Besuch von seiner Frau Olena begleitet wurde. Er habe den Papst in die Ukraine eingeladen, teilte der Präsident mit: „Ich bin sicher, dass er in die Ukraine kommen wird, nicht nur in die Hauptstadt. Ich habe ihm gesagt, dass man auch in die Ostukraine fahren muss, um voll zu verstehen, was dort geschieht“. Papst Franziskus sei in der Ukraine sehr willkommen, „er erfreut sich bei uns der Unterstützung und des Vertrauens in außerordentlichem Ausmaß“.

Selenskij unterstrich seine Überzeugung, dass der Heilige Stuhl eine wichtige Rolle bei der Herstellung des Friedens in der Ukraine haben könne. Es sei sehr wichtig, dass die Begegnung mit dem Papst zwei Monate nach dem Gipfel im „Normandie-Format“ in Paris und vor dem geplanten Treffen in Berlin stattgefunden habe. Er habe Papst Franziskus gebeten, bei der Weiterführung des Gefangenenaustausches mitzuhelfen, so der Präsident. Im Gespräch sei es auch um humanitäre Initiativen für Kinder und Umweltschutzmaßnahmen im Sinn der „Bewahrung der Schöpfung“ gegangen. Selenskij brachte auch die Dankbarkeit für die Hilfsaktion des Papstes zu Gunsten der Not leidenden Menschen in der Ostukraine zum Ausdruck. Durch diese Aktion seien mehr als 900.000 Menschen erreicht worden. Ebenso hob der Präsident die „überaus wichtige Rolle“ der Kirchen bei der Entwicklung der Gesellschaft in der Ukraine hervor.

Nach Informationen aus Kiew brachte Selenskij auch die Frage der Seligsprechung des 1944 verstorbenen Lemberger Metropoliten Andryj Scheptyckyj zur Sprache. Die Seligsprechung wird von vielen griechisch-katholischen unierten Gläubigen in der Ukraine sehnlichst erwartet. Nach der Begegnung mit dem Papst und dem Gespräch mit Kardinal-Staatssekretär Pietro Parolin und dem vatikanischen „Außenminister“, Erzbischof Paul Richard Gallagher, besuchte Selenskij mit seiner Entourage den Petersdom. Er verharrte vor den Mosaikbildern des Heiligen Wladimir und der Heiligen Olga (den beiden „apostelgleichen“ Heiligen ist die Taufe der Kiewer Rus zu verdanken), aber auch am Grab des Heiligen Iosafat Kuntsewytsch. Der 1623 ermordete Heilige gilt als Protomärtyrer der aus der Brester Union von 1596 entstandenen griechisch-katholischen, mit dem Papst in voller Gemeinschaft stehenden unierten Kirche auf dem Territorium der „Rzeczpospolita“, der polnisch-litauischen Doppelrepublik, die weit nach Osteuropa reichte. Iosafat Kuntsewytsch trat mit 20 Jahren in das berühmte Dreifaltigkeitskloster  in Vilnius ein, 1617 wurde er zum Bischof von Witebsk, ein Jahr später zum Erzbischof von Polotsk ernannt. Bei einem Pastoralbesuch in Witebsk wurde der Erzbischof am 12. November getötet. Als die „Rzeczpospolita“ in den letzten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts auf die Nachbarmächte aufgeteilt wurde, gelangten die Reliquien des Märtyrers in das habsburgische Teilungsgebiet. 1867 erfolgte die Heiligsprechung des Märtyrers. Während des Ersten Weltkriegs transferierten die österreichisch-ungarischen Truppen bei ihrem Abzug aus Ostgalizien die Reliquien nach Wien, wo sie in der ukrainischen griechisch-katholischen Pfarrkirche St. Barbara in der Postgasse aufbewahrt wurden. Nach 1945 wurde der Zugriff des „sowjetischen Elements“ auf die Kirche St. Barbara im von den vier Besatzungsmächten gemeinsam kontrollierten 1. Bezirk befürchtet, daher wurden die Reliquien in einer Nacht-und-Nebel-Aktion nach Rom gebracht, seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil werden sie im Petersdom verehrt.

Im Gespräch mit Parolin und Gallagher betonte Selenskij die fruchtbare Zusammenarbeit zwischen der Ukraine und dem Heiligen Stuhl seit der Aufnahme der diplomatischen Beziehungen vor genau 28 Jahren. Die Ukraine wolle diese Beziehungen noch vertiefen, sagte der Präsident: „Wir haben gemeinsame Werte und eine gemeinsame Vision der Zukunft“. Kiew setze auf die Unterstützung des Papstes und des Heiligen Stuhls, um eine friedliche Lösung der Situation im Donbass zu erreichen. Der zwischenkirchliche und interreligiöse Dialog in der Ukraine könne als Beispiel für andere Länder gelten, hob Selenskij hervor. Sowohl das Treffen mit Papst Franziskus als auch die Begegnung mit den beiden kurialen Spitzenfunktionären zeichneten sich durch besondere Herzlichkeit aus. „Es ist eine Freude, Sie zu empfangen“, sagte der Papst, als Selenskij eintrat. Zur Erinnerung übergab er dem ukrainischen Präsidenten eine Medaille des Heiligen Martin von Tours, der sich um die Not leidenden und in Schwierigkeiten befindlichen Menschen gekümmert habe, das ukrainische Volk könne in der gegenwärtigen Situation einen solchen Fürsprecher gebrauchen.