Papstworte über Hagia Sophia entfalten weltweit Wirkung

Zahlreiche Politiker und die UNESCO bedauern türkische Entscheidung für Re-Islamisierung des Gotteshauses am Bosporus

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Foto: © : Casa Rosada (Argentina Presidency of the Nation), Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 2.0 Generic) )

Vatikanstadt-Konstantinopel, 13.07.20 (poi) Die bewegenden Worte von Papst Franziskus über die Hagia Sophia nach dem Angelus-Gebet am 12. Juli werden weltweit zitiert. Der Papst nahm auf den „Tag des Meeres“ Bezug und sagte, das Meer führe ihn weit weg, nach Istanbul (der Papst verwendete den heute gängigen Namen, zuvor hatte Konstantinopel auch in osmanischen Dokumenten Konstantiniye geheißen): „Ich denke an die Hagia Sophia und ich bin sehr traurig“ („sono molto addolorato“). Die knappen – und doch so ausdrucksstarken – Papst-Worte wurden überall verstanden, es bedurfte keiner zusätzlichen Aussagen über das Schicksal der „megali ekklesia“ (der großen Kirche), die im Jahr 537 geweiht wurde, bevor sie 1453 zur osmanischen Reichsmoschee und dann 1934/35 zum Museum werden sollte, um jetzt wieder Moschee zu sein.
Das Schicksal des großen Gotteshauses ist auch Thema der „großen Politik“. Am Montag wurde bekannt, dass der russische Präsident Wladimir Putin mit seinem türkischen Amtskollegen Recep T. Erdogan in Sachen Hagia Sophia telefoniert hat. Putin habe Erdogan dabei darauf aufmerksam gemacht, welche Auswirkungen auf die öffentliche Meinung in Russland die Entscheidung zur Veränderung des Status der Hagia Sophia haben muss. Erdogan habe darauf versichert, dass der Zugang zu diesem „einmaligen Monument der Weltkultur“ auch weiterhin für alle Besucher – auch aus dem Ausland – garantiert sei, die christlichen Kunstwerke in dem Gotteshaus würden selbstverständlich bewahrt.
Zuvor hatte bereits der stellvertretende russische Außenminister Sergej Werschinin erklärt, dass die türkische Entscheidung zur Umwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee in Russland „und anderswo“ einen „öffentlichen Aufschrei“ ausgelöst habe. Es handle sich aber um eine „innere türkische Angelegenheit“, in die „weder Russland noch sonst jemand“ eingreifen solle, auch wenn die Bedeutung dieser Weltkulturerbe-Stätte hervorgehoben werden müsse.
Die griechische Staatspräsidentin Katerina Sakellaropoulou trat mit dem Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I. in Kontakt und brachte „Unterstützung und Solidarität des ganzen griechischen Volkes“ zum Ausdruck. Sie sei bereit, in jeder Weise die internationale Gemeinschaft zu mobilisieren, damit die Hagia Sophia „ein universales Monument von Kultur und religiösem Dialog bleibt“, so die Präsidentin. Die Sprecherin des US-amerikanischen Außenministeriums, Morgan Ortagus, erklärte, Washington lehne die am vergangenen Freitag auch in verschriftlichter Form bekannt gewordene Entscheidung des türkischen Verwaltungsgerichtshofs ab. Der Hohe Vertreter der Europäischen Union für Außen- und Sicherheitspolitik, Josep Borrell, bezeichnete die Entscheidung wörtlich als „bedauerlich“.

Auch die UNESCO bedauerte im Hinblick auf den Welterbe-Status der Hagia Sophia die türkische Entscheidung zutiefst, die ohne vorherige Konsultation erfolgt sei. Die Kulturorganisation der UNO forderte die türkische Seite auf, „ohne Verzögerung“ in einen Dialog einzutreten, um jeden negativen Effekt für den „universalen Wert dieses außerordentlichen Monuments“ zu vermeiden. Das internationale Welterbe-Komitee werde sich in seiner nächsten Sitzung mit dem Zustand der Hagia Sophia ausführlich befassen.

