Schisma in der äthiopisch-orthodoxen Kirche ist beendet

Die äthiopische Kirche hat jetzt zwei „Heilige Patriarchen“, der „Addis Abeba“-Synod und der „Exil-Synod“ sind zu einem Leitungsgremium verschmolzen – Versöhnungskonferenz in Washington brachte den Durchbruch – Wesentliche Beteiligung des äthiopischen Ministerpräsidenten Ahmed Abiy

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Foto: © World66.com (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 1.0 Generic)

Washington-Addis Abeba, 01.08.18 (poi) Das Schisma in der äthiopisch-orthodoxen Kirche ist nach 27 Jahren beendet. Nach dem politischen Machtwechsel in Addis Abeba 1991 war der damalige Patriarch Abuna Merkurios abgesetzt worden; er ging mit etlichen Bischöfen in die USA, wo er im kalifornischen Oakland die Zentrale des „Legitimen Heiligen Synods der äthiopisch-orthodoxen Kirche im Exil“ aufbaute und in New Jersey seine persönliche Residenz errichtete. In der Heimat übernahm zunächst Abuna Paulos (gestorben 2012) das Patriarchenamt, nach ihm Abuna Mathias. Die Patriarchen und die Synoden erkannten einander wechselseitig nicht an, obwohl es vom Amtsantritt von Abuna Mathias an tastende Versöhnungsversuche gab. Jetzt ist es mit tatkräftiger Hilfe des neuen Ministerpräsidenten Ahmed Abiy gelungen, das Schisma zu beenden. Die feierliche Versöhnung erfolgte beim USA-Besuch von Ahmed Abiy. Die äthiopisch-orthodoxe Kirche wird künftig zwei Patriarchen haben: Abuna Merkurios kehrt nach Addis Abeba zurück, er wird durch „Gebet und Segnung“ der Kirche dienen. Abuna Mathias wird sich um die Verwaltung der Kirche kümmern, aber ebenso „Gebet und Segnung“ zu seinen Aufgaben zählen. Die beiden Patriarchen werden auf Lebzeiten als „gleich an Ehre“ angesehen, in der Liturgie werden die Namen beider Patriarchen genannt. Die beiden Heiligen Synoden werden zusammengelegt, alle wechselseitigen Exkommunikationen werden aufgehoben.

Ahmed Abiy hatte von seinem Amtsantritt im April an signalisiert, dass seine Regierung die „Heilung des Schismas“ in der orthodoxen Kirche des Landes vollinhaltlich unterstütze. Diese Botschaft vermittelte er nicht nur im Parlament in Addis Abeba, sondern auch im direkten Gespräch mit Abuna Mathias, in Kontakten mit Repräsentanten von Abuna Merkurios und mit Vertretern des seit geraumer Zeit tätigen „Versöhnungskomitees“. Abiy unterstrich immer wieder die Bedeutung der Einheit der äthiopisch-orthodoxen Kirche für die Einheit des äthiopischen Staates; er stammt selbst aus einer konfessionell gemischten Familie, seine Mutter ist eine äthiopisch-orthodoxe Christin, sein Vater ein sunnitischer Muslim, er selbst gehört der evangelischen Mekane Yesus-Kirche an.

Mitte Juli wurde klar, dass ein Durchbruch erzielt worden war, als der äthiopisch-orthodoxe Erzbischof von Washington, Abuna Fanuel, ankündigte, dass es im Zusammenhang mit dem Besuch von Ministerpräsident Abiy in der amerikanischen Bundeshauptstadt eine Versöhnungskonferenz der beiden Synoden geben werde und dabei ausdrücklich von den „beiden Heiligen Patriarchen“ sprach. Tags darauf verwendete auch Abuna Barnabas als Sprecher der Exil-Synode die Formel von den „beiden Heiligen Patriarchen“. Bis dahin hatten sich beide Seiten geweigert, den jeweils „anderen“ Patriarchen anzuerkennen.

Die Delegation des „Addis Abeba-Synods“ hatte vor ihrer Abreise nach Washington eine Begegnung mit dem Ministerpräsidenten. Abiy unterstrich dabei, dass die „Einheit der Orthodoxie“ nicht nur für die Mitglieder der äthiopisch-orthodoxen Kirche höchste Bedeutung habe, sondern auch für „Sprache, Kultur, Geschichte und Einheit des Landes“. Zugleich verwies er darauf, dass Streit und Spaltung leicht von statten gehen, Versöhnung und Heilung aber viel schwieriger seien. Der Delegation gehörten außer drei Bischöfen auch prominente Laien wie der frühere Generaldirektor der „Ethiopian Airlines“, Girma Wake, und der Langstreckenläufer und Immobilienmakler Haile Gebre Selassie an.

