Russland: Gemeindepriester aufgrund der Corona-Krise in finanziellen Nöten

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Foto: © Dirk Franke (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 2.0 Germany)

14. Mai 2020 (NÖK) Die Coronavirus-Pandemie führt in vielen Gemeinden und Klöstern der Russischen Orthodoxen Kirche (ROK) auch zu finanziellen Nöten, da aufgrund der Kirchenschließungen zahlreiche Spenden wegfallen. Vladimir Legojda, Leiter der Synodalabteilung für die Zusammenarbeit der Kirche mit der Gesellschaft und den Medien, erklärte Anfang April, das Moskauer Patriarchat erarbeite Maßnahmen, um die finanzielle Situation der Gemeinden zu erleichtern. Ein Gesamtkonzept gibt es bisher jedoch nicht. Bekannt ist, dass die Erzbischöfe von Pskov, Rostov und Orsk die monatlichen Beiträge der Gemeinde an die Eparchie gekürzt oder sogar gänzlich darauf verzichtet haben. Auch Metropolit Feofan (Aschurkov) von Kazan’ hat die Beiträge für April gestrichen und den Gemeindepriestern auf dem Land eine Finanzhilfe von 10’000 RUB in Aussicht gestellt. Metropolit Aristarch (Smirnov) von Kemerovo hat dagegen Mitarbeiterstellen abgebaut, um Geld zu sparen.

In einem Interview beteuerte Metropolit Ilarion (Alfejev), der Leiter des Außenamts des Moskauer Patriarchats, dass die Kirche ihre Priester nicht im Stich lassen werde: „Vielleicht erlaubt es diese Situation der Gesellschaft endlich ihr Bewusstsein dafür zu schärfen, dass die Priester tatsächlich von der Gemeinde ernährt werden. Die Massenmedien, besonders die sog. oppositionellen und liberalen, verbreiten ständig Märchen über schwindelerregende Einkünfte der Geistlichen, über Limousinen, in denen die Priester einherfahren. All das gibt es schließlich gar nicht – da sind keine schwindelerregenden Einkünfte. Die Mehrheit der Priester lebt, mit seltenen Ausnahmen, sehr bescheiden. Und die Kirche lebt ausschließlich von Spenden der Gemeindeglieder, sie erhält keinerlei Förderung vom Staat.“ Hinsichtlich Online-Angeboten der Gemeinden (Gebetsanliegen, Spenden) betonte Ilarion, dass es auf keinen Fall Preislisten für kirchliche Angebote geben dürfe, dass Spenden freiwillig und auch die Abgabe von Gebetsanliegen nicht an einen Preis gebunden sein dürften.

Patriarch Kirill hat sich am 9. April mit der Bitte an Ministerpräsident Michail Mischustin gewandt, kirchlichen Institutionen einen Aufschub bei der Bezahlung der kommunalen Dienstleistungen (Heizungen, Elektrizität, Gas und Wasser) „bis zur Aufhebung der einschränkenden Maßnahmen und der Wiederaufnahme der vollwertigen Arbeit der Kirchen und Klöster“ zu gewähren. Am 24. April wandte sich Sergej Gavrilov, Vorsitzender des Komitees der Staatsduma für Entwicklung der Zivilgesellschaft und für Fragen sozialer und religiöser Vereinigungen, mit der Bitte an alle Gouverneure der Russischen Föderation, die religiösen Organisationen von der Bezahlung der kommunalen Dienstleistungen zu befreien. Auch der Vorsitzende der Duma hat dem Energieminister vorgeschlagen, für religiöse Organisationen einen Spartarif einzuführen. Der Pressesprecher des Patriarchats, Vladimir Legojda begrüßte jede Form der finanziellen Unterstützung für Priester. In manchen Gemeinden hätten Gemeindeglieder dem Priester solche Hilfe angeboten.

Am 1. Mai publizierte die Internetplattform ahilla.ru einen offenen Brief von einigen Priestern aus vier von fünf Eparchien der Metropolie Samara an Patriarch Kirill (Gundjaev), in dem sie diesem Heuchelei vorwarfen. Während er Ministerpräsident Mischustin medienwirksam um Hilfe gebeten habe, hätten die Eparchien der Metropolie Samara einen Brief in seinem Namen mit der Forderung erhalten, ohne Verzug alle Beiträge zum Unterhalt der Patriarchie in vollem Umfang zu bezahlen: „Wir flehen Sie mit lauter Stimme an: wir haben kein Geld, wir können Ihnen nichts zahlen! Seien Sie uns kein Stiefvater, sondern ein Vater! Schicken Sie einen offiziellen Brief in alle Eparchien und streichen sie alle Beiträge für April, Mai und Juni, alle Lieferpläne für Kirchen, Waren und Kagor [Messwein]. Die Kirchen sind wirklich in großer Not. Zeigen Sie, dass es nicht so schlecht um die ROK bestellt ist! Dass Sie, Heiligster, diese Bezeichnung zurecht tragen. So können Sie mit uns nicht umgehen! Wir haben Sie viele Jahre unterstützt und Ihre Vorlieben und Wünsche erfüllt. Jetzt ist die Zeit endlich gekommen, dass Sie uns unterstützen. Wir haben auch Familien, die essen wollen. Aber wir haben im Gegensatz zu Ihnen nichts, das wir verkaufen können. Wir haben keine teuren Autos, Uhren und Yachten. Wir haben nur den Glauben an Gott und die Hoffnung auf seine Hilfe.“ In einem Nachwort fügen die Autoren hinzu, dass viele Priester auch aufgefordert worden seien, ihren Erzbischöfen zu Ostern eine bestimmte Geldsumme zu überweisen.

Auf den Aufruf von ahilla.ru, diese Informationen zu bestätigen und zu verifizieren, hat ein Priester der Metropolie Samara am 6. Mai reagiert: Die Autoren wollten anonym bleiben, weil sie sich vor negativen Konsequenzen fürchteten. Das Ziel des Briefes sei, die Aufmerksamkeit des Patriarchen auf die Probleme seiner Kirche zu lenken. Wer nun an der Kirche verzweifle, solle aber Kirill nicht mit Gott verwechseln, „das sind zwei absolut unterschiedliche Planeten“. Dass Priester aufgefordert würden, Geld an die Erzbischöfe zu überweisen, sei leider auch eine traurige Wahrheit und die Norm. Das alles sei unter Patriarch Aleksij II. noch nicht so gewesen: „Die Beiträge waren gering, von Plänen war keine Rede […]. Und das Wichtigste – unter ihm gab es noch eine geistliche Einheit unter den Priestern: Wir versammelten uns zahlreich zu kirchlichen Feiern gemeinsam in den Gemeinden, konzelebrierten und aßen gemeinsam. Damals waren wir eine Kraft und ein Ganzes. Doch mit dem Amtsantritt von Patriarch Kirill – seitdem es nur noch ein Ziel gibt: Geld – ist das alles vergangen. Heute dient jeder für sich, es gibt keine Gemeinschaft, nicht einmal den Wunsch sich auszutauschen.“

Die Rechtsabteilung der Moskauer Patriarchie veröffentlichte am 5. Mai Antworten auf Corona-bezogene Anfragen aus den Unterabteilungen der ROK. Auf die Frage, wie Gemeindemitarbeiter aufgrund fehlender Spendeneinnahmen bezahlt werden sollten, schlägt die Rechtsabteilung drei Varianten vor: 1. in den unbezahlten Urlaub schicken, 2. Arbeitszeit und Lohn kürzen, 3. Arbeitsverträge künden.