Prof. Larentzakis: Zwischen Ost- und Westkirche gab es nie ein endgültiges Schisma

Vize-Vorsitzender der Grazer PRO ORIENTE-Sektion erläutert, weshalb weder das Jahr 1054 noch andere historische Ereignisse oder Dokumente als endgültige Bruchstelle zwischen dem Osten und Westen festgemacht werden können. Auf dieser Basis sind neue ökumenische Schritte möglich und notwendig.

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Foto: © Gerd Neuhold / Sonntagsblatt (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Austria)

Graz, 05.04.21 (poi) Zwischen Katholischer und Orthodoxer Kirche hat es „nie ein großes endgültiges Schisma“ und keine gegenseitige gültige kirchliche Verurteilung gegeben – und es sei auch keine offizielle große Spaltung vollzogen worden. Das betont der Grazer orthodoxe Theologe und stellvertretende Vorsitzende der Grazer PRO ORIENTE-Sektion, Prof. Grigorios Larentzakis. Es stimme jedenfalls auch sicher nicht, dass das gemeinhin genannte Jahr 1054 für eine solche Bruchstelle herangezogen werden könne.

1054 war Kardinal Humbert von Silva Candida im Auftrag von Papst Leo IX. nach Konstantinopel gereist, um ein militärisches Bündnis gegen die Normannen zu schließen – was misslang. Unglückliche Umstände führten dann aber dazu, dass er den Patriarchen Michael Kerullarios exkommunizierte. Kurz darauf folgte die Gegenexkommunikation.

Wie Prof. Larentzakis ausführt, habe dies aber für die Gesamtkirche wenig bis keine Bedeutung gehabt. Zum einen habe Humbert von Silva Candida am 16. Juli 1054, drei Monate nach dem Tod seines päpstlichen Auftraggebers, wohl kein Recht und schon gar keinen Auftrag mehr gehabt, die Bannbulle auf dem Altar der Hagia Sophia niederzulegen. „Diese Exkommunikation war also ungültig“, so Larentzakis.

Zweitens habe sich die Bannbulle nur gegen den Patriarchen Michael Kerullarios und dessen Anhang, nicht aber gegen den byzantinischen Kaiser oder die ganze östliche Kirche gerichtet. Drittens: Auch der Patriarch exkommunizierte nicht die ganze abendländische Kirche, sondern nur Kardinal Humbert und seine Hintermänner.

Prof. Larentzakis verweist auf Joseph Ratzinger, den späteren Papst Benedikt XVI., der in einer Arbeit darlegte, dass Kardinal Humbert in der gleichen Bulle, mit der er den Patriarchen „exkommunizierte“, zugleich Kaiser und Bürger von Konstantinopel als sehr christlich und rechtgläubig bezeichnete. Mit Sicherheit könne also festgehalten werden, dass die Exkommunikation nicht der Gesamtkirche des Ostens gegolten habe.

Auch die Replik von Patriarch Kerullarios fiel ähnlich aus: Am 24. Juli 1054 exkommunizierte eine Synode unter dem Patriarchen den Kardinal Humbert und alle, die mit dessen Vorgehen einverstanden waren. Larentzakis: „Es blieb bei dieser persönlichen Verurteilung; weder der Papst noch die westliche Kirche als ganze wurden verurteilt. Es gab auch keine Unterbrechung der Beziehungen mit der westlichen Kirche.“ Weder im Osten noch im Westen sei damals die Überzeugung entstanden, dass durch die besagten Exkommunikationen ein endgültiges großes Schisma zwischen Ost- und Westkirche entstanden sei.

Diese Fakten waren den Kirchenverantwortlichen in Ost und West durchaus bekannt. So wurden folgerichtig am 7. Dezember 1965 beim gemeinsamen ökumenischen Akt in Rom und Konstantinopel die Exkommunikationen aus dem Jahre 1054 wörtlich „aus der Mitte und dem Gedächtnis der Kirche entfernt“. Die Exkommunikationen wurden nicht aufgehoben, weil es nichts aufzuheben gab.

