Russland: Moskauer Patriarchat feiert Eingliederung des Pariser Exarchats

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Foto: © Zairon (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International)

14.11.2019 (NÖK) Mit großem Pomp fanden vom 2. bis 4. November in Moskau die Feierlichkeiten anlässlich der Eingliederung des 1921 gegründeten Erzbistums der orthodoxen Gemeinden russischer Tradition in Westeuropa in die Russische Orthodoxe Kirche (ROK) statt. Eine Delegation von mehr als hundert Personen, darunter 37 Kleriker, Priester und Diakone aus Westeuropa, feierte am 3. November zusammen mit Patriarch Kirill und Erzbischof Jean (Rennetau) von Dubna die göttliche Liturgie in der Christus-Erlöser-Kathedrale in Moskau in kirchenslawischer, französischer, deutscher und englischer Sprache.

Ausschlaggebend für den Beschluss des vormaligen Pariser Exarchats des Ökumenischen Patriarchats, unter das Dach des Moskauer Patriarchats zurückzukehren, war das Versprechen des Moskauer Patriarchats, seine theologischen und pastoralen Besonderheiten wie auch seine finanzielle Unabhängigkeit innerhalb der ROK beibehalten. Nach Prüfung verschiedener Optionen entschied sich Erzbischof Jean für die Aufnahme in die ROK, bei einer Pastoralversammlung schlossen sich 60 Gemeinden des Erzbistums der Integration an, die am 7. Oktober vom Hl. Synod in Moskau bestätigt wurde.

Bei der Liturgie übergab Patriarch Kirill Erzbischof Jean die „Patriarchale und synodale Urkunde zur Wiedervereinigung des Erzbistums der westeuropäischen Gemeinden russischer Tradition mit der Russischen Orthodoxen Kirche“ und erhob Erzbischof Jean in den Rang eines Metropoliten (bei Beibehaltung seines liturgischen Gedenkens als Erzbischof der westeuropäischen Gemeinden). In seiner Predigt sprach Kirill vom Beginn des 20. Jahrhunderts mit sozialen Erschütterungen, Krieg und dem Zusammenbruch des orthodoxen Imperiums, das Millionen von menschlichen Schicksalen gespalten habe. So auch die Kirche, die in Russland das Kreuz atheistischer Verfolgung getragen, und im Ausland die Entbehrungen der Emigranten in der Fremde geteilt habe. Doch hätte das Martyrium der Kirche zu ihrer Erneuerung und neuem Aufblühen geführt, „und der tragische Exodus der Menschen Russlands nach Europa und in die Neue Welt diente dem Werk der Verkündigung des Evangeliums, dem christlichen orthodoxen Zeugnis im Westen, der sich ebenfalls in einer tiefen religiösen Krise befand.“ An dieser Verkündigung hätten alle teilgenommen: Erzpriester und Mönche, Philosophen und Theologen der berühmten Pariser Schule, einfache Geistliche und jeder einzelne fromme Mensch. Die politisch bedingte vorübergehende Trennung von der Russischen Kirche sei 2007 durch die Wiedervereinigung mit der Russischen Orthodoxen Kirche im Ausland geheilt worden und nun durch die Heimkehr des Pariser Erzbistums: „Willkommen zuhause!“, sagte der Patriarch. Als Geschenk übergab der Patriarch Erzbischof Jean eine Monstranz mit Reliquien des Hl. Tichon, Patriarch von Moskau und der ganzen Rus’ von 1918–1925, sowie eine Ikone der Neumärtyrer und Zeugen der Russischen Kirche, die am Landeskonzil von 1917/18 teilgenommen hatten.

Erzbischof Jean betonte in seiner Antwortrede einerseits den vorübergehenden und unfreiwilligen Charakter der Zugehörigkeit des Erzbistums zum Patriarchat von Konstantinopel seit 1931 (nachdem der Moskauer Metropolit Sergij 1927 seine Loyalität gegenüber der Sowjetunion erklärt hatte), und andererseits die Eigenständigkeit seines Erzbistums und seine einzigartige Rolle für die orthodoxe Mission in Westeuropa. Auch Metropolit Evlogij (Georgievskij, 1868–1946) habe diesen Schritt damals explizit nicht als Trennung von der russischen Mutterkirche verstanden, und dies habe ihn, Erzbischof Jean, nun in „diesen schwierigen Monaten der Prüfung unseres Erzbistums“ ebenfalls angeleitet. Erzbischof Jean hob vor allem Evlogijs Engagement für die russische christliche Jugendbewegung (RSChD) wie auch das 1924 gegründete theologische Hl. Sergij-Institut hervor, in dem Evlogij als Rektor und Sergij Bulgakov als Dekan wirkten.

