Russische Auslandskirche bereitet sich auf 100-Jahr-Jubiläum vor

400 Pfarrgemeinden in aller Welt gehören zur Auslandskirche - Zwei Mal führte der Weg des Heiligen Synods der ROCOR im Zweiten Weltkrieg über Wien – Seit 2007 ist die Auslandskirche mit dem Moskauer Patriarch wieder vereinigt

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Foto ©: Thomas Ledl (Quelle: Wikimedia, Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported)

New York, 13.12.20 (poi) Die – mittlerweile wieder mit dem Moskauer Patriarchat vereinigte – Russische Auslandskirche (ROCOR) bereitet ihr 100-Jahr-Jubiläum vor. Bei der jüngsten Versammlung des Heiligen Synods der ROCOR bedauerte ihr Ersthierarch, Metropolit Hilarion (Kapral), dass es wegen der Pandemie heuer nicht möglich gewesen sei, das 100-Jahr-Gedenken zu begehen. Vor allem sei geplant gewesen, nach Sremski Karlovci in der Vojvodina zu pilgern, wo in der Zwischenkriegszeit der Hauptsitz der ROCOR war. Aber wegen Covic-19 könne man nichts voraussagen. In der Zwischenzeit gebe es „begrenzte Feiern“. So werde es um den 25. Dezember via Zoom eine Jugendkonferenz über den orthodoxen „Apostel von Alaska“, den Heiligen Herman, geben.

Das Hauptheiligtum der ROCOR, die „Marienikone von Kursk“, werde in nächster Zukunft noch nicht auf Pilgerfahrt gehen, betonte Metropolit Hilarion. Erst wenn es keine gesundheitliche Gefahr mehr gebe, würden die Pilgerfahrten wieder aufgenommen. Inzwischen hätten die Gläubigen die Ikone aber in vielen orthodoxen Pfarrgemeinden in den USA verehren können.

Die ROCOR entstand durch die Flüchtlingsbewegung aus dem ab 1918 zunehmend von der bolschewistischen „Mehrheitsbewegung“ beherrschten Russland. Mehrere Metropoliten, die nach der bolschewistischen Machtergreifung nach Westen geflüchtet waren, lehnten die Loyalitätserklärungen der Moskauer Kirchenspitze gegenüber dem revolutionären Regime (vor allem die Erklärung von Metropolit Sergij Stragorodskij vom 20. Juli 1927) ab. Metropolit Antonij (Khrapowitskij) von Kiew, der nach Jugoslawien geflohen war, wurde schließlich zum Gründer der ROCOR. Heute umfasst die ROCOR weltweit rund 400 Pfarrgemeinden (darunter eine in Salzburg) mit etwa 500.000 Gläubigen.

Der – nach dem Ende der Sowjetunion heiliggesprochene – Moskauer Patriarch Tichon hatte am 7. November 1920 eine mit dem Heiligen Synod vereinbarte Resolution veröffentlicht, die allen russischen Bischöfen im Ausland die Möglichkeit eröffnete, sich gemeinsam zu organisieren. Diese Resolution bildete die Grundlage für die Gründung der „Vorübergehenden Höheren Kirchlichen Administration im Ausland“, aus der die ROCOR erwachsen sollte (die „Vorübergehende Höhe Kirchliche Administration“ wurde von Patriarch Tichon bereits im Mai 1922 wieder aufgelöst). Metropolit Antonij (Khrapowitskij) übersiedelte am 14. Februar 1921 nach Sremski Karlovci, wo ihm der frühere Patriarchenpalast zur Verfügung gestellt wurde. Die provisorisch von Metropolit Antonij (Khrapowitskij) geleitete Kirchenorganisation im Ausland versuchte, dem vom kommunistischen Regime inhaftierten (und 1937 „liquidierten“) „Locum tenens“ des Moskauer Patriarchats (und Metropoliten von Krutitsy), Petr (Poljanskij), die Treue zu halten.

Als Stalin auf dem Höhepunkt des Zweiten Weltkriegs den überlebenden russisch-orthodoxen Bischöfen im September 1943 die Möglichkeit einräumte, einen Patriarchen zu wählen und Metropolit Sergij gewählt wurde, reagierte die ROCOR mit einem Statement ihres Vorsitzenden, Metropolit Anastasij (Gribanowskij), ablehnend. Daraufhin erlaubten die Deutschen dem Heiligen Synod der ROCOR, von 21. bis 26. Oktober 1943 in Wien eine Versammlung abzuhalten. Der Heilige Synod bezeichnete die Wahl von Patriarch Sergij als „unkanonisch und damit ungültig“ und appellierte an alle russisch-orthodoxen Gläubigen, den Kommunismus zu bekämpfen. Am 8. September 1944 – wenige Tage vor dem Einmarsch der Roten Armee in Belgrad – verließ Metropolit Anastasij mit seinem Büro und den anderen Bischöfen Sremski Karlovci und übersiedelte nach Wien. Die nächste Station war dann München, bevor die Führungsriege der ROCOR – gemeinsam mit vielen anderen russisch-orthodoxen Migraten – im November 1950 in die USA ging.

In den folgenden Jahrzehnten kam es zu scharfen Auseinandersetzungen zwischen dem Moskauer Patriarchat und der ROCOR. Die offizielle Wiedervereinigung erfolgte erst am 17. Mai 2007 in Moskau mit der Unterzeichnung eines „Aktes der kanonischen Gemeinschaft“ durch den Patriarchen von Moskau und den Ersthierarchen der ROCOR.