Sant’Egidio setzt sich Versöhnungsinitiative im Hinblick auf das Blutbad von Debre Libanos ein

1937 ermordeten italienische Soldaten in dem äthiopisch-orthodoxen Kloster nahezu 300 Mönche, die man kollektiv der Komplizenschaft mit Attentätern verdächtigte – Vorsitzender der Italienischen Bischofskonferenz und italienischer Verteidigungsminister bitten um Vergebung

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Foto: © Owen Barder (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 2.0 Generic)

Rom-Addis Abeba, 05.03.20 (poi) Das Blutbad im äthiopisch-orthodoxen Hauptkloster Debre Libanos 1937 gilt als das am schwersten wiegende Kriegsverbrechen der italienischen Besatzungsarmee im neueroberten Abessinien. Die Gemeinschaft Sant’Egidio hat eine Versöhnungsinitiative gestartet, die zugleich das Bewusstsein für das Verbrechen in Italien wecken möchte. In Rom wurde jetzt das genau recherchierte Buch von Paolo Borruso „Debre Libanos 1937“ präsentiert. Der Gründer von Sant’Egidio, Prof. Andrea Riccardi, sagte bei der Präsentation, das Buch habe das Ziel, die Geschichte der Inhumanität in jenen Zeiten aufzudecken, als eine „nationalistische und faschistische Hasspropaganda den ‚anderen‘ entmenschlichen wollte“. Der Vorsitzende der Italienischen Bischofskonferenz (CEI), Kardinal Gualtiero Bassetti, stellte fest, als Bischof bitte er die „christlichen Brüder und Schwestern in Äthiopien“ um Vergebung wegen des „Mangels an Respekt gegenüber ihren Vorfahren in den 1930er-Jahren“. Es sei dringend notwendig, durch Bücher wie das von Borruso vorgelegte oder die bahnbrechende TV-Dokumentation der katholischen Fernsehanstalt „TV2000“ vor drei Jahren die öffentliche Debatte in Gang zu setzen. Der italienische Verteidigungsminister Lorenzo Guerini kündigte an, dass er demnächst nach Äthiopien reisen werde, um die Märtyrer von Debre Libanos zu ehren. Der Minister betonte die Dringlichkeit von „Gesten wahrer Versöhnung“ und des Aufbaus einer Freundschaft zwischen den Völkern.

Die Historikerin Federica Guazzini stellte fest, die historische Forschung habe den in Italien verbreiteten Mythos von den Italienern als „guten Leuten“ auch in Kriegszeiten („Italiani brava gente“) in Frage gestellt. Das Buch von Borruso zeige die Entstehung dieses Mythos auf, es sei bedeutsam, dass die Präsentation wenige Tage nach dem 19. Februar erfolge, an dem in Äthiopien des Blutbads von Debre Libanons gedacht wird.

Am 19. Februar 1937 war es in Addis Abeba zu einem Anschlag auf Vizekönig Rodolfo Graziani gekommen, als dieser aus Anlass der Geburt des italienischen Thronerben einen Empfang für italienische Funktionäre und äthiopische Notabeln gab. In Addis Abeba kam es daraufhin zu wahllosen Übergriffen von faschistischen Aktivisten auf äthiopische Zivilisten, die dabei häufig auf brutale Art und Weise getötet wurden. Häuser und auch äthiopische Kirchen gingen in Flammen auf. Auch in anderen Landesteilen kam es zu grausamen Repressalien. Insgesamt starben ca. 30.000 Männer, Frauen und Kinder. In Debre Libanos brachten italienische Soldaten alle Mönche des örtlichen Klosters um, weil man sie – ohne jeglichen Beweis – verdächtigte, den abessinischen Widerstand zu unterstützen und den beiden Attentätern geholfen zu haben. Insgesamt wurden im Kloster 297 Mönche und 23 Laien ermordet, in der gleichnamigen Ortschaft wurden mehr als 1.000 Menschen Opfer der faschistischen Racheorgie.