Sant’Egidio-Gründer äußert sich kritisch zur Schließung von Kirchen wegen Corona-Virus

Prof. Riccardi zitiert als Gegenbild die Untersuchungen des US-amerikanischen Soziologen Rodney Stark über das Verhalten der frühen Christen bei Epidemien – Rumänisch-orthodoxer Patriarch betont in Erklärung, dass Modalitäten des Kommunionempfangs und der Ikonenverehrung nicht geändert werden

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Foto: © NIAID (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution 2.0 Generic)

Rom-Bukarest, 01.03.20 (poi) Kritisch hat sich der Gründer der Gemeinschaft Sant’Egidio, Prof. Andrea Riccardi, zur Einbeziehung der Kirchen in die Abwehrmaßnahmen gegen die Ausbreitung des Corona-Virus geäußert. In einem Kommentar für die Turiner Tageszeitung „La Stampa“ stellte Riccardi fest: „Die Schließung so vieler Kirchen in Norditalien, die Absage der Messfeiern, die Begräbnisse nur im kleinsten Familienkreis und ähnliche Maßnahmen haben bei mir eine gewisse Bitterkeit hinterlassen. Ich bin kein Epidemien-Spezialist, aber stehen wir wirklich vor so großen Risiken, dass wir auf unser gemeinschaftliches religiöses Leben verzichten müssen? Die Vorsicht ist nützlich, aber vielleicht haben wir uns von der großen Protagonistin der Zeit – der ‚Angst‘ – mitreißen lassen“. Als Gegenbild zitierte der Historiker die Untersuchungen des US-amerikanischen Soziologen Rodney Stark über das Verhalten der frühen Christen bei Epidemien: Dieses Verhalten war nach Ansicht Starks mitentscheidend für den Aufstieg des Christentums in den ersten Jahrhunderten. Die Christen seien nicht wie die Heiden aus der Stadt und vor den anderen  geflüchtet, sie hätten einander vielmehr – motiviert durch den Glauben – besucht und unterstützt, gemeinsam gebetet und die Toten begraben. Wegen dieser gewissenhaften Unterstützung und wegen der gemeinschaftlichen und sozialen Verbundenheit sei auch ihre Überlebensrate höher als die der Ungetauften gewesen. „Die Zeiten ändern sich“, stellte der Sant’Egidio-Gründer in diesem Zusammenhang fest: „Aber die jüngsten Maßnahmen im Zusammenhang mit dem Corona-Virus scheinen den Raum der Kirche zu banalisieren und dabei die Mentalität der Regierenden zu offenbaren“.

In seinem auf Norditalien bezogenen Kommentar erinnerte Riccardi daran, dass Geschäfte, Supermärkte und Espressos offen geblieben seien, und auch die öffentlichen Verkehrsmittel nicht eingestellt sind. Das sei auch richtig so. Die Gotteshäuser dagegen seien fast wie Theater und Kinos behandelt worden, die zur Schließung verpflichtet sind.  Die Kirchen könnten zwar offen bleiben, aber ohne  gemeinsames Gebet. Man müsse sich aber die Frage stellen, welche Gefahr die Werktagsmessen darstellen sollen, an denen eine Handvoll Personen teilnimmt, „weniger als in einem U-Bahn-Zug oder einem Supermarkt“.  Nur in der Region Emilia-Romagna seien weiterhin die Werktagsmessen möglich.

Riccardi bezeichnete die Situation als „starkes Signal der Angst“, aber auch als Ausdruck der Nivellierung der Kirche auf die Ebene der Zivil-Institutionen. Die Gotteshäuser seien nicht nur risikobehaftete „Versammlungsorte“, sondern auch Orte des Geistes: „Hoffnung und Trost gebende Ressourcen in schwierigen Zeiten, sie erinnern daran, dass man sich nicht allein retten kann“. Der Sant’Egidio-Gründer erinnerte an den Heiligen Karl Borromäus, der als Erzbischof von Mailand während der großen Pestepidemie in der lombardischen Hauptstadt 1576/77 die Kranken besucht, mit dem Volk gebetet und barfuß eine Bußprozession angeführt habe. Das gemeinsame Gebet in der Kirche nähre ohne Zweifel Hoffnung und Solidarität, so Riccardi. Es sei eine allgemeine Erfahrung, dass eine starke spirituelle Motivation hilfreich sei, um Krankheiten zu widerstehen.

