Prof. Winkler legte Fünf-Punkte-Programm für Versöhnung zwischen römisch-katholischer und äthiopisch-orthodoxer Kirche vor

Veranstaltung von „Pro Oriente“-Linz über Dialog-Initiativen für Äthiopien – Salzburger Ostkirchenexperte schilderte Bemühungen um Überwindung der beiden großen historischen „Stolpersteine“ im Verhältnis zwischen katholischer und äthiopisch-orthodoxer Kirche: Die Mission der Jesuiten im 16./17. Jahrhundert und die italienische Okkupation ab 1935

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Linz, 23.10.20 (poi) Die Bedeutung der „Reinigung des historischen Gedächtnisses“ für die Ökumene unterstrich der Salzburger Ostkirchenexperte (und Vorsitzende der Salzburger „Pro Oriente“-Sektion) Prof. Dietmar W. Winkler am Donnerstagabend bei einer Veranstaltung der Linzer „Pro Oriente“-Sektion zum Thema „Äthiopien – Dialog-Initiativen für den Nordosten Afrikas“. Prof. Winkler hatte im Mai 2019 gemeinsam mit „Pro Oriente“-Präsident Alfons M. Kloss in Addis Abeba an einer ökumenischen Konferenz teilgenommen, deren Ziel es war, die beiden großen historischen „Stolpersteine“ im Verhältnis zwischen römisch-katholischer und äthiopisch-orthodoxer Kirche zu bearbeiten: Die Mission der Jesuiten im 16./17. Jahrhundert mit dem damit verbundenen Unionsversuch, vor allem aber die italienische Okkupation des Landes ab 1935, die im äthiopischen Bewusstsein als ein „katholisches Unterfangen“ empfunden wurde. Auf dem Hintergrund der Erfahrungen in Addis Abeba plädierte Prof. Winkler für ein Fünf-Punkte-Programm der Vertrauensbildung zwischen äthiopisch-orthodoxer und römisch-katholischer Kirche: stärkere Bekanntmachung der bereits erzielten Übereinstimmungen im Rahmen der ökumenischen Dialoge, Aufarbeitung der nicht-theologischen Faktoren (etwa durch die Gründung einer gemischten Kommission für eine gemeinsame Interpretation der äthiopischen Kirchengeschichte), Intensivierung der theologischen Ausbildung, „Umkehr“ der „Gebetsrichtung“ („füreinander und nicht gegeneinander beten“), Gründung eines Äthiopischen Ökumenischen Rates, um die regionale pastorale Zusammenarbeit zu fördern. Prof. Winkler hob hervor, dass es in Äthiopien eine Sehnsucht nach Versöhnung gebe, wie sich an der Errichtung einer nationalen Versöhnungskommission durch Ministerpräsident Abiy Ahmed gezeigt habe, zu deren Leiter der Vorsitzende der Bischofskonferenz der katholischen Minderheitskirche, Kardinal Berhaneyesus Souraphiel , bestellt wurde.

Der Salzburger Theologe, der auch der offiziellen Kommission für den theologischen Dialog zwischen der katholischen Kirche und den orientalisch-orthodoxen Kirchen (die äthiopische Kirche ist die zahlenmäßig bedeutendste unter diesen Kirchen) angehört, verwies in Linz auf die Pionierarbeit von „Pro Oriente“ bei der ökumenischen Aufarbeitung der äthiopischen Kirchengeschichte. Winkler erinnerte u.a. an die Beteiligung äthiopisch-orthodoxer Bischöfe an den inoffiziellen „Pro Oriente“-Konsultationen mit orientalisch-orthodoxen Theologen ab 1971. Im Oktober 1981 war der damalige äthiopische Patriarch Tekle Haimanot zu Gast in Wien, er traf mit Kardinal Franz König zusammen, predigte im Stephansdom, stand im Mittelpunkt eines öffentlichen „Pro Oriente“-Festakts und konferierte mit dem damaligen Bundespräsidenten Rudolf Kirchschläger. 1983 war eine „Pro Oriente“-Delegation unter Führung von Kardinal König und des damaligen „Pro Oriente“-Präsidenten Theodor Piffl-Percevic in Addis Abeba. 1989 war wieder unter Leitung von Theodor Piffl-Percevic eine „Pro Oriente“-Delegation in der äthiopischen Hauptstadt. Dabei wurde eine Einladung an Patriarch Mercurios ausgesprochen, dem aber vom marxistischen Derg-Regime die Ausreise nach Wien untersagt wurde. Im Juni 1993 war dann der äthiopisch-orthodoxe Patriarch Paulos in Wien, wieder gab es einen öffentlichen „Pro Oriente“-Festakt und eine Patriarchenpredigt im Stephansdom. 2016 fuhr dann eine „Pro Oriente“-Delegation unter Leitung von Bischof Manfred Scheuer nach Addis Abeba, es gab Treffen sowohl mit dem jetzigen äthiopisch-orthodoxen Patriarchen Mathias I. als auch mit dem Vorsitzenden der äthiopischen katholischen Bischofskonferenz, Kardinal Souraphiel. Bischof Scheuer überbrachte eine Wien-Einladung von Kardinal Christoph Schönborn an den Patriarchen. Der Besuch hätte eigentlich heuer stattfinden sollen, musste aber coronabedingt verschoben werden.

