Produktives 3. Treffen der neuen „Pro Oriente“-Kommission für orthodox-katholischen Dialog

Coronabedingt musste das Treffen online stattfinden - „Wachsende Vertrauensbeziehungen zwischen den christlichen Kirchen“

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Foto: © Thomas Ledl (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International)

Wien, 08.11.20 (poi) Als überaus produktiv erwies sich das 3. Treffen der neuen „Pro Oriente“-Kommission für orthodox-katholischen Dialog (POSCOCD), das am 6./7. November coronabedingt online via „Zoom“ stattfinden musste. Das 16-köpfige Komitee setzt sich aus je acht – zumeist jüngeren – orthodoxen und katholischen Theologinnen und Theologen zusammen. P. Hyacinthe Destivelle überbrachte den Segen und die Ermutigung des Präsidenten des Päpstlichen Rates für die Einheit der Christen, Kardinal Kurt Koch. In einer Schlussrunde mit „Pro Oriente“-Generalsekretär Bernd Mussinghoff bezeichneten die Teilnehmenden das Treffen übereinstimmend als „faszinierend“ und „großen Fortschritt“, auch wenn das Fehlen der persönlichen Begegnung bedauert wurde. Als wesentliche Ansatzpunkte wurden hervorgehoben: Die Notwendigkeit der Einbeziehung der Jugend in die ökumenische Annäherung, die Bedeutung der Begriffe „Vergebung“ und „Reue“ im Bemühen um die „Heilung“ der geschichtlichen Erinnerung, die oft die Kirchen voneinander trennt, die Einsicht, dass für den ökumenischen Fortschritt die „innere Bildung“ wichtiger ist als die „Information“, die Entwicklung einer „synodalen Mentalität“. Es wurde vereinbart, dass das 4. Treffen des POSCOCD von 4. November bis 7. November 2021 in Wien stattfinden soll; dabei ist beabsichtigt, die schon für heuer vorgesehen gewesene öffentliche Präsentation des 2018 vom St. Irenäus-Arbeitskreis bei seiner Tagung in Graz beschlossenen Dokuments „Im Dienst an der Gemeinschaft. Das Verhältnis von Primat und Synodalität neu denken“ nachzuholen.

Am Beginn des 3. POSCOCD-Treffens hatte „Pro Oriente“-Präsident Alfons M. Kloss die Bedeutung der Solidarität der Christen in einer von Pandemie und Terror gekennzeichneten Welt hervorgehoben: „Wir müssen in einer instabilen Welt zusammen handeln und uns für Dialog und Versöhnung einsetzen“. Präsident Kloss skizzierte vor den Theologinnen und Theologen aus verschiedenen europäischen Ländern den „Zukunftsprozess“ der Stiftung „Pro Oriente“, dessen Ziel es sei, auf der Basis des bereits Erreichten Antworten auf die neuen Herausforderungen zu finden. Der „Pro Oriente“-Präsident legte die “Mission“ der Stiftung dar, wie sie in den Gesprächen des „Zukunftsprozesses“ definiert wurde: „Einsatz für die Communio der Christen des Ostens und des Westens“. Dazu gehöre die Öffnung von Räumen für den Dialog, die Erbringung spezifischer Beiträge zu Konfliktlösung und Versöhnung im Kontext von Religion und der Einsatz für eine menschlichere Gesellschaft.

