PRO ORIENTE um vertrauensbildende Maßnahmen auf dem Balkan bemüht

Leiter der PRO ORIENTE-Kommission für südosteuropäische Geschichte, Prof. Harald Heppner, skizziert im Vorfeld von internationaler Balkan-Tagung zentrale Herausforderungen für die Region

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Foto: © Predrag Bubalo (Quelle: Wikimedia, Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 2.0 Generic)

Graz, 21.04.21 (poi) Die PRO ORIENTE-Kommission für südosteuropäische Geschichte versucht, durch Aufarbeitung der gemeinsam erlebten, aber verschieden interpretierten Geschichte Südosteuropas Versöhnung und Frieden zwischen den Völkern und Religionsgemeinschaften zu stiften. Das hat deren Leiter, der Grazer Historiker Prof. Harald Heppner, im Vorfeld der anstehenden internationalen Online-Tagung „Religionsgemeinschaften und Zivilgesellschaft im südöstlichen Europa“ betont. Ein Grundproblem Südosteuropas sei, dass weite Teile der Gesellschaft immer noch in mentalen Strukturen und geistigen Traditionen verharrten, „die mit der westlichen Welt noch wenig zu tun haben“.

Hier versuche PRO ORIENTE, mit behutsamen und vertrauensbildenden Maßnahmen Akzente zu setzen. Für den Historiker gelte die Devise, aus den Erkenntnissen der Vergangenheit Positives für die Gegenwart und Zukunft umzusetzen, so Heppner. Er wies in diesem Zusammenhang darauf hin, dass Teile der Serbisch-orthodoxen Kirche über Jahrhunderte bis 1918 im Habsburgerreich gelebt bzw. dort ihre Strukturen hatten. Dieser Teil der Kirche habe auch ganz andere Erfahrungen mit Vielfalt gemacht. Von diesem Erfahrungsschatz könne die serbische Kirche auch heute profitieren, zeigte sich Heppner überzeugt.

Im Blick auf den neuen serbischen Patriarchen Porfirije, dem in seinen ersten Wochen im Amt von vielen Seiten ein sehr offener Kurs attestiert worden ist, hob der Balkanexperte die vielfältigen unterschiedlichen Erwartungen hervor, die an den Nachfolger des im November 2020 an COVID verstorbenen Patriarchen Irinej herangetragen würden, vom Westen genauso wie etwa von der serbischen Regierung oder anderen Kräften im Land und darüber hinaus. Der Patriarch habe sicher nur einen bedingten Spielraum, auf jeden Fall aber auch Vorbildwirkung.

Die größte Herausforderung für die Kirche, letztlich aber für die Gesellschaft allgemein, sei, laut Prof. Heppner, die Säkularisierung, die auch vor dem Balkan nicht Halt mache. „Wie kann man hier von Seiten der Kirche dagegenhalten und christliches Gedankengut und christliche Werte um des Friedens und des Gemeinwohls willen weiter aufrechterhalten? Das ist die entscheidende Frage“, so Heppner.

Ein weiteres, nicht zu unterschätzendes Problem der gesamten konfliktbeladenen südosteuropäischen Region sei die schwierige wirtschaftliche Lage, erläuterte der Historiker. Die Kleinräumigkeit der Region schaffe hinsichtlich der Ökonomie auch wenig Spielraum für echte Perspektiven.

Konferenz-Auftakt am 22. April

„Mit- und Nebeneinander. Religionsgemeinschaften und Zivilgesellschaft im südöstlichen Europa“ lautet der Titel der mehrteiligen internationalen Videokonferenz, die am Donnerstag, 22. April, beginnt. Die Konferenz widmet sich der Frage nach dem Umgang der Religionsgemeinschaften mit zivilgesellschaftlichen Zielen und Aktionen im südöstlichen Europa seit 1989. Namhafte Expertinnen und Experten aus Mittel- und Südosteuropa referieren, diskutieren und beleuchten das Grundthema von verschiedenen Perspektiven aus.

Veranstalter sind die Kommission für Südosteuropäische Geschichte der Stiftung PRO ORIENTE, das Zentrum für Südosteuropastudien der Universität Graz und das Institut für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München.

Prof. Heppner erwartet sich von der Tagung zuallererst einen umfassenden Blick auf die reale Situation vor Ort. Beim ersten Panel referieren und diskutieren Marijana Ajzenkol, Gründerin des interreligiösen Zentrums Belgrad, der in Fribourg und Bukarest tätige Experte für den interreligiösen Dialog, Prof. Martin Hauser, sowie der rumänische orthodoxe Theologe und Ökumene-Experte Dr. Mihai Iordache. Den Vorsitz führt Dr. Angela Ilic, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas an der LMU München. Panel Eins findet am Donnerstag von 16 bis 18 Uhr statt.

Auch die weiteren drei Panels am 29. April sowie am 6. und 20. Mai finden zur gleichen Zeit statt. Alle vier Teile können online und interaktiv ohne Anmeldung mitverfolgt werden.

Infos zur Tagung bzw. Teilnahme an der Tagung: https://religion-und-zivilgesellschaft.info