Der rumänisch-orthodoxe Patriarch Daniel I. hat im Hinblick auf öffentliche Diskussionen über den Empfang der Heiligen Kommunion aus einem Kelch und die Verehrung der Ikonen durch ehrfürchtige Küsse als Gefahrenmomente für die Ausbreitung des Corona-Virus eine Erklärung herausgegeben, in der vor Polemiken gewarnt wird, „die die orthodoxe Einheit schwächen“. Ausdrücklich ging der Patriarch auf Befürchtungen ein, dass aus Rücksicht auf jene, „die im Glauben schwach sind“, womöglich die Regeln für den Kommunionempfang  für alle Gläubigen geändert werden könnten. Die Regel der Austeilung der Heiligen Kommunion aus einem Kelch bleibe aber unverändert, betonte der rumänisch-orthodoxe Patriarch. Die Heilige Eucharistie könne niemals Quelle von Krankheit und Tod sein, vielmehr sei sie die „Quelle des neuen Lebens in Christus, der Vergebung der Sünden und der Heilung von Seele und Leib“. Die Priester hätten die Aufgabe, den Gläubigen zu erklären, dass die traditionelle Art des Kommunionempfangs niemals für irgendjemanden eine Gefahr war und auch für sie keine sein wird. Gläubige, die trotzdem Bedenken hätten, sollten sich mit ihrem geistlichen Begleiter beraten, um „ihren Glauben zu stärken“. Auch im Fall der Ikonenverehrung hätten Christen „mit einem starken und lebendigen Glauben“ keine Furcht, krank zu werden.

Der Glaube verbinde Freiheit mit Liebe, durch diesen Glauben brächten die Menschen ihre Liebe zu Gott und den Heiligen in Freiheit zum Ausdruck, unterstrich der Patriarch. Deswegen würden die orthodoxen Gläubigen die Heilige Kommunion empfangen und die Ikonen küssen „und nicht, weil sie dazu gedrängt werden“.

Vorsicht bei der „Orthodox Church in America“

Auch der Kanzler der „Orthodox Church in America“ (OCA), Erzpriester Alexander Rentel, hat mit dem Segen des Heiligen Synods seiner Kirche eine Erklärung in Sachen Corona-Virus herausgegeben. Die öffentliche Diskussion über die Verbreitung des Virus habe auch in den orthodoxen Pfarrgemeinden in Nordamerika „Gefühle von Furcht und Angst“ ausgelöst, stellte Rentel fest. Allerdings verlange die derzeitige Situation in den USA, Kanada und Mexiko nicht nach „extremen Maßnahmen“. Es sei aber wichtig, dass die Gläubigen auf die Sicherheit der Pfarrgemeinden achten. Dazu gehöre es, sich mit den Corona-Virus-Symptomen Fieber, Husten, Atemnot vertraut zu machen und bei Auftreten dieser Symptome sofort medizinische Hilfe zu suchen und Selbstquarantäne einzuhalten. Der Erzpriester rief auch die üblichen Vorsichtsmaßnahmen Händewaschen, Schneuzen in der Armbeuge und Vermeiden des Austauschs persönlicher Gegenstände in Erinnerung. Die Geistlichen seien aufgefordert, für die routinemäßige Reinigung häufig berührter Andachtsgegenstände wie Ikonen und Segenskreuze zu sorgen.

Sollte in einer Stadt das Vírus entdeckt werden, sei es Aufgabe des örtlichen Bischofs, vorübergehende Maßnahmen zu treffen, um eine Verbreitung des Virus durch die liturgischen Versammlungen zu unterbinden. Ausdrücklich appellierte der Kanzler der OCA, besondere Aufmerksamkeit den Kindern, den älteren Menschen und den bereits an Atemwegs- oder Herzkrankheiten Leidenden zuzuwenden, weil diese Personengruppen durch das Virus besonders gefährdet seien.

Das Oberhaupt der OCA, Metropolit Tikhon (Mollard), und Mitglieder der Kirchenleitung stünden im Kontakt mit den US-amerikanischen, kanadischen und mexikanischen Gesundheitsbehörden. In Washington sei empfohlen worden, sich an den ständig aktualisierten Verhaltensmaßregeln des „Center for Disease Control“ (CDC) zu orientieren. Metropolit Tikhon bete für die bereits von der Epidemie Betroffenen, aber auch um „Kraft und Weisheit“ für jene, die die Ausbreitung des Virus bekämpfen. Es sei das Anliegen des Metropoliten, dass sich die orthodoxen Gläubigen in Nordamerika bewusst bleiben, dass alle Maßnahmen zur Eindämmung der Ausbreitung des Virus nicht dazu führen dürfen, dass „gleichsam unabsichtlich Mitglieder bestimmter Gemeinschaften isoliert oder stigmatisiert werden“.Die OCA ist aus der Missionstätigkeit der russisch-orthodoxen Kirche auf dem nordamerikanischen Kontinent seit dem 18. Jahrhundert hervor gegangen. Sie ist die zahlenmässig größte orthodoxe Jurisdiktion in Nordamerika und verfügt mit dem St. Vladimir’s Orthodox Theological Seminary über die bedeutendste orthodoxe theologische Lehranstalt in den USA. Das Moskauer Patriarchat hat der OCA 1970 die Autokephalie verliehen, was aber vom Ökumenischen Patriarchat und mehreren anderen orthodoxen Kirchen nicht anerkannt wird.