Beim POSCOCD-Treffen wurde ein Überblick über die jüngsten Entwicklungen im orthodox-katholischen Dialog gegeben, wobei etliche Dialogvorgänge durch die Auswirkungen der Corona-Pandemie gebremst worden sind, so auch die Arbeiten der internationalen Kommission für den offiziellen theologischen Dialog zwischen katholischer und orthodoxer Kirche. Anderes läuft aber auch weiter, so hat etwa das in Graz beschlossene Dokument des St. Irenäus-Arbeitskreises eine breite Diskussion ausgelöst, es liegen bereits Übersetzungen in sieben Sprachen vor, weitere sind in Ausarbeitung. Auch die Treffen zwischen katholischer und orthodoxer Bischofskonferenz in Deutschland gehen weiter, ebenso der theologische Dialog zwischen der katholischen Deutschen Bischofskonferenz und dem Moskauer Patriarchat, für den Dialog zwischen orthodoxen Christen und Angehörigen der katholischen Ostkirchen wurde eine neue Plattform begründet. Die Kommission für Glaube und Kirchenverfassung („Faith and Order“) des Weltkirchenrats (in der die römisch-katholische Kirche Vollmitglied ist) vertieft den theologischen Dialog ständig. Bei dem Treffen wurde auch auf Initiativen verwiesen, die weniger bekannt sind, wie die in Rumänien beheimatete Stiftung „Reconciliation in South East Europe“ (RSEE), die im Geist der „Charta Oecumenica“ arbeitet.

Bernd Mussinghoff schilderte die Beiträge von „Pro Oriente“ zum kirchlichen Ost-West-Dialog, wie das seit 25 Jahren bestehende „Forum Syriacum“, in dem zehn Kirchen der syrischen Tradition vertreten sind. Eine neue ökumenische Initiative gebe es in der Stadt Jerusalem, wo sich die Verantwortlichen der dort tätigen 13 offiziell anerkannten Kirchen entschlossen haben, unter dem „Schirm“ von „Pro Oriente“ in der Jugendarbeit ökumenisch zusammenzuarbeiten. Im kommenden Jahr wird der heuer coronabedingt ausgefallene „Summer Course“ von „Pro Oriente“ für theologische Nachwuchskräfte wieder stattfinden und sich mit dem Thema „Liturgie und Ökumene“ auseinandersetzen.

In der Diskussion wurde darauf aufmerksam gemacht, dass nicht alle, die „im ökumenischen Dialog engagiert sind“, auch die verschiedenen nationalen Kommission für den orthodox-katholischen Dialog und die Trägerorganisationen für nichtoffizielle Dialogvorgänge kennen. Von orthodoxer Seite wurde die Erwartung ausgesprochen, dass es bei dramatischen Ereignissen, die die ganze Christenheit betreffen (wie etwa der Umwidmung der Hagia Sophia in Konstantinopel in eine Moschee oder dem Krieg um die armenisch besiedelte Region Berg-Karabach/Artsach) mehr „kritische Stimmen“ aus der katholischen Kirche geben sollte. Ebenso wurde eine intensivere Auseinandersetzung mit aktuellen Vorgängen in den verschiedenen Kirchen eingefordert.

P. Destivelle legte die im 9. Bericht der „Gemeinsamen Arbeitsgruppe der römisch-katholischen Kirche und des Ökumenischen Rates der Kirchen“ festgehaltenen Übereinstimmungen dar. Der 9. Bericht bezieht sich auf den Zeitraum 2007 bis 2012, in dem die „Gemeinsame Arbeitsgruppe“ vom rumänisch-orthodoxen Metropoliten von Targoviste, Nifon (Mihaita), und dem römisch-katholischen Erzbischof von Dublin, Diarmuid Martin, geleitet wurde. Als Motto des 9. Berichts wurde „Einander im Namen Christi annehmen“ gewählt, weil ein wesentliches Arbeitsprojekt der Gruppe eine „Studie zur Rezeption der Ergebnisse ökumenischer Dialoge“ war. P. Destivelle hob hervor, dass in dem 9. Bericht die „wachsenden Vertrauensbeziehungen“ zwischen den christlichen Kirchen zum Ausdruck kommen. Dem Bericht sind zwei Studiendokumente zur „Rolle der Jugendlichen in der Kirche“ beigefügt.

„Heilsames Vergessen“?

