Papst Franziskus warnt von Rumänien aus vor den neuen Ideologien

Bei der Göttlichen Liturgie zur Seligsprechung von sieben griechisch-katholischen Märtyrer-Bischöfen ging der Papst auf aktuelle Fragen ein – Die von den Märtyrern geübte Haltung des Erbarmens gegenüber den Peinigern ist eine „prophetische Botschaft“ - „Religiöse Vielfalt ein geistiges Gut Rumäniens, das seine Kultur bezeichnet und kennzeichnet“

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Foto: © (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Attribution-Share Alike 3.0 Unported)

Bukarest, 03.06.19 (poi) Papst Franziskus hat am Sonntag bei der Göttlichen Liturgie zur Seligsprechung von sieben griechisch-katholischen Märtyrer-Bischöfen im rumänischen Blaj die Ansprüche des kämpferischen Säkularismus von heute zurückgewiesen. Neue Ideologien versuchten, auf subtile Weise Macht zu gewinnen und die Menschen von ihren „reichen kulturellen und religiösen Überlieferungen“ zu entfremden. Es handle sich um eine „ideologische Kolonisation“, die den Wert der menschlichen Person, des Lebens, der Ehe und der Familie verachte, stellte der Papst fest. Sie schade mit ihren „entfremdenden Lebensentwürfen, die genauso atheistisch sind wie eh und je“, vor allem den Jugendlichen und den Kindern, weil sie ihnen die Wurzeln vorenthalte, ohne die sie nicht wachsen können.

Wörtlich sagte der Papst vor rund 120.000 Gläubigen, die sich auf dem für die Geschichte Rumäniens überaus bedeutsamen „Feld der Freiheit“ (Campia Libertatii) versammelt hatten: „Ich möchte euch ermutigen, unseren Zeitgenossen das Licht des Evangeliums zu bringen und gegen diese neu aufkommenden Ideologien zu kämpfen wie die seligen Märtyrer-Bischöfe. Jetzt müssen wir kämpfen, so wie sie zu ihrer Zeit kämpfen mussten“. Papst Franziskus appellierte an die Christen Rumäniens, „Zeugen der Freiheit und der Barmherzigkeit“ zu sein, die Brüderlichkeit und den Dialog über den Konflikt zu stellen und zugleich die “Blutsverwandtschaft“ zu vertiefen, die aus der Leidenszeit stammt, „als sich die im Lauf der Geschichte getrennten Christen wieder näherkamen und solidarischer verbunden fühlten“.

Eingangs hatte der Papst im Hinblick auf das Zeugnis der Märtyrer-Bischöfe mit scharfen Worten an die Untaten des Totalitarismus erinnert, ohne das Wort „Kommunismus“ in den Mund zu nehmen. Papst Franziskus erinnerte daran, dass Rumänien „nur zu gut“ das Leid der Menschen kenne, wenn „der Einfluss der Ideologie oder eines Regimes stärker als das Leben ist“, wenn „die Entscheidungsmöglichkeiten, die Freiheit und der Raum der Kreativität beschnitten oder gar ausgelöscht werden“. Die sieben griechisch-katholischen Märtyrer-Bischöfe seien während der grausamen Unterdrückung des Regimes ein „Vorbild im Glauben und in der Liebe“ gewesen. Mit großem Mut und innerer Stärke hätten sie es auf sich genommen, inhaftiert zu werden und jedwede Art von Misshandlung auf sich zu nehmen, nur „um die Zugehörigkeit zu ihrer geliebten Kirche nicht zu verleugnen“. Diese Hirten hätten als Glaubenszeugen dem rumänischen Volk das Erbe von „Freiheit und Barmherzigkeit“ wiedergewonnen. Wörtlich sagte Papst Franziskus: „Diese Haltung des Erbarmens gegenüber den Peinigern ist eine prophetische Botschaft. Heute stellt sie eine Einladung an alle dar, den Hass mit der Liebe und der Vergebung zu besiegen und den christlichen Glauben konsequent und mutig zu leben“.

