Patriarch Pizzaballa leitet die Mitternachtsmette in Bethlehem

Im Kontext des heurigen Weihnachtsfestes, in dem „alles auf ein Minimum reduziert ist“, sei es noch wichtiger, wie die Hirten im Evangelium der Einladung des Engels zu folgen und im Kind von Bethlehem das Zeichen Gottes zu sehen

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Foto: © Dirk D. (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Attribution-Share Alike 3.0 Unported)

Jerusalem, 23.12.20 (poi)  Der lateinische Patriarch von Jerusalem, Pierbattista Pizzaballa, hat die Covid 19-Infektion überstanden und die behördliche Erlaubnis zur Leitung der Weihnachtsgottesdienste in Bethlehem erhalten. In seinem Weihnachtsbrief an die Gläubigen des Patriarchats stellte Pizzaballa fest, dass die Corona-Pandemie das zivile und religiöse Leben im Heiligen Land schwer in Mitleidenschaft gezogen und gleichsam gelähmt habe. Das Jahr 2020 sei im Bereich von Gesundheit, Wirtschaft und auch Politik ein „Jahr der Angst“ gewesen, viele Vorhaben seien durchkreuzt worden, es gebe Desorientierung. Es sei eine „ungeheure Herausforderung“, in dieser Welt ohne Angst  zu leben. Die leiblichen Augen könnten die Ursachen der Angst erkennen, die „Augen des Geistes“ seien aber imstande, auch die Zeichen Gottes zu sehen, „jene Zeichen seiner Gegenwart, seiner verborgenen Macht und seiner Herrschaft, die erscheinen, wenn wir Gott Raum geben“. Es gebe dafür keine „großen und  lauten Beweise“, weil ja auch der Beginn des „Reiches Gottes“ ein Kind in einer Krippe sei.

Der Patriarch rief in Erinnerung, dass es die Angst sei, die die Menschen hindere, sich zu öffnen. So würden die Menschen kraftlos statt dem Ruf Gottes zu folgen. Im Kontext des heurigen Weihnachtsfestes, in dem „alles auf ein Minimum reduziert ist“, sei es aber noch wichtiger, wie die Hirten im Evangelium der Einladung des Engels zu folgen und im Zeichen von Bethlehem, im Kind in der Krippe, Christus, den Herrn, zu sehen. Wörtlich stellte Pizzaballa weiter fest: „Jesus ist gekommen, um unsere Gedanken umzustürzen, unsere Erwartungen zu überraschen, um unsere Existenz aufzurütteln, uns aus der Illusion aufzuwecken, dass alles bekannt ist, alles unter Kontrolle, und dass die Trostlosigkeit die einzige logische Antwort auf die triste Wirklichkeit unserer Welt sei…Lassen wir uns vom Geist führen, um trotz allem in der Wahrheit unserer Realität das  Zeichen der Präsenz Gottes zu erkennen“.

„Ein Weihnachtsfest ohne Pilger aus aller Welt“

„Dieses Weihnachtsfest ist im Heiligen Land ohne Pilger aus aller Welt, aber mit einer sehr starken Präsenz der örtlichen Christen“: Dies betonte der Franziskaner-Kustos des Heiligen Landes, P. Francesco Patton, bei einer Online-Diskussion zum Thema „Weihnachten im Heiligen Land zwischen Pandemie und Hoffnung“, die von den norditalienischen Franziskanern gemeinsam mit der Zeitschrift „Terrasanta“ organisiert wurde. P. Patton verwies darauf, dass die Christen von Bethlehem in den Monaten der Pandemie „in bewegender Weise“ ihre Liebe zur Geburtsbasilika auch durch die Mitfeier der Gottesdienste unter Beweis gestellt hätten. Beim diesjährigen Weihnachtsfest würden die örtlichen Gläubigen die Protagonisten  bei den Feiern um den Ort der Geburt Jesu sein.

Zu den Corona-bedingten gesundheitspolizeilichen Einschränkungen im Hinblick auf die Weihnachtsfeiern in Bethlehem betonte der Kustos, dass es in den palästinensischen Gebieten „de facto keine eisernen Regeln gibt“. Die kirchlichen Verantwortlichen würden aber auf die disziplinierte Respektierung von drei Grundregeln Wert legen: Abstand halten, Gebrauch der Gesichtsmasken und Desinfizierung der Hände am Kircheneingang. Bei den Weihnachtsliturgien werde an den Eingängen auch die Temperatur der Gläubigen gemessen werden. Die aktuelle Situation in Bethlehem sehe so aus, dass bereits 50 Prozent der Bevölkerung infiziert sind. Viele Leute in Bethlehem und Umgebung verlangten daher bereits ein „normaleres Leben“, zweifellos würden sie nicht auf die Weihnachtsgottesdienste verzichten: „Auch wenn Soldaten und Polizisten für die Kontrollen eingesetzt würden, werden sie nicht akzeptieren, dass ihnen Weihnachten vorenthalten wird“. Der palästinensische Präsident  Mahmoud Abbas habe aber bereits angekündigt, dass er aus Vorsicht an der Mitternachtsmette in der katholischen Katharinenkirche neben der Geburtsbasilika nicht teilnehmen werde.

