Präsident des Jüdischen Weltkongresses bedauert Wiederkehr des Antisemitismus

Ronald Lauder erinnerte bei der Eröffnung des „Festivals der Religionen“ in Florenz an die Notwendigkeit der entsprechenden Erziehung der neuen Generationen – Kardinal-Staatssekretär Pietro Parolin und Katholikos-Patriarch Karekin II. nehmen zur „Zeit des Glaubens in der Gesellschaft von heute“ Stellung

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Foto: © Michael Thaidigsmann (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Attribution-Share Alike 4.0 International)

Florenz, 26.04.19 (poi) Die Wiederkehr des Antisemitismus hat der Präsident des Jüdischen Weltkongresses (WJC), Ronald Lauder, am Donnerstagabend bei der Eröffnung des „Festivals der Religionen“ in Florenz bedauert. Lauder erinnerte daran, dass unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg niemand etwas mit den faschistischen und nationalsozialistischen Regimen und Bewegungen zu tun haben wollte. Wörtlich führte der Präsident des Jüdischen Weltkongresses in seiner Rede über „die Freiheit als Fundament der Identität“ in der berühmten Basilika von San Miniato al Monte weiter aus: „Heute, 75 Jahre später, sind die Antisemiten zurückgekehrt. Der Grund ist, dass die Erinnerung verblasst ist, dass nicht ausreichend aufgezeigt wurde, was in der Zeit der Gewaltherrschaft geschehen ist. Der Antisemitismus ist tatsächlich eine Frage der Ignoranz, der einzige Weg, um ihn aufzuhalten, ist die Erziehung der neuen Generationen. Es reicht aber nicht, in den Schulen an einem einzigen Tag im Jahr an jene schrecklichen Ereignisse zu erinnern. Wir müssen mehr tun“. Lauder verwies auf die Verbindungslinien in das heutige Geschehen, die notwendige Abwehr aller Formen von Diskriminierung: „Reden wir über die Ermordung von Christen im Nahen Osten, in Afrika oder jetzt zuletzt in Sri Lanka. Den Leuten ist nicht bewusst, was geschieht, man informiert sich nicht ausreichend, wieder geht es um die Frage der Ignoranz. Wir sind heute frei, aber es gibt Millionen Menschen in der Welt, die nicht unsere Freiheit haben. Das dürfen wir nie vergessen“. Lauder erinnerte an das Wort des Friedensnobelpreisträgers Elie Wiesel, dass das Gegenteil der Liebe nicht der Hass, sondern die Gleichgültigkeit ist. Diese Gleichgültigkeit sei das große Übel der heutigen Gesellschaft.

Am Freitag referierte der Gründer der Gemeinschaft von Bose, Fr. Enzo Bianchi, beim „Festival der Religionen“ über „Die Zeit des Gebets“, der Philosoph Sergio Givone behandelte das Verhältnis von „Kronos und Kairos“.  Am Abend beteten die Teilnehmenden des „Festivals der Religionen“ mit Benediktinern und Mönchen der Gemeinschaft von Jerusalem (die in Florenz eine Niederlassung haben) in der Krypta von San Miniato al Monte.

Am Samstag geht es um „die Zeit des Glaubens in der Gesellschaft von heute“. P. Bernardo Gianni, der Abt von San Miniato al Monte, und Francesca Campana Comparini, die Gründerin und Organisatorin des „Festivals der Religionen“, führen in das Thema ein. Der Bürgermeister von Florenz, Dario Nardella, kommt ebenso zu Wort wie der päpstliche Kardinal-Staatssekretär Pietro Parolin und der oberste Katholikos-Patriarch aller Armenier Karekin II. Am Nachmittag spricht der venezianische Philosoph Massimo Cacciari über die Auffassung der Zeit bei Kierkegaard. Am Abend feiert Kardinal Parolin in San Miniato al Monte einen feierlichen Gottesdienst.

Am Sonntag behandeln der Florentiner Rabbiner Amedeo Spagnoletto und der Mailänder Imam Yahya Pallavicini das Konzept der Zeit im Judentum und im Islam. Der praktische Arzt Pietro Bartolo aus Lampedusa  stellt aus der Erfahrung seiner Heimatinsel die Frage, ob heute „die Zeit der Aufnahme“ (für Migranten und Flüchtlinge) sei oder nicht.

Das „Festival der Religionen“, das heuer zum vierten Mal stattfindet, wurde von Francesca Campana Comparini begründet. Die 31-jährige Mutter zweier Kinder hat Philosophie studiert, ihre Dissertation behandelte das Thema „Griechische Tragik und christliche Tragik beim Heiligen Augustinus“. Sie ist Autorin des Buches „Nimm und lies. Das Denken des Okzidents zwischen Vernunft und Wahnsinn“. Der Heilige Augustinus ist ihr spiritueller und intellektueller Bezugspunkt, in besonderer Weise ist sie mit den Franziskanern der Florentiner Basilika Santa Croce und den Benediktinern von San Miniato al Monte verbunden. 2010 begann sie, im Rahmen der Laienkurse der Basilika Santa Croce kulturelle Begegnungen zu organisieren. Zugleich veröffentlichte sie einen aufsehenerregenden Artikel in der Florentiner Tageszeitung „La Nazione“ über den städtischen Verfall in der toskanischen Hauptstadt und über die Verantwortung jedes einzelnen Bürgers für die Überwindung dieser Situation. 2013 begründete sie die Kulturvereinigung „Ort der Begegnung“, die auch Trägerin des „Festivals der Religionen“ ist.