Selenskij lädt Patriarch Bartholomaios I. in die Ukraine ein

Besuch könnte um den 24. August 2021 - den 30. Jahrestag der ukrainischen Unabhängigkeitserklärung - stattfinden

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Foto: © Ukrinform TV (Quelle: Wikimedia: Lizenz: Creative Commons Attribution 3.0 Unported)

Konstantinopel-Kiew, 17.10.20 (poi) Der ukrainische Präsident Wladimir Selenskij hat den Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I. zu einem Besuch der Ukraine eingeladen. Ein mögliches Datum für den Besuch könnte der 24. August 2021 sein, der 30. Jahrestag der ukrainischen Unabhängigkeitserklärung. Selenskij hatte sich zu einem Arbeitsbesuch in der Türkei aufgehalten, in Konstantinopel nahm  er gemeinsam mit seiner Frau Elena an einem Gebetsgottesdienst in der Georgskathedale des Phanar teil und traf anschließend mit Bartholomaios I. zusammen. Der Patriarch stellte fest, er freue sich, dass der Friede in der Ukraine schrittweise vorankomme. Selenskij dankte seinerseits laut Mitteilung der ukrainischen Präsidentschaftskanzlei dem  Patriarchen für dessen „bedingungslose Unterstützung der Souveränität und territorialen Integrität“ der Ukraine und der Unabhängigkeit des Landes. In seiner Einladung an den Patriarchen habe der Präsident erklärt: „Die Ukraine ist gastfreundlich. Wir werden sehr glücklich sein, Sie bei uns zu sehen. Es wird eine sehr wichtige Visite für die Ukraine werden“.

Bei der Begegnung wurde auch die Situation im Donbass besprochen. Selenskij betonte, dass er sich entschlossen für die Heimkehr aller im Donbass oder in Russland festgehaltenen Gefangenen einsetze. Bartholomaios I. stellte fest, er wünsche von ganzem Herzen, dass der Schmerz jener Familien aufhören möge, deren Verwandte in Gefangenschaft sind.  Laut Kommunique wurden auch weitere Schritte zur Stärkung der Zusammenarbeit zwischen der Ukraine und dem Ökumenischen Patriarchat besprochen.

 

Wechsel in der Kirchenpolitik Selenskijs?

Im Gespräch mit Präsident Selenskij unterstrich der Ökumenische Patriarch am 16. Oktober laut „Orthodox Times“, er sei „sehr stolz“ auf die Verleihung des „Tomos“ über die Zuerkennung der Autokephalie an die neugegründete „Orthodoxe Kirche der Ukraine“. Der Besuch Selenskijs habe ihm die „Liebe, den Respekt und die Verehrung“ des „ganzen ukrainischen Volkes“ vermittelt, stellte Bartholomaios I. fest. „Liebe, Respekt und Verehrung“ würden der „Mutterkirche in Konstantinopel“ gelten, von wo die Ukraine das Licht des Christentums empfangen habe. Die Mutterkirche werde immer an der Seite der Ukraine stehen. Ihre Gefühle habe die Mutterkirche durch die Zuerkennung der Autokephalie an die „Orthodoxe Kirche der Ukraine“ zum Ausdruck gebracht, die voranschreite und aufblühe. In diesem Zusammenhang würdigte Bartholomaios I. das Oberhaupt der „Orthodoxen Kirche der Ukraine“, Metropolit Epifanij (Dumenko). Er danke Gott, weil Metropolit Epifanij wahrhaft würdig sei, zum Oberhaupt der ukrainischen Kirche gewählt worden zu sein.

Der zweite Besuch Präsident Selenskijs im Phanar – der erste Besuch im August 2019 war wesentlich „kühler“ verlaufen – hat in der Ukraine Diskussionen ausgelöst, ob es sich nur um eine Geste der Höflichkeit gehandelt habe oder ob dahinter eine dramatische Veränderung in der Kirchenpolitik des Präsidenten stehe, der sich bisher von einer Fortsetzung der Politik seines Vorgängers Petro Poroschenko strikt ferngehalten hatte. In Kiew wurde aufmerksam registriert, dass der Gebetsgottesdienst, bei dem Selenskij in der Georgskathedrale anwesend war, vom Pariser Metropoliten Emmanuel (Adamakis) geleitet wurde, der 2018 bei der Entstehung der „Orthodoxen Kirche der Ukraine“ eine entscheidende Rolle gespielt hatte.

