Papst Franziskus will den Libanon besuchen, „wenn es die Bedingungen erlauben“

Kardinal Parolin an die Libanesen: „Ihr seid nicht allein“ – Kardinal-Staatssekretär beim „Tag des Gebetes und des Fastens“ einen Monat nach der Explosionskatastrophe vom 4. August, bei der weite Teile Beiruts schwer getroffen wurden – Appell zur Neugestaltung der „öffentlichen Angelegenheiten“

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Foto: © Saeima; This file has been extracted from another file: Ināra Mūrniece tiekas ar Svētā Krēsla Valsts sekretāru (26363562894).jpg (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 2.0 Generic)

Beirut, 04.09.20 (poi) „Ihr seid nicht allein, die ganze Welt unterstützt euch, alle sind solidarisch“: Mit diesen Worten ermunterte Kardinal-Staatssekretär Pietro Parolin am Donnerstagabend bei einem Gottesdienst, der – coronabedingt – in den Gärten des Marienheiligtums in Harissa stattfand, die jungen Libanesen zu einem Neuanfang. Parolin war im Auftrag des Papstes zu dem für Freitag angesetzten „Tag des Gebetes und des Fastens“ in den Libanon  gekommen.  Am Freitagvormittag traf der Kardinal-Staatssekretär zunächst mit dem libanesischen Präsidenten Michel Aoun in Baabda zusammen, dann gedachte er am Ort der Explosion vom 4. August am Hafen der Opfer der Katastrophe. Zu Mittag konferierte Parolin in Bkerke mit dem maronitischen Kardinal-Patriarchen Bechara Boutros Rai, bevor er die durch die Katastrophe besonders betroffenen Stadtbezirke wie Gemmayze besuchte. Auf dem Programm des Kardinal-Staatssekretärs standen am Donnerstag auch Lokalaugenscheine in den allesamt durch die Katastrophe vom 4. August schwer in Mitleidenschaft gezogenen Kathedralen und Hauptmoscheen in der Innenstadt. Dabei stellte er unter anderem fest, dass Papst Franziskus „den Libanon besuchen will, er ist bereit, wenn es die Bedingungen erlauben“.

Alle Libanesen unterschiedlicher religiöser oder ethnischer Zugehörigkeit hätten jetzt die Aufgabe, im Geist der Solidarität und der nationalen Einheit, des Dialogs und des Miteinanders das Land wieder aufzubauen, betonte der Kardinal-Staatssekretär in Harissa. Er sei beeindruckt von der Arbeit tausender junger Leute, die sich daran gemacht hätten, die Stadt zu säubern, die Trümmer wegzuräumen, Wohnhäuser, Schulen, Spitäler der Hauptstadt wieder in Stand zu setzen. Dieses Zeichen der Hoffnung verbinde sich mit dem Wunsch, dass die „nicht nur physische“ Auferstehung des Libanons auch einen neuen Zugang zur „Gestaltung der öffentlichen Angelegenheiten“ umfasst. Die Gestaltung der Gesellschaft müsse an Rechten und Pflichten ausgerichtet sein, an Transparenz und „kollektiver Verantwortlichkeit im Dienst des Gemeinwohls“.

Bei dem Gottesdienst in Harissa rief Kardinal Parolin die Jugend des Libanons auf, nach den politischen, wirtschaftlichen, finanziellen und gesundheitlichen Krisen des Landes wieder zu Kräften zu kommen. Er zitierte den Propheten Jesaja: „Nur noch eine kurze Zeit, dann wandelt sich der Libanon in einen Garten und der Garten wird als Wald gelten“. Zugleich verwies der Kardinal-Staatssekretär auf das Wort des Papstes am Mittwoch, als er bei der Generalaudienz zu einem „universalen Tag des Gebetes und des Fastens für den Libanon“ aufgerufen hatte: „Habt wieder Mut! Der Glaube und das Gebet sind eure Kraft. Verlasst eure Häuser und euer Erbe nicht, lasst den Traum jener, die an die Zukunft eines schönen und prosperierenden Landes geglaubt haben, nicht zuschanden werden“.

Die ganze Welt habe den „Elan der Solidarität“ bewundert, den die jungen Libanesen nach der Katastrophe vom 4. August gezeigt hätten, erinnerte Kardinal Parolin. Freilich seien viele bedrückt und enttäuscht, weil sie befürchten, dass die Schuldigen nicht zur Verantwortung gezogen werden. Die Libanesen hätten unter großen Lasten zu leiden, aber sie seien nicht allein, unterstrich der Kardinal-Staatssekretär. Papst Franziskus habe in den letzten Wochen fast täglich auf die Situation im Libanon verwiesen und die internationale Gemeinschaft aufgefordert, Hilfe zu leisten. Viele Länder hätten ihre Bereitschaft bekundet, an einer dauerhaften Lösung für die Zedernrepublik mitzuarbeiten. „Ihr setzt vor allem auf die eigene Kraft, aber ihr sollt wissen, dass ihr auch auf eure Freunde zählen könnt“, betonte der Kardinal vor den jungen Leuten (was im Libanon auch als Hinweis auf den kürzlichen Besuch des französischen Präsidenten Emmanuel Macron und auf die am 8. September bevorstehende Visite des italienischen Ministerpräsidenten Giuseppe Conte interpretiert wurde).

Schon bei seiner Ankunft in Beirut hatte der Kardinal-Staatssekretär bei einer ersten Begegnung mit christlichen und muslimischen religiösen Spitzenpersönlichkeiten in der maronitischen Georgskathedrale betont, dass „der Libanon nicht allein ist“. Die Bischöfe und Imame betonten übereinstimmend, dass „der Libanon die Welt braucht“, aber auch die Welt brauche „die einmalige Erfahrung des Libanons im Hinblick auf Solidarität und Freiheit“.