Phanar: Unterzeichnung des „Tomos“ als kirchenpolitisches Großereignis

Eine staatliche und eine kirchliche Delegation kamen an den Bosporus – Poroschenko lud den Ökumenischen Patriarchen in die Ukraine ein

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Foto: © Massimo Finizio (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution 3.0 Unported)

Istanbul, 06.01.19 (poi) Als kirchenpolitisches Großereignis präsentierte sich am Samstag, 5. Jänner, im Phanar die Unterzeichnung des Dekrets („Tomos“) über die Anerkennung der Autokephalie der neugegründeten „Orthodoxen Kirche in der Ukraine“. Der Ökumenische Patriarch Bartholomaios I. unterzeichnete den „Tomos“ bei einer Feier in der Georgskathedrale im Phanar, die vom ukrainischen TV direkt übertragen wurde.  Aus der Ukraine waren zwei Delegationen im Phanar eingetroffen: eine staatliche und eine kirchliche. Der staatlichen Delegation gehörten u.a. Präsident Petro Poroschenko mit Frau, der (nichtorthodoxe) Vorsitzende der Werchowna Rada, Andriy Parubiy, der ukrainische Altpräsident Wiktor Juschtschenko, Außenminister Pawol Klimkin und Verteidigungsminister Stepan Poltorak an. Der Text des „Tomos“ wurde auf griechisch verlesen, der ukrainische Präsidentenberater Rostislaw Pawlenko kündigte an, dass es „sehr bald“ eine offizielle ukrainische Übersetzung geben werde. Poroschenko erklärte vor laufender Kamera nach der Unterzeichnung im Gespräch mit Bartholomaios I.: „Wir hoffen, Sie bald in der Ukraine begrüßen zu können“. Weiter stellte er fest: „Ohne Gottes Wille wäre dieses Ereignis – die Unterzeichnung des ‚Tomos‘ für die Ukraine – unmöglich gewesen. Ich danke Patriarch Bartholomaios für seinen Glauben, seine Liebe zur Ukraine und unserem Volk und für seinen Mut, den Autokephalie-Prozess am Ostermontag 2018 begonnen zu haben“. Der Präsident meinte, auf das Ereignis der Unterzeichnung des „Tomos“ hätten die Ukrainer viele Jahrhunderte gewartet. Er danke auch den Millionen von Ukrainern in aller Welt, die dem Aufruf zum Gebet für die Unabhängigkeit der ukrainischen Kirche gefolgt seien. Auch dank dieser Gebete sei der „Tomos“ möglich geworden.

Der Ökumenische Patriarch sagte laut ukrainischen Berichten zum Abschluss der Zeremonie an den neugewählten Primas der „Orthodoxen Kirche in der Ukraine“, Metropolit Epifanij (Dumenko), gewandt: „Eure Seligkeit, es war Ihr Recht, die Autokephalie zu verlangen. Es war das Recht und das Privileg Ihrer Mutterkirche von Konstantinopel, Ihnen den Status der Autokephalie zu verleihen. Wir beten, dass Sie sich dieses Geschenks würdig erweisen und ein wertvoller Reisegefährte der anderen Schwesterkirchen in panorthodoxer Einheit und Zusammenarbeit werden, aber auch im gemeinsamen Zeugnis gegenüber der zeitgenössischen Welt, die Sehnsucht nach den unerschöpflichen spirituellen Schätzen der Orthodoxie hat“.

„Durch die Gnade Gottes“ sei die Gemeinschaft mit Millionen orthodoxer Ukrainer wiederhergestellt, die sich „ohne eigene Schuld“ plötzlich außerhalb des kanonischen Rahmens und der „Communio“ befunden hätten, stellte Bartholomaios I. fest. Die Kirche von Konstantinopel habe diese Gläubigen als deren wahre Mutter gesammelt und umarmt, „nicht als Stiefmutter“. Der Kirche von Konstantinopel gehe es immer darum, den Wünschen und Interessen ihrer Kinder zu dienen. Und dann fügte der Patriarch hinzu: „An diesem bedeutsamen und historischen Tag stehen hier – und feiern mit uns – im heiligen Zentrum der Orthodoxie Fürst Wladimir und die Heilige Olga mit all den heiligmäßigen Abkömmlingen des berühmten ukrainischen Landes, aber auch die Anwälte und Unterstützer der selbstverständlichen Rechte des ukrainischen Volkes und der Gerechtigkeit im allgemeinen, aber auch der Menschenrechte und der Religionsfreiheit für alle Nationen“.

