Putin von Fiumicino direkt in den Vatikan

Gespannte Erwartungen vor der Begegnung zwischen Papst Franziskus und dem russischen Präsidenten am Donnerstag – Wird eine Einladung zu einem Russland-Besuch ausgesprochen? – Erzbischof Pezzi: „Wir erwarten uns, dass der Dialog weitergeht“

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Foto: © Пресс-служба Президента Российской Федерации (Quelle: Wikimedia, Lizenz: Creative Commons Attribution 4.0 International)

Vatikanstadt-Moskau, 02.07.19 (poi) Gespannte Erwartungen vor der Begegnung zwischen Papst Franziskus und dem russischen Präsidenten Wladimir Putin im Vatikan am Donnerstag. Der katholische Erzbischof in Moskau, Paolo Pezzi, sagte im Gespräch mit „Vatican News“: „Wir erwarten uns vor allem, dass der Dialog weitergeht“. Es handle sich bereits um das dritte Treffen zwischen dem Papst und Putin. Er kenne zwar die Tagesordnung nicht, aber er hoffe, dass es auch um den Weltfrieden – mit Stichworten wie Syrien und Ukraine – und um die “Bewahrung der Schöpfung“ (im säkularen Jargon: Klimakrise) gehen wird, betonte Pezzi.

Unklar war am Dienstag, ob Putin eine Einladung an den Papst zum Besuch der Russischen Föderation aussprechen wird. Kreml-Sprecher Dmitrij Peskow hielt sich am Montag auf entsprechende Journalistenfragen bedeckt. Erzbischof Pezzi meinte, persönlich fände er eine solche Einladung als wünschenswert. Andererseits könne eine solche Einladung nicht nur von der politischen Führung ausgesprochen werden. Sein Eindruck sei aber, dass von der russisch-orthodoxen Kirche derzeit keine explizite Einladung zu einem Russland-Besuch des Papstes ausgehen werde. Daher werde der Präsident kaum vorpreschen, wenn er nicht zuvor klare Signale seitens des Moskauer Patriarchats erhalte. Wie in anderen orthodoxen Kirchen gibt es auch innerhalb des Moskauer Patriarchats unterschiedliche Strömungen im Hinblick auf das Verhältnis zum kirchlichen Rom. Als es zum Treffen zwischen Papst Franziskus und Patriarch Kyrill in Havanna kam, gab es in Russland Kritik aus intellektuellen und monastischen Kreisen.

Erzbischof Pezzi machte im Gespräch mit der italienischen katholischen Nachrichtenagentur SIR auch klar, was die Substanz der Begegnung zwischen Papst Franziskus und Präsident Putin ausmacht: „Der Papst hat etwas zu sagen, er hat Vorschläge, aber er kann auch zuhören, er lässt sich von dem, was er hört, herausfordern. Das macht die Begegnung dynamisch, es gestaltet sie zum Dialog. Es ist eine Begegnung im starken Sinn, des Austausches und der Bereicherung und nicht des Gegensatzes“.

Laut dem Moskauer Erzbischof ist die kalendarische Nähe zwischen dem Gespräch des Papstes mit Putin (4. Juli) und der Begegnung mit dem ukrainischen griechisch-katholischen Synod (5./6. Juli) ein „Zufall“. Aber zweifellos werde die Ukraine ein Thema im Dialog zwischen Papst Franziskus und dem russischen Präsidenten sein, „aber wahrscheinlich nicht unter dem kirchlichen Aspekt“. Der Papst habe klar zu verstehen gegeben, dass er sich nicht in die internen Fragen der orthodoxen Kirchen einmischen wolle „und das hat er auch uns aufgetragen“. Zudem könne eine kirchliche Frage nicht Gegenstand des Dialogs mit einem Präsidenten sein. Wohl aber könne die Ukraine im Rahmen anderer Situationen, in denen es auch um die Förderung des Friedens geht – „Nahost, Libyen, Venezuela, verschiedene afrikanische Länder“ – besprochen werden. Papst Franziskus weise immer wieder daraufhin, dass der Ukraine-Konflikt vergessen werde und es immer noch keine friedliche Lösung gebe. Er halte es für möglich, dass Papst Franziskus sehr direkte Vorschläge machen werde, wie er es auch schon in anderen Fällen getan habe, etwa im Hinblick auf die Situation im Sudan und im Südsudan, „nicht nur Worte, sondern auch Gesten“.

Für die katholische Kirche in Russland sei die Begegnung des Papstes mit Putin zweifellos günstig, betonte Pezzi: „In den Medien wird berichtet – und wenn man über die Begegnung des Präsidenten mit dem Papst berichtet, heißt das automatisch, dass auch über die katholische Kirche, auch die katholische Kirche in der Russischen Föderation, berichtet wird. Außerdem gibt es aus Anlass einer solchen Begegnung höhere Aufmerksamkeit der lokalen Behörden für die katholischen Gemeinschaften. Es gibt Kontakte, die für uns positive Auswirkungen auch auf lokaler Ebene haben“.

Putin wird im Rahmen seines eintägigen Rom-Besuchs direkt vom Flughafen Fiumicino in den Vatikan fahren. Erst danach sind die offiziellen Treffen mit den Spitzenrepräsentanten der italienischen Politik vorgesehen. Vom Vatikan fährt der russische Präsident in den Quirinal, wo das Mittagessen mit seinem italienischen Amtskollegen Sergio Mattarella stattfindet. Danach erfolgt der Transfer in den Palazzo Chigi, Sitz von Ministrerpräsident Giuseppe Conte. Den Abschluss des Rom-Tages bildet ein Festessen in der Villa Madama.

Der aus der Ukraine stammende russische Vatikan-Botschafter Aleksandr Awdejew  sagte in einem Interview mit einem Magazin der „Kommersant“-Gruppe, beim Gespräch mit dem Papst werde es vor allem um Fragen der internationalen Politik gehen, „Destabilisierung der internationalen Beziehungen und des Welthandels, Nahost-Krise, Entwicklung in Syrien, Abrüstungsfragen, Iran-Krise“. Die Gespräche zwischen dem Papst und dem russischen Präsidenten seien immer „spannend und von hoher politischer Bedeutung“, betonte Awdejew. Es handle sich um den Austausch von politischen und philosophischen Meinungen über die globale Situation, wobei man bedenken müsse, dass die persönlichen Beziehungen zwischen Papst und Präsident „sehr gut und von Sympathie gekennzeichnet“ seien.

Die Beziehungen zwischen Russland und dem Vatikan entwickeln sich „erfolgreich“, unterstrich der Botschafter. Sie beruhten auf einem bestimmten Verständnis der Entwicklung vieler internationaler Prozesse in den letzten Jahren. Es gebe besondere Themen, bei denen „die vatikanische und die russische Haltung übereinstimmen“. In diesem Zusammenhang nannte Awdejew den Schutz der Christen, die Lösung der Nahost-Frage, den Kampf gegen den religiösen Extremismus und den Terrorismus, das Migrationsproblem, die Bewahrung der territorialen Integrität Syriens und die Stärkung des Systems der Verträge zur Nichtverbreitung von Massenvernichtungswaffen.