„Pro Oriente“-Salzburg setzt Themenschwerpunkt „Armenien – Berg-Karabach“

Österreichs führende Armenologin Jasmine Dum-Tragut berichtet von ihren Eindrücken während des am 27. September ausgebrochenen Krieges um Berg-Karabach – Hilfsaktion für die Kriegsflüchtlinge und Kriegsopfer aus Artsach – Ökumenisches Friedensgebet mit Erzbischof Franz Lackner und dem Wiener armenisch-apostolischen Bischof Tiran Petrosyan

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Foto: © Diego Delso, delso.photo, License CC-BY-SA (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International)

Salzburg-Wien, 11.11.20 (poi)  Die Salzburger „Pro Oriente“-Sektion setzt im Hinblick auf die dramatische Situation um die armenisch besiedelte, umkämpfte Region Berg-Karabach (Artsach) in den nächsten Wochen einen Themenschwerpunkt „Armenien – Berg-Karabach“.  Motor dieses Themenschwerpunkts ist die Leiterin des „Zentrums für die Erforschung des Christlichen Ostens“ (ZECO), Doz. Jasmine Dum-Tragut, Österreichs führende Armenologin, die in den dramatischen Tagen des am 27. September ausgebrochenen Krieges um Berg.-Karabach in der Region war.

Die erste Veranstaltung des Themenschwerpunkts findet am 18. November als „Webinar“ statt. Jasmine Dum-Tragut berichtet um 18:30 Uhr über „Karabach – Der vergessene Krieg“. Im Anschluss an ihren Vortrag ist eine Diskussion vorgesehen. (Anmeldung zum Webinar: E-Mail: jasmine.dum-tragut@sbg.ac.at). Bei einem zweiten „Webinar“ eine Woche später, am 25. November um 18:30 Uhr stellt Jasmine Dum-Tragut die jahrtausendealte christliche Kultur von Artsach vor.

Am 2. Dezember findet in den Arkaden der Salzburger Katholisch-Theologischen Fakultät ein Flohmarkt mit Kunstgewerbe und anderen „Goodies“ aus Armenien zu Gunsten der Hilfsaktion „#gibHoffnung“ für Kriegsflüchtlinge und Kriegsopfer aus Berg-Karabach statt (mehr als die Hälfte der Bevölkerung von Artsach musste fliehen). Der Flohmarkt wird zusammen mit der Studienrichtungsvertretung Theologie der Universität Salzburg organisiert.

Ebenfalls im Dezember wird im Salzburger Dom ein Ökumenisches Gebet für Frieden und Versöhnung mit Erzbischof Franz Lackner und dem Wiener armenisch-apostolischen Bischof (und Patriarchaldelegaten für Mitteleuropa und Skandinavien) Tiran Petrosyan stattfinden.

Jasmine Dum-Tragut war „zufällig“ ab Ende September in Jerewan. Sie gehörte gemeinsam mit der armenische Religionsanthropologin Julia Antonyan (Staatliche Universität Jerewan) zu den Siegern eines internationalen Forschungswettbewerbs in Armenien. Das armenisch-österreichische Forschungsprojekt „Religiöse Verschiedenheit in Armenien. Eine Analyse der soziokulturellen Veränderungen in der Sowjetzeit und in der postsowjetischen Epoche“ der beiden Wissenschaftlerinnen wurde vom Wissenschaftsministerium der Republik Armenien als eines der Siegerprojekte ausgewählt. In diesem dreijährigen Projekt wird ein Team aus Forschern der Staatlichen Universität Jerewan gemeinsam mit Jasmine Dum-Tragut in Feldforschungskampagnen die aktuelle Situation, Geschichte und Traditionen der armenischen Religionsgemeinschaften und deren Beziehungen zur armenisch-apostolischen Kirche erforschen, gemeinsame Workshops und Vorlesungen organisieren, aber auch gemeinsame Lehrveranstaltungen an der Universität in Jerewan abhalten.

Gemeinsam mit ihrem Dissertanten Michael Gassner traf Jasmine Dum-Tragut in Jerewan ein. Coronabedingt mussten die beiden zunächst in Selbstisolation gehen und das Ergebnis des PCR-Tests abwarten. Nach negativem Testergebnis konnten sie am 29. September das Hotel verlassen. Jasmine Dum-Tragut berichtete seither fast täglich  auf „Facebook“ über ihre Eindrücke. In ihrem ersten Beitrag schrieb sie: „Jerewan erscheint mir relativ menschenleer – und ruhiger – zu sein als sonst. Ein Großteil der Menschen trägt Mundnasen-Schutz, die Restaurants und Cafes sind relativ wenig frequentiert. Es herrscht eine seltsame, fast etwas bedrückende Ruhe. Die Auseinandersetzungen an der Grenze und in Artsach haben ernste Ausmaße angenommen, es gibt schon viele Opfer und auf den Straßen wird für Soldaten Geld, Essen und ähnliches gesammelt. Das Gesprächsthema aller ist natürlich der Krieg. Und was passieren wird, man weiß es nicht, nur dass es diesmal viel ernster, viel bedrohlicher ist als die letzten Male. Es wird viel über die Rolle der Türkei in diesem Konflikt diskutiert. Wir versuchen, unsere geplanten Arbeiten auszuführen, müssen aber die geplante Feldforschung nach hinten verschieben“.