Kein Schisma, aber Entfremdung

Das bedeutet freilich nicht, dass vor rund tausend Jahren nicht schon ein großer Entfremdungsprozess zwischen Ost und West vonstattenging, so Prof. Larentzakis. Dieser habe jedoch bereits lange vor 1054 eingesetzt. 1054 war demnach bloß ein trauriges Ereignis von vielen in der Geschichte der Entfremdung zwischen Ost- und Westkirche.

Larentzakis verweist auf den Theologen Yves Congar, wonach es auch schon im ersten Jahrtausend insgesamt 200 Jahre Schismen und Unterbrechungen der kirchlichen Einheit gab. Diese Spaltungen konnten aber immer wieder überwunden werden und die Überzeugung der Existenz einer einzigen Kirche im Osten wie im Westen sei nicht verloren gegangen.

Nachdem also 1054 als Datum für die Kirchenspaltung von Ost und West nicht taugt, stellt sich die Frage, wann denn – wenn überhaupt – dieses Schisma vollzogen wurde. Laut Prof. Larentzakis lässt sich ein solches „zwingendes und endgültiges Datum für das radikale große Schisma zwischen Ost- und Westkirche – vorher volle Kirchengemeinschaft, nachher absolut keine Kirchengemeinschaft“ – nämlich nicht finden.

Freilich habe es immer wieder Ereignisse und Entwicklungen gegeben, die die Entfremdung weiter vorantrieben. Larentzakis nennt in diesem Zusammenhang etwa die Eroberung Konstantinopels durch die Kreuzfahrer 1204. Aber auch damals bzw. in den Jahrzehnten danach habe nicht das Gefühl vorgeherrscht, dass es sich bei der West- und Ostkirche um zwei völlig getrennte Kirchen handelte. Die Gültigkeit der Sakramente im Osten wurde von den Lateinern nicht infrage gestellt, die orthodoxen Kleriker blieben im Amt, teils versahen auch lateinische Kleriker in orthodoxen Gemeinden ihren Dienst, auf einigen griechischen Inseln auch noch Jahrhunderte nach dem vierten Kreuzzug von 1204. Orthodoxe nahmen andererseits auch an lateinischen Festen teil, lateinische und griechische Geistliche beteten und feierten gemeinsam.

Liturgisch interessant sei zudem, dass zumindest bis ins 13. Jahrhundert in westlichen Liturgien orthodoxe griechische Hymnen gesungen wurden. Mischehen zwischen Lateinern und Orthodoxen waren stets erlaubt und wurden auch praktiziert.

Rom macht Exklusivität geltend

Eine verfestigte Entfremdung macht Prof. Larentzakis erst für das 16. Jahrhundert aus: Mitte dieses Jahrhunderts begann Rom die Theorie der Unterwerfung der „Schismatischen Kirchen des Ostens“ unter der Kirche von Rom anzuwenden. Allmählich sei die Theorie der ekklesiologischen und soteriologischen Exklusivität der Römisch-Katholischen Kirche entwickelt und praktiziert worden, wonach es für die Christen nach Gottes heiligem Willen unabdingbar sei und für sie sogar ein Heilserfordernis darstelle, unter der Obhut des obersten Hirten von Rom, des Nachfolgers Petri, zu stehen. Die wirkliche Befähigung der nicht auf Rom bezogenen östlichen Kirchen zum Dienst für das Heil der Seelen wurde infrage gestellt.

1622 wurde schließlich die Congregatio de Propaganda Fidei gegründet; mit dem Auftrag, im Osten Mission zu betreiben, um die Abgefallenen in die wahre Kirche zurückzuholen, damit sie zu ihrem Heil gelangen. Prof. Larentzakis: „Am 5. Juli 1729 hat die Congregatio de Propaganda Fidei, nicht der Papst, jede liturgische und sakramentale Gemeinschaft mit den Orthodoxen verboten.“

Orthodoxe Synode reagiert

Die Reaktion der Orthodoxen auf die Entscheidung von 1729 kam 26 Jahre später im Jahre 1755 durch einen synodalen Beschluss, womit die Gültigkeit der Sakramente der „Häretiker“ generell infrage gestellt wurde. Freilich wurde das nicht überall in den orthodoxen Kirchen in den folgenden Jahrhunderten gleichermaßen streng gehandhabt, wie Larentzakis betont. Und es gab auch orthodoxerseits stets Positionen, die das Kirche-sein der Römisch-katholischen Kirche und deren Sakramente anerkannten.