Prof. Winkler unterstrich die große Bedeutung der „ökumenischen Besuchsdiplomatie“, die Vertrauen geschaffen habe. Die beharrliche inoffizielle Pionierarbeit von „Pro Oriente“ hat zweifellos auch den Rom-Besuchen der äthiopisch-orthodoxen Patriarchen den Weg bereitet. Patriarch Tekle Haimanot traf 1981 in Rom mit Johannes Paul II. zusammen, Patriarch Paulos konferierte in Rom 1993 mit dem Wojtyla-Papst und 2009 mit Papst Benedikt XVI. 2009 ergriff der Patriarch in Rom auch bei der katholischen Afrika-Synode das Wort. 2016 traf dann Patriarch Mathias in Rom mit Papst Franziskus zusammen. Dabei fanden beide Kirchenoberhäupter klare Worte, erinnerte Winkler. Papst Franziskus sagte damals: „Wir sind uns bewusst, dass die Geschichte uns eine Wunde von schmerzlichen Missverständnissen und Misstrauen hinterlassen hat, dafür erbitten wir Gottes Vergebung und Heilung“. Patriarch Paulos stellte fest: „Die Botschaft Eurer Heiligkeit und die Anerkennung des (1937 von italienischen Truppen verübten) Massakers von Debre Libanos waren von großer Bedeutung für unsere Kirche“. Eine Bestätigung der ökumenischen Rolle von Addis Abeba war schon zuvor die Tatsache, dass die Jahrestagung 2012 der offiziellen Kommission für den theologischen Dialog zwischen der katholischen Kirche und den orientalisch-orthodoxen Kirchen in der äthiopischen Hauptstadt stattfand. Der Salzburger „Pro Oriente“-Vorsitzende zitierte in Linz das offizielle Kommunique, in dem es u.a. hieß: „Offensichtlich hat das 20. Jahrhundert neue Horizonte eröffnet, in denen durch die Wiener Stiftung ‚Pro Oriente‘ Beziehungen entwickelt wurden. Dieser Beziehungsprozess führte zur Einrichtung des offiziellen Dialogs zwischen katholischer Kirche und den orientalisch-orthodoxen Kirchen im Jahr 2003“.

Eingangs hatte Prof. Winkler die kulturelle und religiöse Entwicklung Äthiopiens skizziert. Diese Entwicklung war im kulturellen Bereich von der Durchdringung afrikanischer und semitischer Elemente gekennzeichnet, im religiösen Bereich durch die Bewahrung des jüdischen Erbes im Leben der äthiopisch-orthodoxen Kirche. Der früheste Hinweis auf äthiopische Christen ist in der Apostelgeschichte in der Erzählung über die Taufe des Kämmerers der Kandake, einer äthiopischen Fürstin, zu finden. Der Heilige Frumentius gilt dann als der eigentliche Apostel Äthiopiens. Er wurde vom Heiligen Athanasius in Alexandrien zum Bischof geweiht, damit wurde der Grundstein für die langdauernde Verbindung der äthiopischen Kirche mit Alexandrien gelegt. Bereits in der Mitte des 4. Jahrhunderts wurde das Christentum in Äthiopien zur Staatsreligion erklärt, es entwickelte sich eine monastische Tradition und eine reiche Literatur im heute noch als Liturgiesprache verwendeten „Ge’ez“. Durch die Entstehung und Ausbreitung des Islam wurde Äthiopien ab dem 7. Jahrhundert von der Gesamtkirche abgeschnitten.

