Papst Franziskus ruft zum Frieden um Berg-Karabach auf

Eindringlicher Appell beim Angelus-Gebet am Fest Allerheiligen – „Auf fragile Waffenstillstände folgen bewaffnete Auseinandersetzungen“

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Foto: © Furfur (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International)

Vatikanstadt, 01.11.20 (poi)  Papst Franziskus hat zu Allerheiligen in seiner Angelus-Ansprache einen eindringlichen Friedensappell für die zwischen Armenien und Azerbaidschan umstrittene Region Berg-Karabach (Artsach) formuliert. Wörtlich sagte der Papst: „Vergessen wir an diesem Festtag nicht, was in Berg-Karabach geschieht, wo auf fragile Waffenstillstände bewaffnete Auseinandersetzungen folgen, mit einer tragischen Erhöhung der Zahl der Opfer, Zerstörungen von Wohnhäusern, Infrastrukturen und Gotteshäusern, immer massiverer Einbeziehung der Zivilbevölkerung. Es ist tragisch! Ich erneuere meinen Appell an die Verantwortlichen der Konfliktparteien, damit sie ‚so bald wie möglich eingreifen, um das Vergießen unschuldigen Blutes zu stoppen‘ (Enzyklika ‚Fratelli tutti‘, Nr. 192): sie dürfen nicht meinen, die Kontroverse, die sie trennt, mit Gewalt lösen zu können, vielmehr sollen sie sich mit Hilfe der internationalen Gemeinschaft in ehrlichen Verhandlungen engagieren. Meinerseits bin ich allen nahe, die leiden.  Ich lade dazu ein, die Fürbitte der Heiligen für einen stabilen Frieden in der Region anzurufen“.

 

Französische Parlamentarier bei Karekin II.

Vor wenigen Tagen, am 27. Oktober, ist der oberste Katholikos-Patriarch der Armenier, Karekin II., in Etschmiadzin mit einer französischen Parlamentarierdelegation zusammengetroffen. Derr Katholikos würdigte die Unterstützung der französischen Regierung für das armenische Volk angesichts der bitteren Begleitumstände des gegen Artsach losgetretenen Konflikts. Die armenische Kirche sei Frankreich dankbar für alle Anstrengungen, die von Frankreich – als einem der Vorsitzländer der „Minsk Group“ der OSZE –  unternommen werden, um die Situation um Berg-Karabach zu lösen und Frieden herzustellen.

Im Hinblick auf den Artsach-Konflikt unterstrich Karekin II., dass Armenien – im Gegensatz zu den „kriegerischen Statements“ von azerbaidschanischer Seite und den Aspirationen Bakus, den Konflikt durch militärische Gewalt zu lösen – immer bereit gewesen sei, eine Lösung durch friedliche Verhandlungen zu erreichen. Die Politik Bakus, die Armenier aus Artsach zu vertreiben, die von azerbaidschanischer Seite verübten Grausamkeiten und Vertreibungen seien allerdings der Beweis, dass Artsach „in keinem Status“ ein Teil Azerbaidschans sein könne. Der Katholikos betonte seine Hoffnung, dass die internationale Gemeinschaft, vor allem die Vorsitzländer der „Minsk Group“ alles tun werden, um die „zerstörerischen Feindseligkeiten“ zu stoppen und das „freie und unabhängige Leben des Volkes von Artsach und sein Recht auf Selbstbestimmung“ zu schützen.

 

Karekin II. informierte die französischen Parlamentarier über die Anstrengungen der armenischen Kirche zur Wiederherstellung des Friedens und über die Ergebnisse der „trilateralen“ Treffen zwischen ihm, dem Moskauer Patriarchen Kyrill I. und dem azerbaidschanischen Scheich-ul-Islam Allahshukur Paschazade.

Ebenfalls am 27. Oktober empfing Karekin II. eine Delegation hochrangiger armenisch-apostolischer Kleriker aus Osteuropa, die sich ein Bild von der Situation in Artsach machen wollten. Zu der Delegation gehörten u.a. der für Rumänien und Bulgarien zuständige armenisch-apostolische Bischof Datev Agopian sowie mehrere armenisch-apostolische Geistliche, die in Russland (u.a. in Jekaterinburg, Nischnij Nowgorod und Rostow am Don) tätig sind.

