Russland: Metropolit Ilarion übt scharfe Kritik am Ökumenischen Patriarchat

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Foto: © Ludvig14 (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported)

20. September 2018 (NÖK) Die Entsendung zweier Exarchen des Ökumenischen Patriarchats in die Ukraine hat Metropolit Ilarion (Alfejev), Leiter des Außenamts des Moskauer Patriarchats, mehrfach scharf kritisiert. Zuerst in einer Presseerklärung und in einem ausführlichen Live-Interview mit dem TV-Sender „Rossija 24“ am 8. September. In der Presseerklärung betonte der Metropolit, dass die Ernennung von Exarchen für die Ukraine seitens des Ökumenischen Patriarchats ohne Abstimmung mit Patriarch Kirill und mit Metropolit Onufrij (Beresovskij) von Kiew unter „Verletzung des Kirchenrechts“ geschehen sei und nicht ohne Antwort bleiben könne.

Für Moskau bedeute die Ernennung der beiden Exarchen in erster Linie die „Legitimierung“ des Schismas in der Ukraine. Denn nur die Schismatiker (die Ukrainische Orthodoxe Kirche–Kiewer Patriarchat und die Ukrainische Autokephale Orthodoxe Kirche) hätten nach der Autokephalie verlangt. Die Bischofskonferenz der kanonischen Ukrainischen Orthodoxen Kirche-Moskauer Patriarchat hingegen, die die Mehrheit der orthodoxen Gläubigen in der Ukraine vereine (mit 12000 Pfarrgemeinden und 200 Klöstern), habe einstimmig festgestellt, dass ihr gegenwärtiger Status „optimal“ sei.

Mit bisher ungewohnter Schärfe stellte der Metropolit weiter fest: „Das Patriarchat von Konstantinopel ist jetzt offen auf dem Kriegspfad. Es ist nicht nur ein Krieg gegen die russische Kirche und das ukrainische orthodoxe Volk, es ist im Wesentlichen ein Krieg gegen die Einheit der ganzen Weltorthodoxie“. Denn wenn dieses Projekt zur Ausführung komme, würden die „meisten orthodoxen Gläubigen in der Ukraine diese Autokephalie zurückweisen“ und „die russische orthodoxe Kirche wird diese Entscheidung nicht akzeptieren. Wir werden die Gemeinschaft, die Communio mit Konstantinopel abbrechen müssen.“

Derzeit gebe sich das Patriarchat von Konstantinopel als eine Art „Leader“ der 300 Millionen Orthodoxen in aller Welt, so dass er fast als „orthodoxer Papst“ wahrgenommen würde. Zwar habe Konstantinopel nach dem Schisma im 11. Jahrhundert den ersten Platz in der Familie der orthodoxen Kirchen eingenommen, doch die Orthodoxie habe diesen Primat niemals als „Primat der Macht“ oder als „Jurisdiktionsprimat“ betrachtet, so Metropolit Ilarion im TV-Interview. Als in den 1960er Jahren der Gedanke an ein Panorthodoxes Konzil aufkam, seien die orthodoxen Kirchen übereingekommen, dass das Patriarchat von Konstantinopel der Moderator dieses Prozesses sein sollte, nicht auf Grund „besonderer Privilegien“, wie jetzt behauptet werde, sondern aufgrund des Konsenses aller orthodoxen Kirchen. Abschließend heißt es in der Presseerklärung des Metropoliten vom 8. September wörtlich: „Ich denke, dass Patriarch Bartholomaios vor dem Gericht Gottes und vor dem Gericht der Geschichte persönlich die Verantwortung für diese Aktion tragen muss.“

Unmittelbar nach Beendigung der Sondersitzung des Hl. Synods der Russischen Orthodoxen Kirche am 14. September erklärte Metropolit Ilarion gegenüber mit Journalisten: „Wir wollten das vermeiden, viele Jahre haben wir versucht, die Probleme durch Dialog zu lösen.“ Der letzte Versuch sei am 31. August die Reise von Patriarch Kirill nach Konstantinopel gewesen, wo dieser vor den Schritten gewarnt habe, die dann „leider erfolgt“ seien. Er denke aber nicht, dass all das, was vorgefallen sei, die Tür zum Dialog völlig verschließe, betonte der Leiter des Außenamts des Moskauer Patriarchats. Die Entscheidung des Hl. Synods sei aber ein Signal an Konstantinopel, dass es zum Abbruch der eucharistischen Gemeinschaft kommen müsse, wenn der Phanar weiterhin Aktionen wie die Ernennung der Exarchen umsetze.