Die konfliktreiche Jesuiten-Mission im 16./17. Jahrhundert hatte dann viel mit dem Widerstand gegen den Islam zu tun. 1529 eroberte der somalische Warlord Ahmed ibn Ibrahim, genannt „Granj“ (Linkshänder), fast ganz Äthiopien und wollte das Land gewaltsam islamisieren. Die Äthiopier wandten sich an die nächstgelegene christliche Macht, an den portugiesischen Estado da India, woher auch Hilfe kam, begleitet von Jesuiten. Vorübergehend war die Predigt der Jesuiten sehr erfolgreich, es wurden katholische Patriarchen eingesetzt, aber dann regte sich – ähnlich wie in Indien – Widerstand gegen die Latinisierungsversuche in Liturgie und Theologie, gegen die Nichtanerkennung der orthodoxen Taufe und der orthodoxen Priesterweihe. Das katholische Zwischenspiel endete mit der Vertreibung der Jesuiten.
Die Konfrontation mit Italien begann ab den 1880er-Jahren, als schrittweise die italienische Kolonie Eritrea aufgebaut wurde. In der Schlacht von Adua im Norden Äthiopiens errang am 1. März 1896 die äthiopische Armee unter dem Negus Negesti (Kaiser) Menelik II. einen Sieg gegen italienische Invasionstruppen. Damit war die äthiopische Unabhängigkeit auf Jahrzehnte gesichert, Äthiopien blieb – neben Liberia – das einzige afrikanische Land, das nicht unter Kolonialherrschaft stand. In Europa fand – auf dem Höhepunkt des „Zeitalters des Imperialismus“ – der Sieg der Truppen eines afrikanischen Landes über das Heer einer europäischen Kolonialmacht ein großes Echo.
Der bis heute nicht aufgeklärte Grenzzwischenfall von Ual Ual (einer seit 1926 von italienisch-somalischen Kolonialsoldaten kontrollierten Wasserstelle im äthiopischen Ogaden) am 5. Dezember 1934 wurde dann von der faschistischen Propaganda in Italien monatelang aufgebauscht und bildete das Vorspiel zum italienischen Einmarsch in Äthiopien in der Nacht vom 2. auf den 3. Oktober 1935. Es hatte keine Kriegserklärung gegeben, die italienischen Verbände überschritten einfach den Grenzfluss Mareb zwischen Eritrea und Abessinien. Der Krieg endete offiziell am 5. Mai 1936 mit der Eroberung von Addis Abeba durch die italienischen Truppen. Während des Krieges, aber auch in den folgenden fünf Jahren des Okkupationsregimes kam es zu zahlreichen Kriegsverbrechen. Dass italienische Priester, auch Bischöfe trotz der latenten Spannungen mit dem totalitären Anspruch des faschistischen Regimes den Aggressionskrieg gegen einen der ältesten christlichen Staaten nicht verurteilten, sondern den von der Regimepropaganda vorgebrachten Kriegsgründen (Verbreitung der Zivilisation, Aufbau einer neuen agrarischen Kultur mit landlosen Bauern aus Italien, Abschaffung der in Abessinien noch bestehenden Sklaverei, Proklamation der Religionsfreiheit) Verständnis entgegenbrachten, wirkt bis heute nach. In der äthiopischen Gedächtniskultur ist am tiefsten das Massaker von Debre Libanos verankert.
Das Blutbad von Debre Libanos
Das Blutbad im äthiopisch-orthodoxen Hauptkloster Debre Libanos 1937 gilt als das am schwersten wiegende Kriegsverbrechen der italienischen Besatzungsarmee im neueroberten Abessinien. Die Gemeinschaft Sant’Egidio hat in jüngster Zeit eine Versöhnungsinitiative gestartet, die zugleich das Bewusstsein für das Verbrechen in Italien wecken möchte. Der Gründer von Sant’Egidio, Prof. Andrea Riccardi, sagte im Februar bei der Präsentation des genau recherchierten Buches von Paolo Borruso „Debre Libanos 1937“, es gehe darum, die Inhumanität jener Zeiten aufzudecken, als eine „nationalistische und faschistische Hasspropaganda den ‚anderen‘ entmenschlichen wollte“. Der Vorsitzende der Italienischen Bischofskonferenz (CEI), Kardinal Gualtiero Bassetti, stellte fest, als Bischof bitte er die „christlichen Brüder und Schwestern in Äthiopien“ um Vergebung wegen des „Mangels an Respekt gegenüber ihren Vorfahren in den 1930er-Jahren“. Es sei dringend notwendig, durch Bücher wie das von Borruso vorgelegte oder die bahnbrechende TV-Dokumentation der katholischen Fernsehanstalt „TV2000“ vor drei Jahren die öffentliche Debatte in Gang zu setzen. Der italienische Verteidigungsminister Lorenzo Guerini kündigte an, dass er nach Äthiopien reisen werde, um die Märtyrer von Debre Libanos zu ehren. Der Minister betonte die Dringlichkeit von „Gesten wahrer Versöhnung“ und des Aufbaus einer Freundschaft zwischen den Völkern.