Die kirchliche Delegation mit Metropolit Epifanij an der Spitze umfasste auch die beiden Metropoliten Simeon (Schostatskij) und Aleksandr (Drabinko), die früher der ukrainisch-orthodoxen Kirche angehört hatten, als einzige aus ihrer Kirche am „Vereinigungskonzil“ am 15. Dezember teilnahmen und daraufhin von dieser Kirche suspendiert wurden, zwei Bischöfe des sogenannten „Kiewer Patriarchats“ und ein Hierarch aus der „Ukrainischen autokephalen orthodoxen Kirche“. Mit Aufmerksamkeit wurde registriert, dass „Patriarch“ Filaret (Denisenko) und Erzbischof Makarij (Maletytsch) der Delegation nicht angehörten.

Metropolit Epifanij dankte insbesondere dem ukrainischen Präsidenten. Er wolle die Dankbarkeit der neuen Kirche gegenüber Poroschenko und all jenen ausdrücken, die „unter der Leitung des Präsidenten tätig waren, um den Wunsch von Generationen von ukrainischen orthodoxen Hierarchen und Gläubigen nach einer eigenen autokephalen orthodoxen Kirche zu verwirklichen“. Wörtlich sagte der Metropolit: „Ihr Name, Herr Präsident, wird auf immer in der Geschichte des ukrainischen Volkes und der Kirche neben den Namen von Großfürst Wladimir dem Großen, Jaroslaw dem Weisen und Hetman Iwan Mazepa stehen“.

Zum Abschluss der Zeremonie wurden in der Georgskathedrale Weihnachtshymnen gesungen (am 6. Jänner wird in jenen Teilen der Orthodoxie, die dem Gregorianischen Kalender folgen, Epiphanie gefeiert, in jenen Gebieten, die sich an den Julianischen Kalender halten, ist an diesem Tag der Heilige Abend), dann erschallte der zeremonielle Ruf der Majdan-Revolution „Ruhm der Ukraine! Ruhm den Helden“.

Am Sonntag, 6. Jänner, wurde der „Tomos“ bei der Göttlichen Liturgie in der Georgskathedrale an Metropolit Epifanij übergeben. Der Metropolit war bei der Liturgie Konzelebrant des Ökumenischen Patriarchen.

Der „Tomos“ wurde von dem Athos-Mönch Lukas aus dem Xenophontos-Kloster auf Pergament geschrieben. Der Mönch ist ein berühmter Kalligraph. Er brachte das illustrierte Dokument persönlich in den Phanar.

Der ukrainische Botschafter in Ankara, Andryj Sibiga, publizierte auf Twitter eine provisorische Übersetzung des „Tomos“. Daraus geht u.a. hervor, dass die neue autokephale Kirche der Ukraine die Oberhoheit des Ökumenischen Patriarchats anerkennt. Der Metropolit von Kiew und alle Bischöfe der ukrainischen Kirche würden in Zukunft in Übereinstimmung mit den heiligen Kanones und den entsprechenden Festlegungen des Statuts der neuen Kirche gewählt werden. Wenn bedeutende Fragen „kirchlicher, dogmatischer oder kanonischer Natur“ zu regeln seien, werde sich der Metropolit von Kiew im Namen des Heiligen Synods seiner Kirche an den Ökumenischen Patriarchen wenden. In ihrer Zuständigkeit ist die neue Kirche auf das Territorium der Ukraine begrenzt, sie kann keine Bischöfe für die ukrainische Emigration bestimmen oder Gemeinden in der Diaspora gründen. Dafür sei ausschließlich das Ökumenische Patriarchat zuständig.

 

Kein offizieller Kommentar aus Moskau

Aus Moskau gab es zunächst keine offiziellen Kommentare. In der Weihnachtsbotschaft von Patriarch Kyrill (die russisch-orthodoxe Kirche feiert am 6. Jänner den Heiligen Abend, am 7. Jänner ist der Christtag) geht es ausschließlich um die Geburt Christi im Zusammenhang des Heilsplanes Gottes zur Rettung des Menschen.

Wie schon an anderen Wendepunkten der russisch-ukrainischen Auseinandersetzung meldete sich aber der Leiter der Moskauer Synodalabteilung für Kirche, Gesellschaft und Beziehungen zu den Medien, Wladimir Legojda (ein Laie), zu Wort. Auf “Telegram” schrieb er am 5. Jänner: ”Es ist Weihnachten – und nicht der ‘Tomos’, ein Dokument, das Ergebnis ungezügelter politischer und persönlicher Ambitionen ist, in Verletzung der kirchlichen Kanones unterzeichnet wurde und daher kanonisch nicht in Kraft ist”. Man dürfe nicht vergessen, dass für die orthodoxen Christen das zentrale Thema jetzt die Geburt Christi ist, “unsere Freude über das Kommen des Erlösers in die Welt”. Einige ukrainische Politiker hätten – “mit Hilfe des Istanbuler Patriarchen” – versucht, Millionen von Gläubigen in der Ukraine Weihnachten zu stehlen, “aber es kommt trotzdem”.