Bei der Versöhnungskonferenz des „Addis Abeba-Synods“ und des „Exil-Synods“ in Washington wurden dann „Nägel mit Köpfen“ gemacht und die Formalitäten „von Einheit und Frieden in der heiligen Kirche“ geregelt. Bei der abschließenden Pressekonferenz verkündete Abuna Abraham, Erzbischof von Misraq Gojjam (Ost-Godscham), im Namen des wiedervereinigten Heiligen Synods die essenziellen Punkte: Abuna Merkurios kehrt nach Addis Abeba zurück (am Montag flog er, begleitet von einer Gruppe von Exil-Bischöfen, mit Ministerpräsident Abiyi in die äthiopische Hauptstadt), um den „patriarchalen Thron wieder einzunehmen“. Ohne auf Details einzugehen, wird in der Vereinbarung deutlich, dass es im Patriarchenpalast in Addis Abeba eine Art „Kohabitation“ der beiden Patriarchen geben wird (obwohl auch das Gerücht kursiert, dass Abuna Mathias den Titel „Katholikos“ annehmen soll). In einem Akt der Vergangenheitsbewältigung wird festgestellt, dass die äthiopische Kirche seit 1976 – als der damalige Patriarch Abuna Theophilos von den Schergen der kommunistischen „Derg“-Revolution ermordet wurde – in einem Zustand der Verletzung des Kirchenrechts gelebt habe. Weder dem „Addis Abeba-Synod“ noch dem „Exil-Synod“ sei es in diesem Zustand möglich gewesen, „Würde und Rechte der Kirche“ zu schützen. Die Mitglieder beider Synoden bitten deswegen „die Lebenden und die Verstorbenen“ um Vergebung. Alle wechselseitigen Exkommunikationen von Bischöfen werden bei einer Vollversammlung des wiedervereinigten Heiligen Synods  zurückgenommen werden. Auch die Eparchien in der Diaspora, insbesondere jene in den Vereinigten Staaten, werden in Zukunft der Autorität des wiedervereinigten Heiligen Synods unterstehen. Abschließend heißt es in dem mit 26. Juli datierten Dokument, die gefährliche Situation der äthiopisch-orthodoxen Kirche in den vergangenen Jahren sei durch die Gebete der Mönche und aller Gläubigen „gemeinsam mit den Anstrengungen von Ministerpräsident Ahmed Abiy“ zum Besseren verändert worden. Besonders gewürdigt wird auch die Arbeit der Versöhnungskomitees, die bewirkt habe, dass die äthiopische Kirche wieder „die Freiheit, die Würde, die Einheit und den Frieden ihrer Herde“ bewahren könne.

Die feierliche Verkündigung der Beendigung des Schismas fand am 27. Juli in Anwesenheit des äthiopischen Ministerpräsidenten in der äthiopisch-orthodoxen Michaelskathedrale in Washington statt. Auf den Gottesdienst folgte ein festlicher Empfang im historischen „Watergate“-Hotel. Zeitgleich mit der Ankündigung der Rückkehr von Abuna Merkurios am Montag in Washington bekundete auch Abuna Mathias in Addis Abeba nach einer Sitzung des Heiligen Synods vor Journalisten „die Freude der Äthiopier über die Beendigung des Schismas“. Viele hätten sich dafür eingesetzt, dass das Schisma zu Lebzeiten der Kontrahenten beendet wird, um eine Verfestigung der Spaltung zu vermeiden. Nach Angaben des äthiopischen öffentlich-rechtlichen Rundfunks wird am 4. August in der Millenniumshalle in Addis Abeba ein großes Fest aus Anlass der Versöhnung der äthiopisch-orthodoxen Kirche stattfinden.

Die Versöhnung der gespaltenen äthiopisch-orthodoxen Kirche ist offensichtlich Teil eines größeren Konzepts des erst 41-jährigen Ministerpräsidenten Ahmed Abiy. Er hat mit vielen Haltungen der seit 1991 an der Macht befindlichen EPRDF (Revolutionäre Demokratische Front der äthiopischen Völker) gebrochen und u.a. die Versöhnung mit Eritrea eingeleitet, die Entlassung zahlreicher politischer Gefangener veranlasst und sich vor wenigen Tagen für ein „Mehrparteien-System“ in Äthiopien ausgesprochen. In kirchlichen Kreisen in Addis Abeba wird betont, dass die Kirche jetzt die Gunst der Stunde ergreifen und ihre Rolle als Lehrerin und Schützerin der Gläubigen auf dem Weg gesellschaftlicher Erneuerung ernst nehmen müsse. Es sei die Aufgabe der „kirchlichen Hierarchie, der Mönche wie des ganzen Volkes Gottes“, im Prozess der Versöhnung innerhalb Äthiopiens wie auch mit den Nachbarn voranzugehen.

Die äthiopisch-orthodoxe Kirche mit vermutlich an die 60 Millionen Gläubigen ist die zahlenmäßig zweitgrößte Ostkirche (nach der russisch-orthodoxen Kirche). Die Wurzeln der Kirche reichen in Äthiopien tief in die Antike zurück. Als einziger christlicher Staat in Afrika hat Äthiopien mehr als 1.000 Jahre islamischen Eroberungsversuchen erfolgreich widerstanden. Die äthiopisch-orthodoxe Kirche gehört zur orientalisch-orthodoxen Kirchenfamilie, die die Beschlüsse des Konzils von Chalcedon im Jahr 451 nicht anerkannt hat. Kaiser Haile Selassie versuchte vor seinem Sturz durch den „Derg“, Addis Abeba zu einem Zentrum der orientalisch-orthodoxen Kirchenfamilie zu machen. Im Jänner 1965 gelang es ihm, die erste Konferenz der Oberhäupter aller orientalisch-orthodoxen Kirchen im Stil eines Konzils der Antike in der äthiopischen Hauptstadt zu versammeln.