Pierbattista Pizzaballa neuer lateinischer Patriarch von Jerusalem

Ernennung erfolgte punktgenau am Vorabend des Festes „Unserer Liebe Frau von Palästina“ – Rektor Bugnyar: „Es ist gut, dass Pizzaballa bleibt“

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Foto: © Giovanni Zennaro (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International)

Vatikanstadt-Jerusalem-Rom, 24.10.20 (poi) Papst Franziskua hat am Samstag den Apostolischen Administrator des lateinischen Patriarchats von Jerusalem, Erzbischof Pierbattista Pizzaballa, zum neuen lateinischen Patriarchen der Heiligen Stadt ernannt. Für viele kam diese Ernennung überraschend. Erst am Dienstag hatte Pizzaballa auf Einladung des Großmeisters des Ritterordens vom Heiligen Grab, Kardinal Fernando Filoni, im römischen Palazzo della Rovere, dem Hauptsitz der Grabesritter, einen zukunftsträchtigen Vortrag über das „Heilige Land und der Nahe Osten. Aktuelle Situation und mögliche Perspektiven“ gehalten. Die Ernennung Pizzaballas zum Patriarchen erfolgte punktgenau am Vorabend des Festes „Unserer Lieben Frau von Palästina“, das jeweils am letzten Sonntag im Oktober in Der Rafat – dem 1927 errichteten Marienheiligtum zwischen Jerusalem und Tel Aviv – zentral gefeiert wird.

Der Rektor des Österreichischen Hospizes in Jerusalem, Markus St. Bugnyar, erinnerte am Samstag daran, dass Pizzaballa wiederholt geäußert hatte, dass er seine Aufgabe in Jerusalem – die Konsolidierung der wirtschaftlichen und personellen Situation des Patriarchats – für beendet halte. Bugnyar fügte hinzu: „Nun bleibt er – und das ist gut so“. Pizzaballa habe bewiesen, dass er es kann. Papst Franziskus sei für diese „mutige Entscheidung“ zu danken.

Als Pierbattista Pizzaballa 2016 den emeritierten Patriarchen Fuad Twal ablöste, war er lange schon kein Unbekannter in der Heiligen Stadt. Von 2004 an hatte er als „Kustos“ der im 13. Jahrhundert errichteten Franziskanerkustodie, der Hüter der christlichen Heiligen Stätten, gewirkt. Vor ihm wurde nur einmal – mit Alberto Gori – ein früherer Franziskanerkustos anschließend zum Patriarchen von Jerusalem erhoben (Kustos 1937 –1949, Patriarch 1949-1970). Pizzaballa kannte 2016 Land, Leute, Region, Regierende, Probleme und Aufgaben gut. Rektor Bugnyar merkte dazu an: „Zu gut, wie Pizzaballa selbst meinte. Begeistert von seiner Ernennung war er selbst nie. Und machte leutselig auch nie ein Hehl daraus. Eben dieses Leutselige wurde ihm zur Bahn in die Herzen vieler Menschen, die ihm anfangs skeptisch gegenüber eingestellt waren; ein Italiener auf dem Stuhl des Patriarchen – das gemahnte an die Zeit der Kreuzfahrer und an die Epoche der Fremdbestimmung nach der Wiedererrichtung des Patriarchates im Jahre 1847. Es brauchte sieben Patriarchen italienischer Provenienz bis mit Michel Sabbah 1987 der erste Palästinenser diese Würde erlangen konnte. Das palästinensische christliche Volk jubelte. 2016 fühlte es sich ungeliebt“.

Niemand in Jerusalem bezweifle, dass Pierbattista Pizzaballa seine Sache sehr gut gemacht habe, stellte Bugnyar fest, „mit dem rechten Augenmaß und gleichzeitig unzweideutig tatkräftig“. In nicht wenigen Belangen habe Pizzaballa Verkrustetes aufbrechen und Verirrtes einholen müssen. Aus sehr vielen und ganz unterschiedlichen Gründen sei es in Jerusalem „alles andere als einfach“, die Kirche Gottes zu führen, inmitten politischer Verwerfungen und gesellschaftlicher Herausforderungen, wie etwa jetzt Covid-19.

 

Die Zwei-Staaten-Lösung

Für das Heilige Land ist die „Zwei-Völker-, zwei-Staaten-Lösung“ theoretisch die einzig Möglichkeit. Dies betonte Erzbischof Pierbattista Pizzaballa,
zu diesem Zeitpunkt noch Apostolischer Administrator des lateinischen Patriarchats von Jerusalem, am Dienstag im römischen Palazzo della Rovere, dem Zentrum des Ritterordens vom Heiligen Grab. Auf die Fragen des RAI-Journalisten Piero Damosso hielt Pizzaballa fest, dass die von der internationalen Gemeinschaft mit dem Heiligen Stuhl an der Spitze unterstützte Formel „zwei Völker, zwei Staaten“ derzeit schwer zu verwirklichen sei, weil es zwischen den beiden Partnern keinen Dialog gebe. Seit Jahren gebe es kein Gespräch mehr zwischen Israelis und Palästinensern, es gebe kein gegenseitiges Vertrauen. An sich wäre die Lösung „Zwei Völker, zwei Staaten“ die einzig mögliche, aber „technisch ist sie es heute nicht“, so Pizzaballa.

