„Russisches Vikariat“ in der orthodoxen „Metropolie von Gallien“ gegründet

In dem Vikariat sammelt sich die minoritäre Gruppe, die beim Bruch zwischen dem Ökumenischen Patriarchat und der „Erzeparchie der Pfarrgemeinden russischer Tradition in Westeuropa“ 2018/19 Erzbischof Jean (Renneteau) nicht nach Moskau folgen wollte

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Foto: © Zairon (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International)

Paris, 07.07.20 (poi) Innerhalb der zum Ökumenischen Patriarchat gehörenden „Metropolie von Gallien“ unter Leitung des Pariser Metropoliten Emmanuel (Adamakis) wurde jetzt offiziell ein „Russisches Vikariat“ begründet. In diesem Vikariat sammelt sich die minoritäre Gruppe, die beim Bruch zwischen dem Ökumenischen Patriarchat und der „Erzeparchie der Pfarrgemeinden russischer Tradition in Westeuropa“ 2018/19 nicht Erzbischof Jean (Renneteau), der Mehrheit seines Klerus und vielen Gläubigen folgen wollte. Die offizielle Gründung des neuen konstantinopolitanischen „Russischen Vikariats“ erfolgte am Samstag, 7. Juli, zum selben Zeitpunkt, als in der Kathedrale der von Jean (Renneteau) geleiteten Erzeparchie – die mittlerweile in voller Kirchengemeinschaft mit dem Patriarchat Moskau steht – zwei neue Auxiliarbischöfe geweiht wurden.

Die Pariser „Erzeparchie der Pfarrgemeinden russischer Tradition“ geht auf die Fluchtbewegung ab 1918 zurück, als die „Entente“ (Großbritannien, Frankreich, Italien, USA) nicht imstande war, die mit atheistischer Kirchenverfolgung verbundene – und von den „Mittelmächten“ finanzierte – bolschewistische Machtergreifung in Russland einzudämmen. Die Flüchtlinge wandten sich zunächst auf die Krim, dann über Konstantinopel vor allem nach Paris und Berlin. 1921 ernannte der Moskauer Patriarch Tichon den in Paris residierenden Metropoliten Jewlogij (Georgijewskij; 1868-1946) zu seinem Repräsentanten in Westeuropa. 1927 untersagte der im jugoslawischen Sremski Karlovci residierende Heilige Synod der russischen Kirche im Ausland dem Metropoliten die Ausübung seiner bischöflichen Rechte. Daraufhin kam es zu einer Spaltung in der russischen Emigration. 1931 unterstellte sich der Metropolit „zeitweise“ – um dem Druck der sowjetischen Politik zu entgehen – dem Omophorion des Ökumenischen Patriarchen. Ein Jahr vor seinem Tod (1945) kehrte er in die Jurisdiktion der russisch-orthodoxen Kirche zurück. Die meisten Priester und Gläubigen blieben aber unter Konstantinopel.

Das Ökumenische Patriarchat errichtete ein Exarchat für die Gemeinden der russischen Diaspora, das in unterschiedlichen juridischen und jurisdiktionellen Konstellationen bis 1999 bestand. 1999 gewährte der jetzige Ökumenische Patriarch Bartholomaios I. der „Erzeparchie der Pfarrgemeinden russischer Tradition“ einen „Tomos“ mit weitgehenden Autonomie-Rechten. Oberhaupt dieser Kirche war zunächst Erzbischof Job (Getcha) – heute Repräsentant Konstantinopels beim Weltkirchenrat in Genf -, dann Erzbischof Jean (Renneteau). Am 27. November 2018 beschloss der Heilige Synod von Konstantinopel überraschend (und ohne Konsultation mit Erzbischof Jean), den „Tomos“ von 1999 aufzuheben, die Pfarrgemeinden russischer Tradition in Westeuropa wurden aufgefordert, sich den jeweiligen Metropolien des Ökumenischen Patriarchats anzuschließen und zu unterstellen.

Die Priester, Mönche und Laien der Erzeparchie mit Erzbischof Jean an der Spitze wollten die konstantinopolitanische Entscheidung nicht akzeptieren. Bei einer Generalversammlung am 28. September 2019 wurde zwar nicht der kollektive Beitritt unter die Moskauer Jurisdiktion beschlossen, der Heilige Synod des Moskauer Patriarchats ermöglichte aber am 7. Oktober 2019 den individuellen Beitritt von Gemeinden, Klerikern und Mönchen. Die Mehrheit der Gemeinden, Kleriker und Mönche folgte dem Beispiel von Erzbischof Jean, der sich dem Moskauer Patriarchen unterstellt hatte. Das Moskauer Patriarchat zeichnete das Oberhaupt der Erzeparchie mit dem Titel eines „Metropoliten von Dubna“ aus (Dubna ist eine 1947 nördlich von Moskau in sowjetischer Zeit errichtete „Wissenschaftsstadt“ mit Spitzeninstitutionen des naturwissenschaftlich-technischen Bereichs). Wer Erzbischof Jean nicht folgen wollte, schloss sich entweder der „Metropolie von Gallien“ oder der rumänischen, bulgarischen oder serbischen orthodoxen Kirche an.

Der Ökumenische Patriarch sandte am Samstag eine Botschaft an die Generalversammlung des „Russischen Vikariats“. Darin betonte er, dass es die Aufgabe des Ökumenischen Patriarchats sei, die Einheit der orthodoxen Kirche im Hinblick auf die „ekklesiologischen Erfordernisse“ zu bewahren, wonach es in einer Stadt nur einen Bischof geben könne, in dessen Namen die Heilige Eucharistie zelebriert wird und der der „einzige administrative und pastorale Verantwortungsträger“ ist. Dem Ökumenischen Patriarchat sei es aber auch am Herzen gelegen, allen orthodoxen Christen ohne Unterscheidung der Nationalität oder ethnischen Herkunft zu dienen.

Die Geschichte der orthodoxen „Metropolie von Gallien“ sei reichhaltig, erinnerte Bartholomaios I. Bei der Gründung des neuen „Russischen Vikariats“ dürfe man nicht vergessen, dass es bereits seit 1931, seit 90 Jahren, Verbindungen zwischen den russischen Gemeinden in Westeuropa und dem Ökumenischen Patriarchat gebe. Wörtlich fügte Patriarch Bartholomaios hinzu: „Wir haben eine gemeinsame Geschichte, die nicht immer linear war, die aber dazu beigetragen hat, dass die russischen Gemeinden dank des Schutzes durch die ‘Große Kirche von Konstantinopel‘ im Westen ihre Treue zum Evangelium bezeugen können“.

Die „Erzeparchie der Pfarrgemeinden russischer Tradition“ in Westeuropa hat in doppelter Hinsicht große Bedeutung: Einerseits waren es die Theologen aus dieser Tradition, die beginnend mit der Zwischenkriegszeit wesentlich den Dialog der orthodoxen Theologie mit der Moderne geprägt haben; andererseits ist in den Pfarrgemeinden der Erzeparchie wenigstens annäherungsweise jenes Bild von Kirche in die Praxis umgesetzt worden, das beim russischen orthodoxen Landeskonzil von 1917/18 entworfen wurde. Dieses Bild wurde gleichermaßen von der Treue zum Evangelium und der Offenheit für die Moderne geprägt und nahm vieles von dem vorweg, was in der katholischen Kirche erst Jahrzehnte später beim Zweiten Vatikanischen Konzil zum Durchbruch kam.