Am 30. September teilte die Armenologin mit: „Während der armenische Außenminister heute versucht hat, seine Kollegen im europäischen Ausland, so auch den österreichischen Außenminister Schallenberg, über die Lage in Armenien telefonisch zu informieren und in der gestrigen, außerordentlichen Sitzung der OSCE in Wien der armenische Botschafter A. Papikyan die Problematik dieses Konfliktes erörterte, hat gestern Georgien die Grenzen zu Armenien geschlossen. Der armenische Luftraum ist wegen des Abschusses eines armenischen Jets durch die türkische Luftwaffe gesperrt. Die Zahl der Opfer steigt.

In Jerewan sind Menschen unterwegs, wenn auch sehr wenige. Sie versuchen, den Alltag aufrecht zu erhalten. Auf den Gehwegen stehen Schachteln, in denen Nahrungsmittel, Decken, und sogar Trinkwasser für die Soldaten gesammelt werden….Der freundliche junge Armenier, Vardan, der Nachtportier in unserem Hotel im Zentrum von Jerewan (das nur für uns aufgesperrt hat), hat am Nachmittag an meine Tür geklopft und mir den Hausschlüssel überreicht. Er würde am Abend nicht mehr da sein. Er sei eingezogen worden nach Karabach. Sprachlosigkeit meinerseits. Im Genozidmuseum, das wir heute besucht haben, erzählt mir eine der Führerinnen, den Tränen nahe, ihr Sohn sei schon vor zwei Tagen eingezogen worden, seither habe sie keine Nachricht von ihm…“

 

Friedensgebet am 17. Oktober in Wien

„Pro Oriente“ hatte bereits am 17. Oktober zu einem „Friedensgebet für den Südkaukasus“ mit Bischof Tiran Petrosyan in die Wiener Michaelerkirche eingeladen. „Pro Oriente“-Vizepräsident Domdekan Rudolf Prokschi (der zugleich Vorsitzender des „Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich“/ÖRKÖ ist) verwies am Beginn des Friedensgebets auf die Dankbarkeit für „75 Jahre Frieden in Österreich“, dieser Friede sei auch Armenien und Artsach zu wünschen. Bischof Tiran Petrosyan  hob hervor, dass die „Sehnsucht nach Gottes Frieden“ größer sei als alle menschliche Vernunft. Der Wiener armenische Bischof erinnerte an die Hochpreisung des Menschen im Oratorium „Die Schöpfung“ von Joseph Haydn, der im Nachbarhaus zu St. Michael seine erstem Jahre als Komponist verbracht hatte. Wörtlich stellte Bischof Tiran in diesem Zusammenhang fest: „Wir sind auf der Suche nach diesem Menschen, nach Gottes geliebtem Geschöpf…Was wir stattdessen finden und immer wieder erfahren, ist Angst, Wut und  Hass“. Das sei auch in den letzten Tagen in Armenien, in Artsach, der Fall, es herrsche Krieg. Bischof Tiran: „Wir, als das älteste christliche Volk der Welt, haben in dieser zum Teil so unwirtlichen Landschaft  viel Schmerz und Zerstörung erleben müssen, aber wir haben stets versucht, das Paradies auch zwischen den Steinen zu finden“.

In seiner berührenden Ansprache stellte der armenische Bischof fest:  „Jahrhundertelang haben wir das dasselbe Brot von den denselben  Feldern  gegessen, dasselbe Wasser getrunken, denselben Wein – und jetzt herrschen Demütigung, Angst, Wut und Hass – gegen alle menschliche Vernunft“. Umso mehr gehe es um die Suche nach Frieden, „einem Frieden, der mehr ist als die Abwesenheit von Krieg, einem Frieden, der mehr ist als die Launen der sogenannten Mächtigen“, so Bischof Tiran, der zugleich hervorhob, „dass die Armenier in Österreich eine „vertraute Familie der Ökumene“ gefunden haben, der sie sich „so sehr verbunden fühlen“.

Im Friedensgruß seien auch alle Feinde mitgemeint, damit „wir einander wieder in Frieden, Liebe und Würde in die Augen schauen können“, so Bischof Tiran wörtlich. Das sei die Botschaft Jesu Christi: Liebet eure Feinde. Es klinge unfassbar angesichts des tausendfachen Todes, des Leidens von so vielen, in Berg-Karabach genauso wie in vielen anderen Ländern der Welt. „Aber das ist unsere Kultur, unser Glaube, über die Grenzen von Konfessionen und Religionen hinweg“, so der armenische Bischof. Die Armenier würden im Hinblick auf das Wort des Evangeliums „Selig, die Frieden stiften…sie werden Söhne Gottes genannt werden“ an die Versöhnung glauben.

Mit Bischof Tiran und Domdekan Prokschi beteiligten sich auch der Wiener Weihbischof Franz Scharl und der syrisch-orthodoxe Chorepiskopos Emanuel Aydin an der Leitung des Friedensgebetes. Das Gebet bestand vor allem aus Lesungen aus den Psalmen und aus den Dichtungen des Heiligen Nerses Shnorhali. Beendet wurde das Gebet mit dem Vater Unser in armenischer Sprache.