Metropolit Ilarion hob auch hervor, dass die beschlossenen Maßnahmen noch keinen „kompletten Bruch“ der eucharistischen Gemeinschaft bedeuten. Laien, die etwa auf den Berg Athos pilgern oder sonst an der Liturgie in Kirchen des Ökumenischen Patriarchats teilnehmen, könnten dort die Kommunion empfangen. Bei den Fürbitten in den von Patriarch Kirill zelebrierten Liturgien werde ab sofort aber nicht mehr Bartholomaios I. an erster Stelle genannt werden, sondern der Patriarch von Alexandrien.

Auf die Frage, ob er fürchte, dass nach einer möglichen Autokephalie-Erklärung für die Ukraine dem Moskauer Patriarchat die großen orthodoxen Heiligtümer wie das Kiewer Höhlenkloster oder das Kloster von Potschajev entzogen werden könnten, meinte der Metropolit, das sei nicht auszuschließen, 50 Kirchen hätten sich die Schismatiker bereits angeeignet.

Auf Facebook hielt Metropolit Hilarion am 14. September seine Überzeugung fest, dass das Ökumenische Patriarchat im 20. Jahrhundert bei schwierigen Situationen dem Moskauer Patriarchat nicht brüderliche Hilfe gewährt, sondern vielmehr getrachtet habe, die russische Kirche zu schwächen. Im Hinblick auf die Bemühungen Konstantinopels um „Autokephalie für die Ukraine“ zur Überwindung der Spaltungen stellte der russische Metropolit die rhetorische Frage, warum der Phanar sich nicht für eine einheitliche orthodoxe Kirche in den USA einsetze. Dort werde alles getan, um zumindest einen Teil der Orthodoxen unter dem Omophorion Konstantinopels zu behalten. Abschließend rief er zum Gebet für die Ukrainische Orthodoxe Kirche und den Metropoliten von Kiew, Onufrij (Beresovskij) auf; die „Kräfte der Hölle“ hätten sich zur Zerstörung dieser Kirche verschworen, aber sie würden nicht siegen. Zugleich lud der Metropolit auch zum Gebet für die Schismatiker ein, damit sie durch Reue und Buße zur kirchlichen Einheit zurückkehrten.

In einer TV-Sondersendung „Die Kirche und die Welt“ vom 15. September bemerkte die Moderatorin, dass die Mehrheit der orthodoxen Gläubigen in Russland die Sache als politischen Plan betrachte, weil sich Patriarch Bartholomaios gerne mit griechischen und ukrainischen Politikern zeige. Daraufhin machte Metropolit Ilarion die USA für den Konflikt verantwortlich. „Es ist ganz klar, dass hinter den Handlungen des Patriarchats von Konstantinopel die amerikanische Regierung steckt.“ Er verglich die Situation mit den 1920er Jahren, als das Ökumenische Patriarchat während der politischen Wirren in Russland versucht habe, das Moskauer Patriarchat zu schwächen. Dasselbe passiere jetzt in der Ukraine. Die Frage nach der Wahrscheinlichkeit, dass das „politische Moskau“ in den Konflikt eingreife, beantwortete er nicht.

Der Presse-Sprecher des russischen Präsidenten Vladimir Putin, Dmitrij Peskov sagte auf Anfrage von Journalisten, dass die Regierung die Situation besorgt beobachte, sich aber sicher nicht in die kirchliche Angelegenheit einmischen werde. Das einzige wünschbare Szenario sei für Moskau der Erhalt der Einheit der Orthodoxie.