Papst Franziskus in größter Sorge um den Libanon

In seiner Weihnachtsbotschaft appellierte er an die Verantwortlichen des Landes, die Sonderinteressen hintanzustellen, 24 Stunden zuvor hatte er in einem Brief an Kardinal-Patriarch Rai die libanesischen Politiker aufgerufen, dem öffentlichen Interesse zu dienen – Internationale Gemeinschaft muss dem Libanon helfen, sich aus den regionalen Konflikten und Spannungen herauszuhalten – Papst plant Libanon-Reise

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Foto: © Yoniw (Quelle: Wikipedia, Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported)

Vatikanstadt-Beirut, 25.12.20 (poi)   Papst Franziskus hat am Christtag in seiner Weihnachtsbotschaft der Situation des Libanons besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Wörtlich sagte der Papst: „Der Stern, der die Heilige Nacht erleuchtet hat, möge das libanesische Volk leiten und ermutigen, auf dass es in den Schwierigkeiten, denen es ausgesetzt ist, mit der Unterstützung der internationalen Gemeinschaft die Hoffnung nicht verliere. Christus, der Fürst des Friedens, helfe den Verantwortlichen des Landes, die Sonderinteressen hintanzustellen und sich mit Ernsthaftigkeit, Ehrlichkeit und Transparenz dafür einzusetzen, dass der Libanon einen Weg der Reformen durchlaufen und seine Berufung zur Freiheit und zum friedlichen Zusammenleben fortführen kann“.

Nur 24 Stunden zuvor hatte der Papst an den maronitischen Patriarchen, Kardinal Bechara Boutros Rai, einen Brief gerichtet, in dem er die aktuelle politische Situation des Libanons schonungslos darlegte, die Politiker des Landes aufforderte, dem öffentlichen Interesse zu dienen und an die internationale Gemeinschaft appellierte, dem Libanon zu helfen, sich aus den regionalen Konflikten und Spannungen herauszuhalten. Zugleich kündigte Papst Franziskus seinen Besuch im Libanon an, sobald dies möglich sei. In dem Brief an Rai machte der Papst eingangs klar, dass seine Botschaft über den Kardinal-Patriarchen an alle Libanesen gerichtet sei. „Ohne Unterscheidung der Gemeinschaft oder der religiösen Zugehörigkeit“ wolle er aus Anlass des Weihnachtsfestes an die Libanesen „einige Worte des Trostes und der Ermutigung“ richten, so Papst Franziskus.

Es bereite ihm großen Schmerz, das Leid und die Angst zu sehen, die die „angeborene Unternehmungslust und Lebhaftigkeit des Zedern-Landes“ zu ersticken drohe, stellte Papst Franziskus fest. Es sei noch schmerzlicher, dass die Hoffnungen auf ein Leben in Frieden und auf die Fortsetzung des Zeugnisses für ein gutes Zusammenleben, „eine Botschaft der Freiheit für die ganze Welt“, schwinden. Besonders gehe ihm das Schicksal der vielen jungen Leute zu Herzen, denen „jede Hoffnung auf eine bessere Zukunft“ genommen werde.

Aber er sei sicher, dass die göttliche Vorsehung den Libanon nicht im Stich lassen werde. Der Libanon werde in den Heiligen Schriften oft zitiert, der Papst nennt insbesondere Psalm 92: „Der Gerechte sprießt wie die Palme, er wächst wie die Zeder des Libanons“. Der majestätische Zedernbaum sei in der Bibel Symbol der Festigkeit, der Stabilität, des Schutzes.

Papst Franziskus appellierte an die Libanesen, wie die Zeder aus den tiefen Wurzeln ihres Zusammenlebens die Kraft zu ziehen, um wieder ein solidarisches Volk zu sein. Wie die Zeder, die jedem Sturm widersteht, könnten die Libanesen ihre Identität wieder entdecken, die darin bestehe, der ganzen Welt den Duft „des Respekts, des Miteinanders und des Pluralismus“ zu vermitteln als ein Volk, „das seine Häuser und sein Erbe nicht verlässt“ und die Träume jener, die an die Zukunft eines „schönen und prosperierenden Landes“ geglaubt haben, nicht fallen lässt. In dieser Perspektive wende er sich an die politischen und religiösen Führungspersönlichkeiten des Libanons mit einem Appell des maronitischen Patriarchen Elias Hoyek (1843-1931), der am Beginn der libanesischen Staatlichkeit die Politiker daran erinnert hatte, dass sie verpflichtet seien, dem öffentlichen Interesse zu dienen und nicht ihrem eigenen Fortkommen.

