Schmerz und Trauer über die Hagia Sophia auch in Wien

Bittgebet in der griechisch-orthodoxen Dreifaltigkeitskathedrale – Enttäuschung über die Reaktionen im Westen – Die orthodoxen Christen fühlen sich „in der Hagia Sophia zuhause“, die in jedem orthodoxen Gottesdienst genannt wird

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Foto: © Thomas Ledl (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International)

Wien, 24.7. 20 (poi) In aller Welt wurde in den orthodoxen Kirchen (in den USA auch in vielen katholischen Gotteshäusern) am Freitag zur Stunde des ersten islamischen Freitagsgebets in der Hagia  Sophia die Fürbitte der Gottesmutter angerufen. Auch in Wien fand in der griechisch-orthodoxen Dreifaltigkeitskathedrale am Fleischmarkt unter der Leitung von Bischofsvikar Ioannis Nikolitsis ein solches gesungenes Bittgebet im Zeichen des Schmerzes und der Trauer über die Vorgänge in Konstantinopel statt. Im Verlauf des Bittgebets wurde das Vaterunser auch auf deutsch gebetet. Nikolitsis hielt zum Abschluss eine bewegende Ansprache über die Bedeutung der Hagia Sophia für die ganze Christenheit.

Erzpriester Nikolaus Rappert betonte, dass die viele Kommentare im Westen über die „Umwidmung“ der Hagia Sophia „fast enttäuschend“ waren. Offensichtlich sei das Gespür dafür verloren gegangen, was in Konstantinopel mit der einstigen Kathedrale, die seit mehr als 80 Jahren als Museum diente, geschehen sei. In der orthodoxen Liturgie werde zum Auftakt des Gottesdienstes jedesmal eine besondere Fürbitte für die „heilige große Kirche Christi“ ausgesprochen, die „megali ekklesia“, wie die Hagia Sophia in der kirchlichen Sprache genannt wird. „Immer, wenn wir mit der Liturgie beginnen, denken wir an die Hagia Sophia“, sagte Rappert.

Die orthodoxen Christen fühlten sich in der Hagia Sophia beheimatet, wo auch immer sie Gottesdienst feiern, unterstrich der Erzpriester: „Wir sind in der Hagia Sophia zu Hause“. Es sei schmerzlich, dass das im Westen nicht verstanden werde. Die Hagia Sophia sei nach wie vor eine Kirche, sie sei nie laisiert worden – auch wenn sie 400 Jahre als Moschee und 80 Jahre als Museum verwendet wurde. Die Architektur der Kathedrale bringe in unübertrefflicher Weise das Herzstück des christlichen Glaubens – „dass Gott in Jesus Christus Mensch geworden ist“ – zum Ausdruck. Die Hagia Sophia sei Stein gewordener christlicher Glaube.

Auf diesem Hintergrund würden orthodoxe Christen in aller Welt im Gebet Schmerz und Trauer über die Entfremdung der Hagia Sophia zum Ausdruck bringen, so Rappert: „Wir wollen nicht Böses mit Bösem vergelten, aber wir legen Zeugnis ab für die Wahrheit der Hagia Sophia und wir sind gewiss, dass Gottes Barmherzigkeit unsere Trauer überwinden wird“.