In der autonomen ukrainisch-orthodoxen Kirche (des Moskauer Patriarchats) wird daran erinnert, dass Präsident Selenskij am Beginn seiner Amtszeit seine Neutralität in Kirchenfragen betont hatte. Selenskij unterstrich damals, dass für ihn der Glaube an Gott eine ganz persönliche und intime Frage sei, die man nicht mit der Politik vermischen dürfe. Er nahm auch an den Gottesdiensten der verschiedenen Kirchen zu Ostern, Weihnachten und zum Fest des Apostelgleichen Großfürsten Wladimir nicht teil. Unter Poroschenko war es offensichtlich, dass staatliche Behörden die „Übergabe“ von Gotteshäusern der ukrainisch-orthodoxen Kirche an die „Orthodoxe Kirche der Ukraine“ förderten oder jedenfalls nicht verhinderten. Von Ende 2018 bis Mitte 2019 wurden rund 500 Gotteshäuser der ukrainisch-orthodoxen Kirche auf diese Weise „transferiert“. Nach dem Amtsantritt Selenskijs hörten die „Transfers“ sofort auf, weil die Sicherheits- und Justizbehörden einschritten, wenn sich Konflikte abzeichneten, was nach wie vor vorkommt, vor allem im Westen des Landes. In der ukrainisch-orthodoxen Kirche wird daran erinnert, dass 2018 dem Ökumenischen Patriarchen der Eindruck vermittelt wurde, „alle“ orthodoxen Ukrainer seien bereit, sich der neuen Kirchenstruktur anzuschließen. Tatsächlich waren dann beim „Vereinigungskonzil“ am 15. Dezember 2018 von den insgesamt mehr als 100 Bischöfen der ukrainisch-orthodoxen Kirche nur zwei anwesend und bereit, sich der „Orthodoxen Kirche der Ukraine“ anzuschließen. Auch erfüllten sich die Hoffnungen nicht, die dem Phanar im Hinblick auf rasche Anerkennung der „Orthodoxen Kirche der Ukraine“ durch die anderen autokephalen orthodoxen Kirchen vermittelt worden waren. Tatsächlich haben bisher außer dem Patriarchat von Konstantinopel nur die orthodoxe Kirche von Griechenland und das Patriarchat von Alexandrien diesen Schritt gesetzt – teilweise gegen entschiedenen innerkirchlichen Widerstand.

In der ukrainisch-orthodoxen Kirche besteht die Befürchtung, dass der Besuch des Präsidenten im Phanar und die Einladung an den Ökumenischen Patriarchen von nachgeordneten Stellen im Staatsapparat als Signal zur Wiederaufnahme der Politik Poroschenkos interpretiert werden könnte. Dazu kommt die Sorge, dass im Hinblick auf den Patriarchenbesuch die Implementierung des am 3. November 2018 von Bartholomaios I. und dem damaligen Präsidenten Poroschenko unterzeichneten Vertrags über Zusammenarbeit zwischen Konstantinopel und Kiew wieder aufgenommen wird. Der Vertrag enthält angeblich eine Liste von ukrainischen Kirchen und Klöstern, die direkt an das Ökumenische Patriarchat übergeben werden sollen. Zu diesen Objekten könnten auch das Kiewer Höhlenkloster und das Kloster von Potschajew zählen. Die unter Poroschenko ventilierte Idee, das Höhlenkloster an die neue Kirchenstruktur zu übergeben, hatte im Hinblick darauf, dass es sich um frühere Schismatiker handelte, in der Weltorthodoxie heftige Kritik ausgelöst. Gegen eine Übergabe an die „Mutterkirche