Am 19. Februar 1937 war es in Addis Abeba zu einem Anschlag auf Vizekönig Rodolfo Graziani gekommen, als dieser aus Anlass der Geburt des italienischen Thronerben einen Empfang für italienische Funktionäre und äthiopische Notabeln gab. In Addis Abeba kam es daraufhin zu wahllosen Übergriffen von faschistischen Aktivisten auf äthiopische Zivilisten, die dabei häufig auf brutale Art und Weise getötet wurden. Häuser und auch äthiopische Kirchen gingen in Flammen auf. Auch in anderen Landesteilen kam es zu grausamen Repressalien. Insgesamt starben ca. 30.000 Männer, Frauen und Kinder. In Debre Libanos brachten italienische Soldaten alle Mönche des örtlichen Klosters um, weil man sie – ohne jeglichen Beweis – verdächtigte, den abessinischen Widerstand zu unterstützen und den beiden Attentätern geholfen zu haben. Insgesamt wurden im Kloster 297 Mönche und 23 Laien ermordet, in der gleichnamigen Ortschaft wurden mehr als 1.000 Menschen Opfer der faschistischen Racheorgie.
Die Wirkungsgeschichte des Attentats vom 19. Februar 1937 ist relativ genau erforscht. Graziani hatte offensichtlich massiven Druck auf die Carabinieri und die politische Polizei ausgeübt, um ein Untersuchungsergebnis zu bekommen, das seinen Absichten entsprach, der äthiopisch-orthodoxen Kirche und der äthiopischen Führungsschicht einen „definitiven“ Schlag zu versetzen. Der Untersuchungsbericht, der auf oberflächlichen Befragungen und schlampigen Übersetzungen basierte, zeichnete dann auch das von Graziani gewünschte Bild: Das Attentat vom 19. Februar im Hof des Kaiserpalastes sei Teil eines großangelegten Komplotts früherer äthiopischer Minister, von vormaligen Studenten der aufgelösten Militärakademie von Oletta‘ und des britischen Geheimdienstes gewesen. Ein Teil des äthiopischen Klerus habe von dem Attentat gewusst, einige Prälaten hätten die Durchführung erleichtert.
Der Bericht enthielt kaum handfeste Informationen. Es wurde nur festgehalten, dass die beiden Attentäter, Abraham Debotch und Mogus Asghedom, in den ersten Februartagen nach Debre Libanos gefahren waren, wo sie ein Mönch aufgenommen habe und wo sie den Wurf von Handgranaten geübt hätten. Ansonsten wurden nur Vermutungen und Gerüchte wiedergegeben. Die einzige Verbindung der Attentäter zum Kloster Debre Libanos bestand darin, dass Abraham Debotch seine gesamte Habe verkauft hatte, um für seine Frau einen sicheren Platz im Klosterdorf von Debre Libanos zu erwerben.
