„Putin und Selenskij sollen nicht über Kirchenfragen reden“

Metropolit Hilarion zur Aufregung über die alte Formel von Moskau als dem „dritten Rom“: „Wir beschäftigen uns lieber mit den dringenden missionarischen Aufgaben von heute“

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Foto: © Υπουργείο Εξωτερικών (Quelle: Wikimedia, Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 2.0 Generic)

Moskau, 15.07.19 (poi) Die russisch-orthodoxe Kirche setze darauf, dass persönlicher Kontakt zwischen dem russischen und dem ukrainischen Präsidenten zur Lösung der bestehenden Probleme beitragen, Kirchenfragen könnten aber nicht Gegenstand der Gespräche zwischen Wladimir Putin und Wladimir Selenskij sein. Dies betonte der Leiter des Außenamts des Moskauer Patriarchats, Metropolit Hilarion (Alfejew), im TV-Sender „Rossiya-24“. Kirchenprobleme müssten von den Kirchenleuten gelöst werden, unterstrich der Metropolit. Die beiden Präsidenten sollten besser über den Donbass, die Probleme der russischsprachigen Bevölkerung in der Ukraine und vieles andere reden, „das sich angehäuft und die anstehende Situation ausgelöst hat“. Auf jeden Fall hoffe er, dass die beiden Präsidenten einen persönlichen Kontakt aufbauen, der „dabei hilft, die Fehler der Vergangenheit zu korrigieren“.

Eher sarkastisch äußerte sich der Metropolit über den Satz „Moskau ist das dritte Rom“, der im Zusammenhang mit den „Enthüllungen“ über ein angebliches Erdölgeschäft mit Russland zugunsten der „Lega“ in italienischen Medien für Aufregung gesorgt hat. „Ich glaube nicht, dass wir heute Formulierungen verwenden können, die vor Jahrhunderten geprägt wurden, die damals eine bestimmte historische Realität abgebildet haben mögen, aber auf die heutige Wirklichkeit nicht angewendet werden können“, stellte Metropolit Hilarion fest. Der Satz vom „dritten Rom“ wurde nach der Eroberung Konstantinopels geprägt, als sich das Großfürstentum Moskau im Aufstieg befand und „messianische Ideen“ über die Rolle Russlands kursierten. Der Mönch Filofej, Starez im Eleazar-Kloster in Pskow, schrieb 1523/24: „Zwei Rom sind gefallen, ein drittes steht und ein viertes wird es nicht geben“.

„Für uns ist Christentum kein Phänomen der Vergangenheit, sondern der Gegenwart und die Basis für die Zukunft“, betonte der Metropolit: „Wenn wir an einem großen Festtag in die Moskauer Erlöserkathedrale oder in irgendeine andere orthodoxe Kirche gehen, sehen wir, dass so viele Menschen zum Gottesdienst kommen. Aber das ist kein Grund für Triumphalismus oder die Schaffung von geopolitischen Theorien, die wie ein Kartenhaus zusammenfallen, wenn der Wind aus einer bestimmten Richtung weht“.

Was die russisch-orthodoxe Kirche heute tun müsse, sei eine „große missionarische Aufgabe“, nämlich jene Menschen in der Kirche zu beheimaten, die sich als orthodoxe Christen betrachten, aber tatsächlich weit davon entfernt sind, es zu sein, so Metropolit Hilarion. Wörtlich fügte er hinzu: „Ich denke, das ist eine viel wichtigere Aufgabe als alle Redereien über das ‚dritte Rom‘ und die Rolle Moskaus als Zentrum der Christenheit“.