Man müsse langfristig denken, so der Erzbischof. Von Frieden zwischen Israelis und Palästinensern zu sprechen, sei heute eine Utopie. Vor allem müsse das Vertrauen zwischen den Völkern wiederhergestellt werden. Die Trennmauer sei das deutlichste Zeichen des Misstrauens. Es gehe um Gesten, die das gegenseitige Vertrauen wiederherstellen. Wörtlich stellte Pizzaballa fest: „Man muss sich die Lehren und Fehlschläge der Vergangenheit vor Augen halten, die nicht eingehaltenen Übereinkünfte. Wir können heute an der Basis arbeiten, in den Schulen, den Krankenhäusern, den Kulturzentren, die alle keine Nischen-Angelegenheiten sind, sondern eine wichtige Realität, die standhält. Wir können nicht auf kurzfristige Veränderungen setzen“.

Die Wahlen in den USA hätten immer starke Auswirkungen auf Israelis und Palästinenser, betonte Pizzaballa. Eine politische Veränderung in Washington würde zweifellos Auswirkungen haben, aber es sei schwierig, dass das Vertrauen der Palästinenser zur US-amerikanischen Regierung wiederhergestellt wird. Der Erzbischof verwies aber auch auf die sogenannten „Abraham-Verträge“, die in Washington zwischen Israel und den Vereinigten Arabischen Emiraten bzw. Bahrain unterzeichnet wurden. Die Verträge hätten die Palästinenser – auch im Hinblick auf die arabische Welt – noch mehr isoliert. Das israelisch-palästinensische Problem sei von der internationalen Agenda verschwunden. Man müsse sich fragen, wie es weitergehen soll. Europa habe sich praktisch ausgeklinkt. Und doch werde es ohne eine „klare und würdevolle“ Lösung für das palästinensische Volk in der Region keine Stabilität geben.

 

„Es geht um das Dableiben“

In seiner Grußbotschaft an das Volk Gottes im lateinischen Patriarchat von Jerusalem betonte Pizzaballa, man dürfe sich nicht entmutigen lassen. Neben so vielen Problemen gebe es auch den Wunsch und die Kraft, vertrauensvoll nach vorn zu blicken. Er empfinde dies als Einladung an sich selbst und an die Kirche von Jerusalem, „da zu bleiben“, nicht nur im Hinblick auf den Ort, sondern auch auf die innere Disposition, „Christus treu zu bleiben“. Es werde auch in Zukunft für die Kirche von Jerusalem „schwierige Momente“ geben, aber es werde gelingen, „gemeinsam vertrauensvoll auf die Zukunft zu schauen“.

Er sei entschlossen, allen zu dienen, den Menschen und der Kirche von Jerusalem, „mit der Liebe des Abendmahlssaals und von Getsemani“. Abschließend stellte der neue Patriarch fest: „Der Geist lädt uns ein, auf die Zukunft Gottes zu schauen, der bald unter uns sein wird, ja es schon ist. Lassen wir uns von diesem Geist an diesem Neuanfang unserer geliebten Kirche von Jerusalem leiten. Möge Unsere Liebe Frau von Palästina für uns eintreten“-

Als er gedacht habe, dass seine Mission in Jerusalem beendet sei, habe ihn die neue Einladung von Papst Franziskus erreicht, Patriarch zu werdem, so Pizzaballa. Er könne sich der Kraft des Wortes, „zu bleiben“, nicht entziehen. Es sei das Wort der reifen Geduld, der wachen Aufmerksamkeit, der alltäglichen und ernsthaften Treue. Vor allem aber sei es die Einladung des Herrn an die Apostel vor seinem Aufstieg in den Himmel: Den desorientierten und zur Aufgabe versuchten Aposteln habe Jesus gesagt „Bleibt in der Stadt, bis ihr mit der Kraft aus der Höhe erfüllt werdet“. Die Apostel seien geblieben und hätten gelernt, dass sie die Herabkunft des Reiches Gottes nicht in der Hand haben, sondern dass es „von oben“ komme und in der Geduld des Glaubens und der Hoffnung erwartet werden müsse.

Daher bleibe auch er, um mit den Christen von Jerusalem in „Glaube und Hoffnung“ weiterzugehen, so Patriarch Pizzaballa. Er wolle mit den Priestern, den Ordensleuten, den Diakonen und Seminaristen im Dienst „an allen“ weitergehen, um den Primat Gottes, die Geduld des Aussäens und des Erntens, zu bezeugen. In der Kirche von Jerusalem gebe es alte und neue Probleme, die kurzatmige und mutlose Politik, eine immer mehr fragmentierte Gesellschaft, eine Wirtschaft, die alle „immer ärmer macht“ und zuletzt die Corona-Pandemie. All dies müsse die Christen, „schmerzlich aber hoffentlich heilsam“ daran erinnern, dass die Schritte des Menschen andere als die bisher üblichen sein müssen, wenn er sich selbst und die Welt retten will.