Umwandlung zur Moschee hat bereits begonnen

Der türkische Kultur- und Tourismusminister Mehmet Nuri Ersoy und der Vali von Konstantinopel, Ali Yerlikaya, besuchten am Sonntag die Hagia Sophia, um einen „Lokalaugenschein“ vor den notwendigen „Adaptierungsmaßnahmen“ im Hinblick auf die neuerliche Umwidmung des antiken Gotteshauses zur Moschee vorzunehmen (das „Diyanet“ – die staatliche Religionsbehörde – hat bereits die Verwaltung übernommen). Mittlerweile sind einige Details über die „Adaptierungsmaßnahmen“ bekannt geworden: Ein 14.000 Quadratmeter großer Teppich ist bereit, der Auftrag war bereits im Juni erfolgt, die Bezahlung erfolgte durch die türkische Präsidentschaftskanzlei. Für den „geistlichen Betrieb“ der „Ayasofya“-Moschee (so die türkische Transskription) werden zwei Imame und vier Muezzine ernannt werden. Es ist davon die Rede, dass „Symbole, die mit der Funktion der Hagia Sophia als Moschee nicht übereinstimmen“, transferiert und anderswo ausgestellt werden sollen. Touristen werden die großartigen Mosaiken nur in bestimmten „Time slots“ sehen dürfen. Ebenso soll Sorge getragen werden, dass Besucher die muslimischen liturgischen Orte in der Hagia Sophia nicht betreten können. Alle fünf islamischen Tagzeitengebete werden in der Hagia Sophia gehalten werden. Auch außerhalb der Tagzeitengebete ist eine permanente Koran-Lesung vorgesehen.

Die Dauer der „Adaptierungsmaßnahmen“ wird auf sechs Monate geschätzt. Unklar ist, in welcher Weise die prachtvollen Mosaiken und Fresken der Hagia Sophia, die dem islamischen „Abbildungsverbot“ widersprechen, zumindest während der gottesdienstlichen Handlungen verdeckt werden sollen. Sultan Abdülmecid I., einer der fortschrittlichsten Reformer des Osmanischen Reiches in der „Tanzimat“ (Reform)-Epoche, hatte im Jahr 1847 den Schweizer Architekten Gaspare Fossati mit der Restaurierung der Hagia Sophia beauftragt. Fossati (1809-1883) stammte aus Morcote im Tessin. Er studierte in Venedig, Mailand und Rom. 1833 ging er nach St. Petersburg, 1837 wurde er nach Konstantinopel geschickt, um die neue russische Botschaft zu errichten. 1845 trat er in den Dienst des Sultans. Zeitgleich mit der Restaurierung der Hagia Sophia errichtete Fossati die erste Istanbuler Universität. Im Anschluss an diese Projekte blieb er in der Bosporus-Metropole und errichtete dort Kirchen, öffentliche Gebäude und private Villen.

Die Hagia Sophia war Fossatis große Liebe. Er führte die Restaurierungsarbeiten gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder Giuseppe bis 1849 durch. Das Bemühen der Brüder richtete sich auf die Erhaltung der gesamten historischen Bausubstanz. Sie richteten die nach außen geneigten Säulen der Empore wieder auf, erneuerten das Dach, restaurierten die Gewölbe, rissen Anbauten ab, um auch den Außenbau wieder voll zur Wirkung kommen zu lassen und setzten das Innere des gewaltigen Sakralraums nach umfangreicher Reinigung wieder in Stand. Dabei legten sie auch die unter Putz verborgenen byzantinischen Mosaiken frei und restaurierten sie; nach der Sicherung und Bauaufnahme mussten die Mosaiken aber wieder überdeckt werden.

Auch nach der Umwandlung zur Moschee war der Innenraum der Hagia Sophia mit seinem umfangreichen christlichen Bildprogramm nach 1453 zunächst unverändert geblieben. Erst Anfang des 17. Jahrhunderts wurden die Kuppeln neu ausgemalt und die Wände mit einer Putzschicht bedeckt. Die Mosaiken außerhalb des eigentlichen Sakralraums blieben noch bis Anfang des 18. Jahrhunderts sichtbar.

