Rumänien: Positive Haltung der orthodoxen Kirche im Hinblick auf den Papstbesuch

Die Erinnerung an den Besuch von Johannes Paul II. vor 20 Jahren – den ersten Papstbesuch in einem orthodox geprägten Land – spielt eine Rolle

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Foto ©: Razvan Socol (Quelle: Wikimedia, Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported)

Bukarest, 30.05.19 (poi) In der rumänisch-orthodoxen Kirche gibt es eine positive Haltung im Hinblick auf den bevorstehenden Papstbesuch. Der Diakon Ioan Mavrichi, einer der Pressesprecher von Patriarch Daniel, sagte im Gespräch mit der italienischen katholischen Nachrichtenagentur ACI, dass die Begegnung zwischen Papst Franziskus und Patriarch Daniel „sehr wichtig“ sei. Viele erinnerten sich noch an die Begegnung zwischen Johannes Paul II. und Patriarch Teoctist und hätten große Erwartungen. In guter Erinnerung sei die Entscheidung von Johannes Paul II., die erste Spende für den Bau der neuen orthodoxen Kathedrale in Bukarest zu leisten. „Auf diese Kathedrale haben wir 100 Jahre gewartet“, so Mavrichi. Der Diakon erinnerte in dem ACI-Gespräch auch an den „Ökumenismus des Blutes“. Auch für die Orthodoxen sei die kommunistische Erfahrung traumatisch gewesen. Es gebe viele Beispiele von orthodoxen Gläubigen, die für das Bekenntnis zu Christus den Tod in Kauf genommen haben. Die Buchhandlungen seien voll mit Büchern über solche Menschen,.

Auch P. Bogdan-Aurel Teleanu vom Pressebüro der rumänisch-orthodoxen Kirche unterstrich im Gespräch mit der italienischen katholischen Nachrichtenagentur SIR die Kontinuität der beiden Papstbesuche. Man könne das rumänische Volk mit zwei Schlüsselbegriffen charakterisieren, sagte Teleanu: Gastfreundschaft und Aufnahmebereitschaft. In diesem Sinn werde auch Patriarch Daniel – der die westliche Welt und die römisch-katholische Kirche gut kenne – Papst Franziskus empfangen. Der Patriarch sei sehr offen für den Dialog.

  1. Teleanu war auch am 9. Mai 1999 dabei, als sich nach der Papstmesse in Anwesenheit von Patriarch Teoctist der Ruf „Unitate, unitate“ erhob. Das sei damals ein sehr schöner Augenblick, ein „starker Wunsch“ nach Einheit gewesen. Die Menschen hätten mit einem Psalmenlied der rumänischen Tradition fortgesetzt. Und als Papst Johannes Paul II. bei der von Patriarch Teoctist zelebrierten Göttlichen Liturgie anwesend war, sei die Weisheit der beiden spürbar geworden. P. Teleanu erinnert an die Abschiedsrede von Johannes Paul II.: „Ihr Rumänen habt euch von der Unterdrückung durch die kommunistische Herrschaft befreit, lasst euch nicht von den gefährlichen Träumen des Konsumismus irreführen. Jesus lässt euch von einem neuen Rumänien träumen, von einem Land, wo Orient und Okzident einander brüderlich begegnen“. Und als Patriarch Teoctist den Besuch des Papstes in Rom erwiderte, sei eine gemeinsame Erklärung unterschrieben worden, in der Papst und Patriarch die Verpflichtung unterstrichen, für die sichtbare Einheit aller Jünger Christi zu beten und zu arbeiten.

Seither seien viele Jahre vergangen, „aber die Schwierigkeit sind wir alle, wir mit unseren Sünden, unserem Individualismus, mit der Säkularisierung“, stellte der rumänisch-orthodoxe Priester fest. Die Botschaft der weltumspannenden Brüderlichkeit, wie sie Papst Franziskus formuliere, werde auch von der orthodoxen Kirche geteilt: „Wir sind aufgerufen, für die Einheit des ganzen Menschengeschlechts zu arbeiten, für die Solidarität, für den Frieden“. Die rumänisch-orthodoxe Kirche bemühe sich besonders auch um die vielen Kinder, die verwaist seien, weil ihre Eltern im Ausland arbeiten müssen. Von den fünf Millionen rumänischer Kinder seien bis zu 750.000 dauernd oder vorübergehend von der Abwesenheit der Eltern betroffen.