In Israel sei die Situation anders, weil dort viel strengere Covid 19-Restriktionen gelten. Zur Zeit sei vorgesehen, dass nur zehn Gläubige bei den Gottesdiensten teilnehmen dürfen. Die kirchlichen Verantwortungsträger hätten aber bereits eine stärkere Beachtung der Proportionen eingemahnt, weil man zehn Gläubige in einer Kapelle akzeptieren könne, nicht aber in den großräumigen Kirchen und Kathedralen wie etwa der Verkündigungsbasilika in Nazareth.

 

„Die Heilige Nacht ist keine Illusion“

Patriarch Pizzaballa plädiert bei der Mitternachtsmette in Bethlehem für eine Welt, die auf neuen solidarischen und geschwisterlichen Beziehungen aufbaut

Jerusalem, 25.12.20 (poi) Die Heilige Nacht der Geburt Jesu ist „keine fromme Illusion, keine romantische Flucht in eine Religion der Sicherheit oder in einen Trost zum billigen Preis“: Dies betonte der lateinische Patriarch von Jerusalem, Pierbattista Pizzaballa, in seiner Predigt bei der Mitternachtsmette in Bethlehem. Vielmehr sei diese Nacht eine „Stunde der Gnade“. Pizzaballa unterstrich bei seiner ersten Mitternachtsmette als Patriarch – wegen der Corona-Pandemie in einem Bethlehem ohne Touristen und ohne Präsenz der palästinensischen politischen Prominenz und der diplomatischen Repräsentanten – die zentrale Bedeutung von Weihnachten, dem Fest der Menschwerdung Gottes, für das Leben jedes Christen. Der Patriarch betonte, dass er sich nicht den Stimmen jener anschließen wolle, die nur die „Nacht“ beschreiben, er wolle vielmehr der prophetischen Stimme des Evangeliums Raum geben.

Zugleich verhehlte Pizzaballa nicht, dass er sich der Schwierigkeiten des Augenblicks voll bewusst ist: „Wir fühlen uns alle müde, erschöpft, bedrückt von der Pandemie, die unser Leben blockiert, die Beziehungen lahmlegt, Politik, Wirtschaft, Kultur, Gesellschaft einer harten Belastungsprobe aussetzt. Althergebrachte Strukturschwächen haben sich verstärkt und am Horizont scheinen sich keine klaren und von allen geteilten Problemlösungen abzuzeichnen“. Auch die Politik tappe im Dunkeln. Und die christlichen Gemeinschaften hätten Mühe, die bewährten Rhythmen einzuhalten und sich das Neue auszumalen, das kommen wird. Die Christen wüssten aber , dass jenseits aller Krisen und Dunkelheiten mit der Geburt Christi eine „neue Geschichte des Vertrauens und der Hoffnung, der Wiedergeburt und der Auferstehung begonnen hat“. An Christus zu glauben, bedeute nicht, in irrationaler Weise die Wirklichkeit zu leugnen, sondern einen neuen und tiefen Blick zu haben, der im Leid der Schöpfung die Wehen einer neuen Geburt entdeckt.

Die Pandemie verlange danach, sich eine andere Welt vorzustellen, die auf neuen solidarischen und geschwisterlichen Beziehungen aufbaut, wo an die Stelle des Besitzes das Geschenk tritt und der Reichtum der Wenigen ein Gut für alle wird, so der Patriarch von Jerusalem. In der Tragödie der Pandemie hätten viele erkannt, dass alle miteinander verbunden sind, dass eine Verantwortung der einen für die anderen besteht. Die Kirche habe das immer gewusst. Seine Hoffnung sei, dass der in Bethlehem geborene Christus allen zum Bewusstsein verhelfe, „dass wir alle Kinder und daher Geschwister sind, wie Papst Franziskus immer erinnert und dass daher die Nächstenliebe der einzige wirkliche Weg des Heils ist“. Gerade das Heilige Land habe die Berufung zur Pluralität und zur Öffnung gegenüber der Welt, stellte Pizzaballa fest, leider seien ständig entgegengesetzte Haltungen zu beobachten: „Statt inklusiv zu sein, sind wir exklusiv, statt dass einer den anderen anerkennt, verneint einer den anderen“. Abschließend sagte der Patriarch im Hinblick auf die Katholiken in Palästina, für die – wie für Maria und Josef – kein Platz vorhanden zu sein scheine: „Inmitten unserer Ängste, wollen wir die Hand Christi für einen erneuerten Weg des Vertrauens, der Hoffnung und der Liebe ergreifen“.