Besonders betonte Erzbischof Jean den missionarischen Dienst der ROK mit Bezug auf das Dokument des Hl. Synods „Über die gegenwärtige äußere Mission der ROK“ vom 27. März 2007, gemäß dem sich die orthodoxe Mission nicht nur an emigrierte Russen, sondern auch an die Lokalbevölkerungen außerhalb der kanonischen Grenzen der ROK wende: „Diese Mission hat das Erzbistum erfüllt: Auf der Grundlage der russischen Tradition gegründet, wurde es zu einer multiethnischen und vielsprachigen Gemeinschaft. Heute sind die Hälfte seiner Kleriker und Gläubigen westlicher Herkunft wie ich selbst und vor mir die seligen Erzbischöfe Georg Wagner (ein Deutscher) und Gabriel de Vijlder (ein Belgier). […] Sie haben unserem Erzbistum die Möglichkeit geschenkt weiter zu existieren und unsere missionarische Berufung in Frankreich und in Westeuropa weiterzuführen, im Rahmen des gemeinsam angenommenen Beschlusses, als vollwertiges Erzbistum. Sie garantieren den Erhalt unserer kirchlichen Struktur in der Weise, wie sie entstanden ist und so, wie sie seit seiner Gründung in liturgischer, theologischer und pastoraler (und auch in administrativer und finanzieller) Hinsicht geschaffen wurde. Sie erhalten auf diese Weise unsere Eigenständigkeit, die uns sehr teuer ist, und die uns dazu bewogen hat, uns unter Ihre wohlwollende väterliche Obhut zu begeben. Dies hier ist ein historisches Ereignis, weil die kanonische Eingliederung, die Sie uns heute schenken, mehr ist als eine schlichte Integration; es ist eine Festigung der kirchlichen Versöhnung. Das ist mehr als eine Rückkehr, es ist eine Weiterentwicklung der Mission.“ In seinem Schlusssatz erinnerte der Erzbischof an das geistige Vermächtnis von Metropolit Evlogij: „Geistige Freiheit ist ein großartiges Heiligtum der Heiligen Kirche“.

Mit Blick auf die zwölf Gemeinden des Erzbistums, die sich der Integration in die ROK nicht anschließen wollen, hofft Erzbischof Jean (Rennetau), dass sie ihren Entscheid überdenken. Am 3. November publizierte die Internetplattform ahilla.ru jedoch einen anonymen Kommentar von Mitgliedern des Pariser Exarchats, die ihrem Bischof nicht in die ROK folgen wollen: „Am 3. November, zur selben Zeit, als der Patriarch in Moskau Preise verlieh, fasste die Peter und Paul-Gemeinde der Stadt Châtenay-Malabry mit über 60 Prozent der Stimmen den Beschluss, beim Ökumenischen Patriarchat zu verbleiben. Diese französischsprachige Gemeinde wurde 1984 von Vater Michail Evdokimov, dem Sohn des Theologen Paul Evdokimov, gegründet. Die ‚Braut’, die Vladyka Jean (Rennetau) dem Patriarchen Kirill zuführt, ist nicht mehr so schön – heute sind ihm kaum 50 Prozent der Gemeinden des ehemaligen Erzbistums zu seinem Moskauer Abenteuer gefolgt.“

Demgegenüber kommentierte Protodiakon Ioann Drobot-Tichonizkij von der Alexander Nevskij-Kathedrale in Paris gegenüber der Agentur RIA Novosti: „Die Mehrheit derjenigen, die [die Vereinigung mit der ROK] negativ auffassen, tun dies aus politischen Motiven. Sie sagten, die Moskauer Patriarchie sei die Kirche Putins, und deshalb könne man da niemals hingehen – das sind sehr primitive politische Begründungen. Es gibt auch solche, die bis heute glauben, Russland, das seien die Bolschewiki und die Sowjetunion, und mit denen dürfe man sich nicht verbünden. Das sind vor allem Nachkommen der ersten Emigration, doch es sind sehr wenige. Es gibt auch extreme Liberale, solche ‚Neo-Erneuerer’: sie haben einen liberalen Zugang zur kirchlichen Disziplin, zum Fasten, zu den traditionellen Pfeilern der ROK. Und dann gibt es noch Personen, die Konstantinopel unterstützen und das, was es in der Ukraine macht“. Gemäß Drobot-Tichonizkij waren „etwa 70 Prozent ursprünglich für die Wiedervereinigung mit der ROK, und von den übrigen 30 Prozent waren 15 Prozent unentschieden und 15 Prozent unversöhnlich.“