Russischer Bischof: „Neuen Blick auf unsere innere Welt werfen“

Neuernannter Administrator der russisch-orthodoxen Diözese für Wien und Österreich nahm in seiner ersten vorösterlichen Botschaft Bezug auf die aktuelle Situation des „Lockdowns“

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Foto ©: Thomas Ledl (Quelle: Wikimedia, Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported)

Wien, 16.04.20 (poi) Der neue Administrator der russisch-orthodoxen Diözese für Wien und Österreich, Bischof Aleksij (Zanotskin), hat in seiner vorösterlichen Botschaft auf die aktuelle Situation Bezug genommen: “Heute ist unsere Welt buchstäblich stehen geblieben, der übliche Lebensverlauf ist gestört. Natürlich liegt es nicht in unserer bescheidenen Macht, etwas global zu verändern oder eine Einschätzung darüber abzugeben, was geschieht“. In der Regel sei es leicht, „im Lauf der Zeit“ Einschätzungen vorzunehmen, aber die Hauptlast und Verantwortung liege bei denen, die „dies heute erleben“. Wörtlich stellte der russische Bischof weiter fest: „Wir stehen vor der Aufgabe, diese Zeit zu leben und zu erfüllen, was uns die Heilige Kirche in den Tagen des Fastens gebietet: uns von allen unseren Sünden abzukehren. Nur durch Buße wurde das Gericht Gottes in der Geschichte der Menschheit wiederholt zu Barmherzigkeit gewandelt“. In Bezug auf alles, was geschieht, „haben wir ein Beispiel in den Heiligen, die in allem eine tiefere spirituelle Bedeutung fanden und so Widrigkeiten in geistliche Perlen verwandelten“, betonte der russische Bischof und stellte fest: „Diese Zeit ist auf ihre Weise einzigartig. Sie bringt uns aus unserem üblichen Tagesablauf heraus, aber das ist die Bedeutung der Fastenzeit – uns aus der üblichen Aufregung herauszuholen und uns dabei zu helfen, einen neuen Blick auf unsere innere Welt zu werfen“. Jetzt bestehe die Möglichkeit, sich eingehender mit den Texten der Gottesdienste zu befassen, wofür normalerweise die Zeit nicht ausreicht. Die Klostergründer der frühen Christenheit seien in die Wüste gegangen, damit die „Glaubenstat eines jeden von ihnen nur Gott allein bekannt würde“. Heute hätten alle die Möglichkeit, in der „unfreiwilligen Einsamkeit“ wie die Wüstenväter zu werden.

Bischof Aleksij appellierte an die Gläubigen, „die Kraft des Gebetes“ zu Hause, in der eigenen Wohnung, nicht „gering zu schätzen“. Die Gläubigen sollten sich das vom Moskauer Patriarchen Kyrill I. konzipierte Gebet „in der Corona-Krise“ zu eigen machen, sie sollten für die Bischöfe, die „heute die konziliare Stimme der Kirche darstellen“, beten, aber auch für die Todesopfer der Corona-Epidemie, für die Trauernden. Insbesondere sollten sie einander „in  Wort und Tat“ unterstützen, ohne die „angemessene Sorgfalt und Sicherheit eines jeden“ zu vergessen und Frieden und Einheit bewahren, die „gegenwärtig besonders wichtig sind“. Abschließend brachte Bischof  Aleksij die Hoffnung zum Ausdruck, dass es nach dem Ende der Corona-Krise  Gelegenheit geben werde, sich an der „geistigen Freude im gemeinsamen Dienst der göttlichen Liturgie“ zu erfreuen.

Der Administrator der russisch-orthodoxen Diözese für Wien und Österreich wurde am 11. März vom Heiligen Synod des Moskauer Patriarchats gewählt. Bischof Aleksij löste Metropolit Ioann (Roschtschin) ab, der ab Juni 2019 als „Metropolit von Wien und Budapest“ gewirkt hatte. Ioann (Roschtschin) hatte damals Erzbischof Antonij (Sewrjuk) abgelöst, der zum Erzbischof von Korsun (der altrussische Name für die Krim-Stadt Cherson) sowie zum Exarchen des Moskauer Patriarchen für Westeuropa bestimmt wurde (in dieser Funktion hatte er die Integration der Erzdiözese der russischen Pfarrgemeinden Westeuropas in das Moskauer Patriarchat zu begleiten).  Erzbischof Antonij hatte seinerseits die Verantwortung für die russische Wiener Diözese von Bischof Tichon (Zaitsew) übernommen, der im Oktober 2015 vom Heiligen Synod des Moskauer Patriarchats zum Administrator der Eparchie Wien und Österreich bestimmt worden war. Seit der Übersiedlung des früheren Wiener Eparchen, Metropolit Hilarion (Alfejew), nach Moskau im Jahr 2009 war die russisch-orthodoxe Eparchie Wien und Österreich zunächst von Erzbischof Mark (Golowkow) von Jegorjewsk verwaltet worden, der 2015 zum Metropoliten von Rjazan und Michailow bestellt wurde. Der häufige Bischofswechsel hat in Wien Aufmerksamkeit erregt: 1962 war die russisch-orthodoxe Diözese Wien und Österreich kirchenrechtlich errichtet worden, die staatliche Anerkennung erfolgte im März 2012.

Bischof Aleksij trägt als Vikarbischof der Diözese von Korsun, deren geistlicher Leiter sein Wiener Vorvorgänger Erzbischof Antonij ist, den Titel eines Bischofs von Kafa. Hinter dem Namen Kafa verbirgt sich Cafa (oder Caffa), die wichtigste Überseebesitzung der Republik Genua zwischen 1266 und 1475, die als eine der bedeutendsten Handelsstädte des Mittelalters in die Geschichte eingegangen ist. Wie die römisch-katholische Kirche vergibt auch die russisch-orthodoxe Kirche die Titel „untergegangener“ Bischofssitze an neugeweihte Auxiliarbischöfe. Bischof Aleksij wurde 1975 in der russischen Stadt Orjol geboren. Er studierte an der Technischen Universität seiner Heimatstadt, die er 1998 als Ingenieur abschloss. Dann entschloss er sich für das Priestertum, am 25. Juni 2000 wurde er von Erzbischof Paisij von Orjol zum Diakon und am 11. September desselben  Jahres zum Priester geweiht. 2004 erhielt er im Marienkloster in Orjol die Mönchsweihe. 2010 bis 2016 studierte er an der Moskauer Theologischen Akademie. 2012 wurde er Abt des neugegründeten St. Kukscha-Klosters. Der Heilige Synod des Moskauer Patriarchats erhob ihn 2017 zum Vikarbischof für Orjol, am 9. April 2017 erteilte ihm der Moskauer Patriarch Kyrill I. die Bischofsweihe.