Patriarch Bartholomaios I. besucht griechisch-katholische Eparchie Lungro in Kalabrien

Mit der griechisch-katholischen Kirche in Italien hat die orthodoxe Kirche – anders als im Hinblick auf die sonstigen katholischen Ostkirchen des byzantinischen Ritus - keine Berührungsängste

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Foto: © Pear Blossom (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported)

Rom, 18.09.19 (poi) Der Ökumenische Patriarch Bartholomaios I. besucht die (albanischsprachige) griechisch-katholische Eparchie Lungro in der Region Kalabrien. Die Kurzvisite des Patriarchen am Mittwoch/Donnerstag hat hohe ökumenische Bedeutung, weil es mit der griechisch-katholischen Kirche in Italien seitens der orthodoxen Kirche – anders als im Hinblick auf die sonstigen katholischen Ostkirchen des byzantinischen Ritus – keine Berührungsängste gibt. Das hängt damit zusammen, dass die vor der osmanischen Eroberung nach Süditalien geflüchteten Albaner zwar die Gemeinschaft mit dem Papst aufgenommen hatten, aber nie eine formelle Union mit Rom abschlossen. Die Fluchtbewegung nach Süditalien ab dem 15. (bis zum 17.) Jahrhundert resultierte aus der Tatsache, dass weite Gebiete Albaniens einige Zeit zum Königreich Neapel gehört hatten.

Anlass des Patriarchenbesuchs ist das 100-Jahr-Jubiläum der Eparchie Lungro, die 1919 von Papst Benedikt XV. errichtet worden ist. Am Mittwoch ist der Patriarch Ehrengast des feierlichen Vespergottesdienstes in der griechisch-katholischen Kathedrale San Nicola di Mira in Lungro. Mit dem Bischof von Lungro, Donato Oliverio, sind von katholischer Seite auch die Kardinäle Leonardo Sandri (Präfekt der vatikanischen Ostkirchenkongregation) und Gualtiero Bassetti (Vorsitzender der Italienischen Bischofskonferenz/CEI), der Sekretär des Päpstlichen Rates für die Einheit der Christen, Msgr. Andrea Palmieri, sowie alle kalabrischen Bischöfe des lateinischen Ritus anwesend. Auch der Bischof der sizilianischen italo-albanischen Eparchie Piana degli Albanesi, Giorgio Demetrio Gallaro, nimmt teil.

Am Donnerstag, 19. September, leitet Bartholomaios I. in der Kathedrale das Gebet der „Oden der Paraklesis zu Ehren der Gottesmutter“. Am Nachmittag eröffnet der Ökumenische Patriarch in der Kirche Sant’Adriano in der Ortschaft San Demetrio Corone eine große Ikonenausstellung. Die Ausstellung wurde durch die Orthodoxe Interparlamentarische Versammlung (IAO) ermöglicht, in der orthodoxe Parlamentarier aus 25 nationalen Parlamenten vereinigt sind. IAO-Generalsekretär Andreas Michaelidis ist in Lungro anwesend.

Wie der Generalvikar der griechisch-katholischen Eparchie Lungro, Pietro Lanza,  mitteilte, ist der „historische Besuch“ des Ökumenischen Patriarchen in Kalabrien auch der jahrzehntelangen Freundschaft von Bartholomaios I. mit Virgilio Avato zu verdanken, der aus Lungro stammt und sich seit einem halben Jahrhundert für den Dialog zwischen katholischer und orthodoxer Kirche einsetzt. Bartholomaios I. wird auch Strigari, den Geburtsort Avatos mit der Wallfahrtskirche der Heiligen Kosmas und Damian, besuchen.

Der Besuch in Lungro und Umgebung werde es dem Ökumenischen Patriarchen erlauben, eine „byzantinische Realität im Herzen der katholischen Kirche“ zu erleben, betonte Generalvikar Lanza in einer Presseaussendung. Die „konstantinopolitanische Tradition“ sei hier dank dem Schutz der Päpste beständig treu bewahrt worden. Diese Vorgangsweise der Päpste habe es möglich gemacht,  das „kostbare liturgische und spirituelle Erbe des Orients“ im Okzident bekannt und erlebbar zu machen. Die Eparchie von Lungro wolle auch mit dem Patriarchenbesuch einen Beitrag leisten, damit der von Jesus in den Abschiedsreden formulierte Wunsch, „dass alle eins seien“, verwirklicht wird und der „Skandal der Trennung“ ein Ende findet, der bisher verhindert, dass „die Kirche mit beiden Lungen – der östlichen und der westlichen“ – atmen kann. Die Begegnung in Lungro zeige, dass trotz aller historischen Ereignisse der Wunsch nach Einheit stark ist und der Wunsch besteht, „auf dem Weg der brüderlichen Annäherung von Katholiken und Orthodoxen voranzuschreiten“.

Bischof Oliviero stellte bereits im Vorfeld des Besuchs von Bartholomaios I. fest, dass dieses Ereignis einen „einmaligen ökumenischen Weg zwischen Lungro und Konstantinopel“ deutlich mache: „Die Eparchie Lungro wird Trägerin einer konkreten und effektiven ökumenischen Aktion. Möglichkeiten des gegenseitigen Kennenlernens und der persönlichen Beziehungen eröffnen sich, die neue Formen der brüderlichen Zusammenarbeit erschließen“. Im Hinblick auf seine Geschichte sei Lungro ein „einzigartiges Modell“ der Treue zur „östlichen Spiritualität“ und zu den „Direktiven des Heiligen Stuhls“. Der Bischof sieht die Zukunft der italo-albanischen Gemeinden in  Kalabrien positiv, weil hier „die Kirche mit zwei Lungen atmet“. In den letzten 100 Jahren habe die Eparchie Lungro mit ihrem liturgischen, ikonographischen, theologischen und kulturellen Erbe zur Bewahrung der „legitimen Verschiedenheit in der Einheit des Glaubens“ beigetragen.

Ursprünglich war Süditalien – auch unter arabisch-islamischer Herrschaft – ostkirchlich geprägt und unterstand dem Patriarchat von Konstantinopel. Erst nach der normannischen Eroberung wurden Sizilien, Kalabrien, Apulien usw. in einem jahrhundertelangen Prozess  – der dann durch das Konzil von Trient einen wesentlichen Impuls erhielt – „latinisiert“. In Apulien hielten sich aber bis heute griechische Sprachinseln, die aber kirchlich jetzt dem lateinischen Ritus folgen. Patriarch Bartholomaios I. hat diese Gegenden im Südosten Apuliens – im Salentino – Ende 2016 besucht und dort in vielfacher Weise an die alte Verbundenheit mit Konstantinopel erinnert.

Mit den italo-albanischen Gemeinden ist die ostkirchliche Präsenz ab dem 15. Jahrhundert in manche süditalienische Regionen  – vor allem nach Kalabrien und Sizilien, aber auch in die Basilicata und in die Abruzzen – zurückgekehrt. In der von Benedikt XV. im Februar 1919 erlassenen Apostolischen Konstitution über die Errichtung der Eparchie Lungro hieß es ausdrücklich: „Die albanischen Gläubigen des byzantinisch-griechischen Ritus, die im Epirus und in Albanien ansässig waren und in mehreren Wellen vor der türkischen Herrschaft geflohen sind, haben – wie es rechtens war – die  Gebräuche und Traditionen ihres Volkes bewahrt,  vor allem die Riten ihrer Kirche mit den Gesetzen und Gewohnheiten, die sie von ihren Vorfahren empfangen und mit großer Sorge und Liebe über Jahrhunderte hinweg bewahrt haben“.