Nachdem die Putzschichten abgetragen waren, bestürmte Fossati den Sultan, die strengen islamischen Prinzipien zu mildern, die eigentlich die Zerstörung der Mosaiken verlangt hätten. Abdülmecid I. antwortete dem Architekten: „Die Mosaiken sind wunderschön. Verbergen Sie sie gut, weil unsere Religion sie verbietet. Aber zerstören Sie sie nicht: Wer weiß, was einmal geschehen wird“. Bevor die Restaurierungsarbeiten an der Hagia Sophia begannen, hatte der Sultan die prominentesten Mitglieder des für die Reichsmoschee zuständigen islamischen Klerus auf eine Pilgerfahrt („Hadj“) nach Mekka geschickt. Aber als sie zurückkehrten, musste der Sultan einer Bedeckung der Mosaik- und Freskenflächen mit Putz zustimmen und die Etablierung von riesigen Holzschilden mit den Namen Mohammeds und der ersten „rechtgeleiteten Kalifen“ erlauben (die Holzschilde sollten bei der Umwidmung der Hagia Sophia in ein Museum abgenommen werden, was aber am islamischen Widerstand scheiterte). Erst ab 1932 konnten amerikanische Archäologen unter Leitung von Thomas Wittemore die Mosaiken erneut freilegen. Der islamische Gottesdienst in der Hagia Sophia war 1931 eingestellt worden.
In einem TV-Interview betonte der Vorsitzende des „Diyanet“ (der staatlichen Religionsbehörde), Prof. Ali Erbas, dass sich am Namen der Hagia Sophia nichts ändern werde. So wie ab 1453 werde sie weiterhin die „Großmoschee Ayasofya“ genannt werden. Der Eröffnungsgottesdienst werde am 24. Juli stattfinden. Ohne deutlich zu machen, ob er die Bemerkung ernst meine, sagte Prof. Erbas, mit der Umwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee sei der Fluch von Mehmet dem Eroberer (Fatih) hinfällig, wonach alle, die das Gebäude einer anderen Nutzung denn als Moschee zuführen würden, verflucht seien. „Möge die jetzige Entscheidung den Fluch gegen die Nation brechen“, meinte der „Diyanet“-Vorsitzende.
Bereits seit 2012 gab es alljährlich am 29. Mai – dem Jahrestag der osmanischen Eroberung von Konstantinopel – vor der Hagia Sophia islamische Gebete, in denen die Entschlossenheit verschiedener islamischer Organisationen zum Ausdruck kam, das Bauwerk wieder zur Moschee zu machen. Treibende Kräfte hinter diesen Bestrebungen waren verschiedene Politiker, so der frühere Vizepräsident Bülent Arinc. Aber auch die (in unterschiedlichen Fraktionen weltweit verbreitete) Sufi-Bruderschaft („tariqa“) „Naqschebandiya“ habe dieses Ziel verfolgt. Präsident Erdogan gilt als Sympathisant der „Naqschebandiya“. Ab 2015 gab es im Ramadan Koranlesungen und islamische Gebete, die aus der Hagia Sophia im Religionsprogramm des türkischen Fernsehens direkt übertragen wurden. 2017 herrschte Aufregung um eine – dann nicht umgesetzte – Ankündigung des Staatschefs, er werde am orthodoxen Karfreitag in der Hagia Sophia islamische Gebete sprechen. Der türkische Verwalltungsgerichtshof entsprach jetzt dem Antrag des Politikers Ismail Kandemir, der aus einer Splitterpartei kommt. Der 75-jährige Kandemir (dessen Zuname verrät, dass die Familie erst in jüngerer Vergangenheit zum Islam übergetreten ist) tritt seit 26 Jahren dafür ein, dass die Hagia Sophia wieder eine Moschee wird.