Prof. Larentzakis erinnerte in diesem Zusammenhang auch daran, dass im Jahre 1969 die Synode des Russisch-Orthodoxen Patriarchates die sakramentale Gemeinschaft mit den Katholiken erlaubte, was sie später wieder zurückgenommen hat.

Auch das Zweite Vatikanische Konzil (1962-65) spreche auf der anderen Seite von der Gültigkeit der Sakramente in der Orthodoxen Kirche und empfehle sogar in bestimmten Fällen die Praktizierung der sakramentalen Gemeinschaft für Katholiken und Orthodoxe.

So gibt es weder auf orthodoxer noch römisch-katholischer Seite ein Datum oder ein Dokument, mit dem ein vollständiges Schisma belegt werden könnte. Es wäre also besser und historisch korrekter, so Prof. Larentzakis, von einer allmählichen tiefen Entfremdung der zwei Kirchen des Ostens und des Westens zu sprechen, „die aber eine schmerzliche Realität der „Nicht-Communio“ der zwei Kirchen geschaffen hat!“ Deshalb sei es unbedingt notwendig, weitere vertrauensbildende Maßnahmen zu ergreifen, um diesen Zustand zwischen den „heterodoxen Schwesterkirchen“ zu beenden. Ökumene kein Geschehen bzw. Dialog zwischen Kirchen, sondern innerhalb einer Kirche. Larentzakis: „Wir gehören alle zu einer Kirche, bei allen Problemen. Wir gehören zu einer einzigen Familie.“

Er hoffe, so Prof. Larentzakis, dass durch seine Arbeit viele festgefahrene Meinungen und daraus viele entstandene Vorurteile hinterfragt und korrigiert werden, „die aus der Zeit der Polemik stammen“. Ziel müsse die „Wiederherstellung der vollen kirchlichen und sakramentalen Gemeinschaft unserer christlichen Kirchen sein“.

Vorkämpfer für katholisch-orthodoxe Aussöhnung

Vor gut 50 Jahren war Grigorios Larentzakis der erste orthodoxe Christ, der an einer Katholisch-Theologischen Fakultät in Österreich – in Innsbruck – ein Theologie-Doktorat erlangte. Der 1942 auf Kreta geborene Larentzakis hatte in Folge (seit 1970) Lehraufträge in orthodoxer und ökumenischer Theologie in Wien, Linz und Graz. 1982 wurde er an der Universität Graz habilitiert, 1983 an der Aristoteles-Universität Thessaloniki zum Doktor der orthodoxen Theologie promoviert und 1987 in Graz zum Universitätsprofessor ernannt und blieb dies 20 Jahre lang bis zu seiner Emeritierung.

1990 wurde an der Theologischen Fakultät der Universität Graz eine eigene Abteilung für Ostkirchliche Orthodoxie (seit 2001 „Sektion für Orthodoxe Theologie“) errichtet und Prof. Larentzakis zu deren Leiter bestellt. Von 1995 bis 1997 nahm Larentzakis auch die Agenden des Vorstands des Instituts für Ökumenische Theologie und Patrologie wahr. Er war wesentlich daran beteiligt, dass die Zweite Europäische Ökumenische Versammlung (EÖV2) 1997 in Graz stattfand. Er wurde von den Kirchen Österreichs zum Vorsitzenden des österreichischen Lokalkomitees zur Durchführung dieser Versammlung gewählt.

Der orthodoxe Theologe, auch Archon Megas-Protonotar des Ökumenischen Patriarchates, ist bis heute ökumenisch hoch engagiert: Larentzakis ist nicht nur Vize-Vorsitzender der Grazer Sektion von PRO ORIENTE und Ehrenmitglied der Stiftung, sondern etwa auch Mitglied des „Ökumenischen Forums christlicher Kirchen in der Steiermark“. Er war auch Mitglied verschiedener internationaler ökumenischer Kommissionen und Gremien der „Konferenz Europäischer Kirchen“ (CEC). Zuletzt wurde er Ehrendoktor der Universität Thessaloniki.