 

Hilfsaktionen für die Vertriebenen

Mittlerweile sind in vielen Ländern Hilfsinitiativen vor allem für die bedrängte armenische Bevölkerung von Artsach entstanden. Eine davon ist der christliche Jugendverein „Cevi Zürich“. Der Verein unterstützt seine armenische Partnerorganisation YMCA-Spitak bei der Versorgung von Kriegsflüchtlingen aus Berg-Karabach. Vor allem in der Hauptstadt Stepanakert habe der azerbaidschanische „Dauerbeschuss mit Streubomben“ massive Zerstörungen angerichtet, auch an zivilen Zielen wie Krankenhäusern und Kirchen, sagt Adrian Künsch-Wälchli. Der Co-Geschäftsführer des Jugendvereins „Cevi Zürich“ steht seit Ausbruch des Konflikts in engem Kontakt mit der Partnerorganisation YMCA-Spitak im Norden Armeniens. „Besonders traurig macht uns, dass vier junge Mitarbeitende unserer Partner beim Einsatz als Rekruten an der Front ums Leben gekommen sind“, sagt Künsch-Wälchli.

In Berg-Karabach bahne sich eine humanitäre Katastrophe an, das Leid der mehrheitlich armenischen Zivilbevölkerung sei groß. Tausende von Einwohnern hätten ihre Häuser in den umkämpften Gebieten verlassen, um in Armenien Schutz zu finden – auch in der Stadt Spitak. „Diese Menschen sind dringend auf Obdach und Verpflegung angewiesen, manche sind traumatisiert und benötigen psychologische Unterstützung“, berichtet Künsch-Wälchli. Von der Regierung wurden die Schutzsuchenden auf Privathaushalte und Institutionen verteilt, darunter den YMCA-Spitak.

Die Organisation ist wie der „Cevi Zürich“ Mitglied beim weltweiten „Christlichen Verein Junger Menschen“. Seit 2001 besteht zwischen den beiden Jugendvereinen eine Partnerschaft. So unterstützt der „Cevi Zürich“ den YMCA Spitak unter anderem beim Aufbau eigener Angebote. Auch das YMCA-Zentrum in Spitak entstand mithilfe des „Cevi“. Neben Gästezimmern bietet das Zentrum eine Tagesstruktur mit Kindergarten und Aktivitäten wie Englischunterricht, Sport oder Nähen. Inzwischen konnten 19 Flüchtlinge aus Artsach aufgenommen werden, die Mehrheit davon Kinder, so Künsch-Wälchli. Ziel sei es, die Menschen nicht nur mit dem Nötigsten zu versorgen, sondern sie aktiv einzubeziehen: „Zwei der Frauen arbeiten inzwischen selbst im Kindergarten mit, wo sie Flüchtlingskinder und Kinder aus Spitak betreuen“. Geld für diese Arbeit gibt es von der armenischen Regierung allerdings nicht. Der „Cevi Zürich“ hat deshalb einen Spendenaufruf lanciert, um den Betrieb in Spitak aufrecht zu erhalten. Nötig sei die Arbeit des Zentrums aber nicht nur wegen der Flüchtlinge. Weil ihre Männer im Krieg sind, sind viele Mütter mit ihren Kindern in Spitak auf sich allein gestellt. Im Zentrum biete man den Frauen und Kindern eine Tagesstruktur. „Die psychische Not der zurückgelassenen Frauen ist oft groß, sie leben in konstanter Angst um ihre Angehörigen“, berichtet der „Cevi“-Co-Geschäftsführer.

Vor einigen Tagen habe die armenische Regierung die Bevölkerung dazu aufgefordert, Notfall-Pakete zu packen, um im Fall eines Bombenangriffs die Häuser rasch verlassen zu können. Für die Menschen sei das eine enorme Belastung. „Mit unserer Arbeit tragen wir dazu bei, wenigstens einen Rest von Normalität aufrecht zu erhalten“, so Künsch-Wächli.