Am Schluss des Briefes, in dem er auch seinen Besuch im Libanon ankündigte, wandte sich der Papst „noch einmal“ – wie schon etliche Male zuvor – an die internationale Gemeinschaft mit dem Appell, den Libanon nicht in die regionalen Konflikte und die geopolitischen Machtspiele hineinzuziehen: „Helfen wir dem Libanon, die schwere Krise zu überwinden und sich zu erholen“.

 

Kardinal Rais Bemühungen wurden konterkariert

Der maronitische Kardinal-Patriarch übte sowohl am 24. als auch am 25. Dezember aus Anlass des Weihnachtsfestes scharfe Kritik an der libanesischen politischen Klasse und forderte die Bildung einer nicht parteigebundenen Expertenregierung. Für die Bevölkerung sei eine solche Kursänderung von höchster Dringlichkeit, weil sich der Libanon seit mehr als einem Jahr in einer politischen, wirtschaftlichen, finanziellen und sozialen Krise befinde. Die Hoffnungen auf die Bildung einer Regierung vor der Jahreswende waren am Mittwoch, 23. Dezember, zerstoben, als  eine Begegnung zwischen dem Staatspräsidenten Michel Aoun und dem (nach der Beiruter Explosionskatastrophe vom 4. August mit der Regierungsbildung beauftragten) Ministerpräsidenten Saad Hariri ergebnislos blieb. In den Tagen davor hatte sich der maronitische Kardinal-Patriarch massiv für die Bildung einer Regierung zu Weihnachten engagiert. Am Dienstag, 22. Dezember, schien sich nicht zuletzt dank der Bemühungen Rais eine Einigung – auch im Hinblick auf die beiden Schlüsselressorts Innenministerium und Justizministerium – abzuzeichnen. Als Hariri am Mittwoch den Präsidentenpalast in Baabda verließ, gebrauchte er aber die Formulierung, es gebe noch „klare Hindernisse“ für die Regierungsbildung. Der Kardinal-Patriarch soll entsprechend zornig gewesen sein. Am Heiligen Abend sagte Rai bei der Mitternachtsmette, dass der Prozess der Regierungsbildung praktisch wieder am Nullpunkt sei. Staatspräsident Aoun, der selbst der maronitischen Kirche angehört, nahm – unter Berufung auf die sanitätspolizeilichen Bestimmungen im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie – am Christtag dann nicht an der von Kardinal Rai zelebrierten Liturgie teil.

Er sei überzeugt gewesen, dass sich die Verantwortlichen beeilen würden, um die institutionelle Krise zu beenden und die staatlichen Organe wieder handlungsfähig zu machen, betonte Kardinal Rai. Aber es sei nur mehr von Bedingungen und Gegenbedingungen die Rede, die Regional- und Weltmächte würden ins Spiel gebracht. Jetzt stehe der Libanon ohne Exekutivgewalt da und der Zusammenbruch weite sich aus. Wenn die Gründe für das Nichtzustandekommen der Regierung „interner“ Natur seien, bedeute das eine „Katastrophe“, weil es der Beweis für einen Mangel an Verantwortungsbewusstsein sei, stellte der maronitische Patriarch fest. Sollten die Gründe aber „externer“ Natur (Einflussnahmen aus den Hauptstädten der Regional- und Weltmächte) sein, dann wäre die Katastrophe „noch größer“, weil das bedeuten würde, dass die Treue der Verantwortungsträger nicht dem Libanon gilt. Wörtlich stellte Rai fest: „Wir haben unzählige Male gefordert, dass Staatspräsident und Ministerpräsident eine gemeinsame Equipe über den Parteiungen bilden und dass sie sich, wenigstens vorübergehend, von den Pressionen befreien, um eine Expertenregierung zu bilden“.

Die Kritik von Kardinal Rai an der politischen Klasse wird auch von anderen Kirchenverantwortlichen geteilt. So sagte der antiochenisch-orthodoxe Erzbischof von Beirut, Elias (Audi), die Politiker sollte ohne weiteres Zögern eine Regierung bilden. „Nach Ansicht der ganzen Welt ist unser Land in einer Sackgasse“, betonte der Erzbischof: „Jeden Tag schmelzen unsere finanziellen Möglichkeiten, die Sicherheitsgefahren steigern sich, die Menschen sind verzweifelt, aber auf ihre Hilferufe erfolgt keine Antwort durch die Machthaber. Wie lange wollen sie das noch ignorieren“. Es gebe keine Zeit mehr für Querelen und Abrechnungen: „Es ist vielmehr höchste Zeit, hart zu arbeiten, um das Land zu retten“.