Rumänien: Neue Kirche auf Gelände eines früheren Folter-Gefängnisses

Gefängnis von Pitesti war Ausgangspunkt und Hauptschauplatz des gleichnamigen berüchtigten "Pitesti-Experiments", dem tausende meist junge Rumänen zum Opfer fielen

0
239
Foto: © (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported)

Bukarest, 20.03.21 (poi) Das Gefängnis von Pitesti in Rumänien war zur Zeit des Kommunismus ein Ort der Folter, unvorstellbarer Grausamkeiten und des Todes. Nun wird auf dem Gefängnisgrund eine neue orthodoxe Kirche errichtet, die an die Opfer der Vergangenheit erinnern soll. Die feierliche Grundsteinlegung nahm der Bischof der Erzdiözese Arges und Muscel, Calinic (Argatu), vor, wie das Nachrichtenportal basilica.ro berichtete. Vor der Grundsteinlegung feierte Erzbischof Calinic vor Ort einem Gedenkgottesdienst für die tausenden Opfer von Pitesti und darüber hinaus. Für das neue Kirchenprojekt maßgeblich verantwortlich ist der örtliche Gefängnisseelsorger P. Cozmin Ionu Miloiu.

Pitesti, rund 120 Kilometer westlich von Bukarest, steht für eines der dunkelsten Kapitel in der Geschichte Rumäniens. Das Gefängnis wurde in seiner jetzigen Form zwischen 1937 und 1941 erbaut und diente bis 1977 als Haftanstalt. Es war von 1949 bis 1952 Ausgangspunkt und einer der Hauptschauplätze des sogenannten „Pitesti-Experiments“.

Dahinter verbirgt sich eine von Teilen des rumänischen Geheimdienstes Securitate initiierte Umerziehungsmaßnahme, bei der versucht wurde, politische Gefangene physisch und psychisch zu brechen und zu „kommunistisch orientierten“ Personen zu formen – und dies auf die grausamste Weise durch körperliche wie seelische Folter, die vor allem von Mithäftlingen ausgeübt wurde. Betroffen waren zunächst ausschließlich Studenten, später auch andere Häftlinge.

Das Gefängnis in Pitesti wurde u.a. auch deshalb ausgewählt, weil es besonders ausbruchssicher und dermaßen weit außerhalb der zugehörigen Stadt lag, dass die Schreie der Gefolterten von der Bevölkerung nicht gehört werden konnten. Zur körperliche Folter kamen Schlafentzug und psychische Erniedrigungen. Der Tortur konnten sich die Opfer nur dadurch entziehen, dass sie selbst zu Tätern wurden. Besonders sadistisch verhielt sich die Folterer gegenüber Theologiestudenten. Sie und andere bekennende Christen wurden besonders erniedrigenden Prozeduren ausgesetzt.

Viele der Gefolterten versuchten Suizid zu begehen, was aber meist verhindert wurde. Missglückte Suizidversuche wurden mit weiterer Folter bestraft. Manche Gefangene starben infolge der Torturen.

„Schrecklichster Akt der Barbarei“

Der französische Historiker Francois Furet betrachtete Pitesti als „eine der schrecklichsten Entmenschlichungserfahrungen, die unsere Zeit je erlebt hat“. Der russische Dissident Alexander Solschenizyn, der selbst im sowjetischen Gulag-System gelitten hatte, beschrieb das rumänische Gefängnis als „den schrecklichsten Akt der Barbarei in der heutigen Welt“.

Im Frühjahr 1951 waren praktisch alle Häftlinge in Pitesti „umerzogen“. Die Securitate entschied sich, das Experiment auf andere Gefängnisse und Lager auszudehnen, in die sie die Häftlinge aus Pitesti verlegte. Das grausame Experiment wurde bis 1952 fortgesetzt.

Inwieweit es sich beim Pitesti-Experiment um ein rein internes Projekt der Securitate gehandelt hatte, oder ob auch kommunistische Partei- und Regierungsstellen eingeweiht waren, ist bis heute nicht geklärt. Als sicher kann gelten, dass hohe Geheimdienstoffiziere davon wussten. Anfang 1952 wurde es schlagartig beendet. Historiker sehen einen Zusammenhang mit einem Machtkampf innerhalb der kommunistischen Partei, wobei es zum Sturz von Außenministerin Ana Pauker und ihren Anhängern kam. In der Securitate verloren damals hochrangige Funktionäre ihren Posten oder auch ihr Leben.

Auch die schlimmsten Folterknechte wurden in den folgenden Jahren hingerichtet. Die verantwortlichen Hinterleute wurden hingegen nie belangt. Bis zum Ende des kommunistischen Regimes 1989 war das Thema in Rumänien tabu und auch danach kam die Aufarbeitung nur schleppend voran.

Auf einer Gedenktafel am ehemaligen Gefängnis von Pitesti heißt es u.a. wörtlich: „Tausende junger Menschen haben das Experiment durchlaufen, von denen fast einhundert unter Folter starben, und die anderen haben schwere körperliche und geistige Traumata erlitten.“ Auch im Zentrum von Pitesti erinnert inzwischen ein Denkmal an die Opfer des „Experiments“. Nun setzt auch die orthodoxe Kirche ein deutliches Zeichen des Gedenkens an die Opfer.