Einheit in „Wahrheit und Liebe“

Zum Papstbesuch in Rumänien befragte SIR auch P. Gheorghe Militaru von der Öffentlichkeitsarbeit der rumänisch-orthodoxen Eparchie für Italien. Das rumänische Volk schätze Worte des Guten und der Hoffnung, von wem auch immer sie kommen, sagte P. Militaru. Die Rumänen seien auch gastfreundlich, ohne nach dem Religionsbekenntnis zu fragen. Der Rumänien-Besuch des Papstes habe zwar den Charakter eines Staatsbesuchs, weil er vom staatlichen Apparat gewollt und organisiert worden sei, „aber das nimmt diesem Besuch nicht seinen pastoralen Wert“.

Papst Franziskus werde in Rumänien mit zwei gegensätzlichen Entwicklungen konfrontiert sein, Auf der einen Seite gebe es den wirtschaftlich-industriellen Fortschritt, der aber nur wenige reich mache und auf der anderen Seite Symptome des Verfalls. Das sei der Grund, warum so viele Rumänen ihr Glück in anderen Ländern suchen. So komme es zur Entvölkerung eines potenziell reichen Landes. P. Militaru: „Der Papst wird ein verletztes, aber stolzes Volk vorfinden, ein Volk, das sich in der Geschichte immer wieder zu erheben gewusst hat, ausgehend vom gemeinsamen christlichen Glauben und der gemeinsamen Sprache und Kultur“.

Der in Italien lebende rumänisch-orthodoxe Priester sieht anders als sein Mitbruder P. Teleanu große Unterschiede zwischen dem jetzigen Papstbesuch und dem Besuch von Johannes Paul II. vor 20 Jahren. Damals seien gerade erst zehn Jahre seit den Umbrüchen des Jahres 1989 vergangen gewesen, „das Klima war ganz anders als heute“. Nach den Jahrzehnten der kommunistischen Diktatur habe das Land die „Luft der Freiheit“ geatmet und sei vom starken Wunsch nach Neuaufbruch gekennzeichnet gewesen. Es habe Enthusiasmus gegeben, weil alle der Nation wieder zu jenem Glanz und Reichtum verhelfen wollten, die der Kommunismus ausgelöscht hatte.

Und auch der Besuch des Bischofs von Rom sei in enger Zusammenarbeit von Staatapparat und orthodoxer Kirche organisiert worden. Der Besuch von Johannes Paul II. sei auch als Ermutigung gesehen worden, nicht über die schmerzlichen Erinnerungen der Vergangenheit zu weinen, sondern die Kraft zum Wiederaufstehen und zum Aufbau einer besseren Welt zu finden. Der Ruf nach Einheit müsse auch im Zusammenhang dieser euphorischen Sehnsucht nach einem besseren Morgen gesehen werden. Abgesehen von „fanatischen Minderheitenpositionen“ suche die orthodoxe Kirche immer die Einheit, der Wunsch, die Kirche Christi geeint zu sehen, sei stark. Freilich werde die Einheit in „Wahrheit und Liebe“ aufgebaut, das habe auch Johannes Paul II. hervorgehoben.

Die rumänisch-orthodoxe Kirche sehe sich an das Wort des Evangeliums gebunden, vor allem an das Gebet Jesu im Johannes-Evangelium, „dass alle eins seien“, unterstrich P. Militaru. Heute genauso wie gestern arbeite die orthodoxe Kirche für die Einheit, weil die Einheit die überzeugendste Antwort an eine Welt – vor allem eine westliche – darstellt, die „den Tod Gottes dekretiert hat“, eine Gesellschaft, „die sich der Quellen ihrer Werte nicht bewusst ist“. Freilich werde diese Gegenwartskultur wie der Turmbau von Babel zusammenstürzen, weil sie sich selbst ihrer Fundamente, ihrer christlichen Wurzeln beraubt habe. Für die rumänisch-orthodoxe Kirche sei – wie für die ganze Orthodoxie – die Einheit von der „Wahrheit des Glaubens“ bestimmt, nach dem Jesus-Wort: „Die Wahrheit wird euch frei machen“.

Italien ist heute eines der wichtigsten Auswanderungsländer für die Rumänen (und auch für die Bewohner des benachbarten Moldova). Mehr als eine Million Rumänen leben in Italien. Die rumänisch-orthodoxe Eparchie Italien umfasst 250 Pfarrgemeinden, vier Klöster und zwei Eremitagen, in der Seelsorge sind 260 Priester und 15 Diakone im Einsatz.