Im Hinblick auf Freiheit nahm der Papst auf die historische Bedeutung des „Feldes der Freiheit“ Bezug. Im Revolutionsjahr 1848 hatte der Philosophielehrer Aron Pumnul die Priester aufgerufen, aus jedem Dorf ein paar Leute für eine Versammlung zu schicken. Diese Versammlung fand am 15. Mai 1848 auf der „Campia Libertații“ statt. Die Bischöfe Andrei Șaguna (orthodox) und Ioan Lemeni (griechisch-katholisch) leiteten die Versammlung, die Gleichberechtigung der rumänischsprachigen Mehrheitsbevölkerung in Transilvanien wurde energisch eingefordert. 100 Jahre später, am 15. Mai 1948, fand auf dem „Feld der Freiheit“ eine von der mittlerweile kommunistischen Staatsmacht organisierte Kundgebung statt, bei der es um die Auflösung der griechisch-katholischen Kirche und ihre „Rückkehr“ in die Orthodoxie ging.

Am Sonntag sagte Papst Franziskus an diesem historischen Ort wörtlich: „Dieser bedeutsame Ort erinnert an die Einheit eures Volkes, das sich in der Vielfalt der Religionen verwirklicht. Das stellt ein geistiges Gut dar, welches die Kultur Rumäniens und seine nationale Identität bereichert und kennzeichnet“. Die Märtyrer-Bischöfe hätten gelitten und ihr Leben hingegeben, weil sie sich „einem unfreien (illiberalen) ideologischen System, das die Grundrechte der menschlichen Person beschnitten hat, entgegengestellt haben“. In jener traurigen Zeit sei das Leben der katholischen Gemeinschaft vom atheistischen Regime schwer geprüft worden, alle Bischöfe und viele Gläubige der griechisch-katholischen Kirche und der Kirche des lateinischen Ritus seien verfolgt und inhaftiert worden.

Mit der Freiheit sei aber der zweite Aspekt des geistigen Erbes der neuen Seligen die Barmherzigkeit, betonte der Papst: „Ihr beharrliches Bekenntnis der Treue ging mit einer Bereitschaft zum Martyrium ohne Wort des Hasses auf die Verfolger einher“. Ihnen gegenüber hätten die Märtyrer-Bischöfe eine grundlegende Milde gezeigt. Papst Franziskus zitierte in diesem Zusammenhang die Worte des geheim („in pectore“) ernannten Kardinals Iuliu Hossu in seiner Gefangenschaft: „Gott hat uns in diese Dunkelheit des Leidens gesandt, um Vergebung zu schenken und für die Bekehrung aller zu beten“. Diese Haltung des Erbarmens gegenüber den Peinigern sei eine prophetische Botschaft. Heute stelle sie eine Einladung an alle dar, „den Hass mit der Liebe und der Vergebung zu besiegen und den christlichen Glauben konsequent und mutig zu leben“.

Der rumänische griechisch-katholische Großerzbischof, Kardinal Lucian Muresan, hatte zu Beginn des Gottesdienstes daran erinnert, dass Pius XII. 1952 die „Ketten“ jener küssen wollte, die im damaligen Rumänien ungerecht inhaftiert und wegen der Attacken auf die Kirche zutiefst betroffen waren: „Heute ist dieser Wunsch von Pius XII. in Erfüllung gegangen: Petrus ist bei uns, um uns im Glauben zu stärken, um unsere Wunden zu küssen und zu heilen, um uns durch eine authentische ‚Reinigung des Gedächtnisses‘ zu einem neuen Aufschwung anzuspornen“.

Bei der Göttlichen Liturgie in Blaj waren auch Staatspräsident Klaus Johannis (mit seiner griechisch-katholischen Frau Carmen), die Ministerpräsidentin Viorica Dancila und die rumänische Kronprätendentin Prinzessin Margarita anwesend. Dass der Papst bei seiner Predigt in Blaj auch das Edikt von Turda von 1568 – eines der ersten Beispiele für religiöse Toleranz in Europa – erwähnte, wurde positiv aufgenommen, obwohl bei der damaligen transilvanischen Landtagssitzung das orthodoxe Bekenntnis nicht berücksichtigt worden war.