Graziani benützte aber den fadenscheinigen Bericht der Polizisten aus Addis Abeba als Alibi, um den General Pietro Maletti mit einer blutigen „Befriedungsaktion“ in der ganzen Provinz Schoa zu beauftragen. Es kam zu Massendeportationen von „Verdächtigen“ und Notabeln in die Konzentrationslager von Danane und Nocra, hochrangige Aristokraten wurden nach Italien verfrachtet, der Terror Malettis richtete sich gegen Adelige, Angehörige der Bewegung „Junges Äthiopien“, aber auch summarisch gegen die Kategorie der Geschichtenerzähler und Handleser. Auf dem Hintergrund einer vagen Anklageschrift des Militärrichters Franceschini gegen die Gemeinschaft von Debre Libanos erteilte Graziani General Maletti den direkten Befehl, zum Kloster zu marschieren und alle Mönche zu erschießen. Maletti brach am 6. Mai 1937 auf, auf dem Weg nach Debre Libanos zündeten seine Truppen 115.000 „Tucul“ (die charakteristischen äthiopischen Behausungen), drei Kirchen und das Kloster Gultenie Ghedem Micael an (im Kloster ermordeten sie alle Mönche). Die Bevölkerung flüchtete mit dem Vieh in unzugängliche Täler und Höhlensysteme.
Am 19. Mai wurde Debre Libanos – das im 13. Jahrhundert vom Heiligen Tekle Haimanot errichtete Kloster – von den Truppen Malettis umzingelt. Am selben Abend erhielt Maletti ein Telegramm Grazianis, in dem dieser behauptete, der Militärstaatsanwalt habe ihm soeben den „absoluten Beweis“ für die Mitschuld der Mönche von Debre Libanos am Attentat des 19. Februar 1937 vorgelegt. Graziani fügte hinzu: „Lassen Sie alle Mönche ohne Unterschied – einschließlich des stellvertretenden Priors – erschießen“. Auf Grund einer Anordnung des Afrika-Ministers Alessandro Lessona, dass es keine Erschießungen im Blickfeld der Öffentlichkeit geben dürfe, ließ Maletti die Mönche auf LKWs zur abgelegenen Ebene von Laga Wolde transportieren; die Mordaktion führten libysche und somalische Soldaten muslimischen Glaubens („ascari“) durch. Zunächst waren die jungen Diakone verschont geblieben, aber nach drei Tagen stellte der Vizekönig – vermutlich auf Drängen des mit dem faschistischen Regime kollaborierenden Aristokraten Hailu Tekle Haimanot – in einem neuenlichen Telegramm fest, auch die Diakone seien Mitschuldige am Attentat, woraufhin Maletti 129 Diakone ermorden ließ.
Wissenschaftliche Studien der letzten Jahre haben gezeigt, dass die Opferzahlen in Debre Libanos noch weit höher waren als die – auf Grazianis Berichten fußenden – Angaben. So geht der Historiker Matteo Dominioni in einem 2008 erschienenen Werk davon aus, dass Maletti zwischen 21. und 29. Mai 1937 zwischen 1.500 und 2.000 Mönche, Priester, Diakone, Lehrer, Theologiestudenten – darunter 500 Jugendliche – ermorden ließ. Graziani bekannte sich zu seinen Verbrechen. So schrieb er u.a.: „Ich bin berechtigterweise stolz darauf, die Kraft gehabt zu haben, eine Vorgangsweise durchzuführen, die den ganzen abessinischen Klerus – vom Abuna bis zum letzten Mönch – erzittern ließ, sodass sie von da an verstanden, dass sie jede Haltung der Feindschaft uns gegenüber unterlassen müssen“. Die unter der Verantwortung Grazianis geschehenen Untaten lösten allerdings in Italien bis in faschistische Parteikreise hinein Unmut aus, sodass der Vizekönig abgelöst und durch den Herzog von Aosta ersetzt wurde.
Die Äthiopien-Veranstaltung in Linz wurde vom Vorsitzenden der oberösterreichischen „Pro Oriente“-Sektion, Landeshauptmann i.R. Josef Pühringer, eröffnet. Er verwies auf ein Zitat von Kardinal Walter Kasper, dem früheren Präsidenten des Päpstlichen Rates für die Einheit der Kirchen. Kardinal Kasper hatte die zentrale Bedeutung der „Reinigung des historischen Gedächtnisses“ für die Annäherung und Aussöhnung der Kirchen hervorgehoben. Diözesanbischof Manfred Scheuer erinnerte an die Verzahnung der Missionsbewegung der Neuzeit mit dem europäischen Kolonialismus. Er bekundete seine Ehrfurcht und Sympathie für die äthiopisch-orthodoxe Kirche, die aus der Überzeugung lebe, das Erbe des alten Israel angetreten zu haben. Ein eindrucksvolles Beispiel dafür sei der „Tabot“, die Nachbildung der alttestamentarischen Bundeslade, auf jedem Altar eines äthiopisch-orthodoxen Gotteshauses.