Regina Elsner (Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien/ZOiS in Berlin) analysierte das Bemühen um die „Heilung“ der geschichtlichen Erinnerung als „theologische und ökumenische Anstrengung“. Sie zitierte aus der gemeinsamen Erklärung der Deutschen Bischofskonferenz und des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland zu diesem Thema von 2016, dass es darum gehe, die geschichtlichen Erinnerungen aus „einem Mittel der Spaltung“ zu einem „Mittel der Versöhnung“ werden zu lassen. Die „Heilung der Erinnerung“ und die Heilung durch die Erinnerung“ seien zwei Dimensionen des selben Prozesses. Eine wichtige Rolle komme den „Erinnerungsorten“ zu, so Regina Elsner. Es gebe Orte, Objekte oder Ereignisse, die besondere Bedeutung für das historische Gedächtnis einer Gruppe haben und sich daher auch auf einen „spaltenden“ oder „versöhnenden“ Blick auf die Geschichte auswirken. Am Beispiel von „Reconciliation South East Europe“ (RSEE) nannte die in Berlin wirkende Wissenschaftlerin drei notwendige Schritte: Gemeinsam – auch in interdisziplinären Forschungsvorhaben – durch die Geschichte gehen, am Schmerz der „Anderen“ Anteil nehmen und die Zukunft gemeinsam angehen, zum Beispiel auch durch gemeinsame Initiativen zur Bewältigung neuer gesellschaftlicher Herausforderungen. Regina Elsner brachte aber auch das aufs erste Hinhören schockierende Argument des „heilsamen Vergessens“ in die Diskussion. Als berühmtes Beispiel nannte sie die gemeinsame Erklärung von Papst Paul VI. und dem Ökumenischen Patriarchen Athenagoras I. vom 7. Dezember 1965, mit der die wechselseitigen Exkommunikationen von 1054 dem Vergessen anheimgegeben wurden.

Breiten Raum nahm beim 3. POSCOCD-Treffen der Austausch über die bisherigen Ergebnisse der drei Arbeitsgruppen „Heilung der geschichtlichen Erinnerung“ (Leitung: Regina Elsner/Berlin), „Vernetzung der Dialoge“ (Leitung: Johannes Oeldemann/Paderborn) und „Rezeption der Ergebnisse der ökumenischen Dialoge und Inspiration“ (Leitung: Georgios Vlantis/München) ein.

Die Mitglieder von POSCOCD sind: Dr. theol. Kateřina Kočandrle Bauer (Ökumenisches Institut, Fakultät für Protestantische Theologie, Prag), P. Hyacinthe Destivelle OP (Päpstlicher Rat für die Einheit der Christen, Rom), Dr. Regina Elsner (Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien/ZOiS, Berlin), Dipl.-Theol. Christian Föller (Katholisch-Theologische Fakultät, Münster), Direktor Dr. Pantelis Kalaitzidis, (Akademie für Theologische Studien, Volos), Univ.-Prof. Dr. Assaad Elias Kattan (Zentrum für Religionsbezogene Studien/ CRS, Münster), Erzpriester P. Wladimir Khulap (Theologische Akademie, St. Petersburg), Ass.-Prof. P. Dr. Ioan Moga (Institut für Historische Theologie, Wien), Prof. DDr. Thomas Mark Nemeth (Institut für Historische Theologie, Wien), Dr. Johannes Oeldemann (ohann-Adam-Möhler-Institut f. Ökumenik, Paderborn), Aikaterini Pekridou (Konferenz Europäischer Kirchen/CEC, Brüssel), Univ.-Prof. i.R. Domdekan Dr. Rudolf Prokschi (Institut für Historische Theologie, Wien), Dr. Julija Vidovic (Institut de Theologie orthodoxe Saint Serge, Paris), M. Theol. Georgios Vlantis (Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Bayern, München), Prof. Dr. Myriam Wijlens (Katholisch-Theologische Fakultät, Erfurt), P. Milan Zust SJ (Fakultät für Missiologie, Päpstliche Gregorianische Universität, Rom).