Serbischer Patriarch Irinej hielt Gedenkgottesdienst für die Opfer der kroatischen Offensive „Oluja“

Präsident Vucic: „Es geht darum, Kriegsverbrechen aufzuzeigen, deren Opfer Serben waren ohne deswegen andere Kriegsverbrechen zu verschweigen, die von Serben verübt wurden“

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Foto: © Micki (Quelle: Wikimedia, Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported)

Belgrad, 06.08.20 (poi) Der serbisch-orthodoxe Patriarch Irinej hat am 4. August in Sremska Raca an der Grenze zwischen dem serbischen Landesteil Vojvodina und dem bosnisch-hercegovinischen Landesteil Republika Srpska einen Gedenkgottesdienst für die serbischen Opfer der kroatischen Offensive „Oluja“ (Sturm) gehalten. Über die Brücke von Sremska Raca waren 1995 tausende serbische Flüchtlinge und Vertriebene nach Serbien gekommen. Der serbische Staatspräsident Aleksandar Vucic und das serbische Mitglied des bosnischen Staatspräsidiums, Milorad Dodik, nahmen an der Gedenkfeier teil.

Vucic erinnerte daran, dass Serbien und die Republika Srpska seit 2014 gemeinsam der Opfer gedenken. Es gehe darum, jene Kriegsverbrechen aufzuzeigen, deren Opfer Serben waren ohne deswegen andere Kriegsverbrechen zu verschweigen, die von Serben verübt wurden. Das Gedenken an die serbischen Opfer der kroatischen Offensive vor 25 Jahren stehe im Zeichen der Versöhnung, unterstrich der serbische Präsident: „Serbien verlangt keine Anerkennung eines Völkermords, aber wir möchten, dass den serbischen Opfern ebenso Respekt gezollt wird wie Serbien sich bemüht, über die von Serben begangenen Verbrechen nicht zu schweigen“.

Serbien wolle keine „falschen Tränen“ für seine Opfer, betonte der Präsident: „Wir möchten nur, dass anerkannt wird, wie viele Menschen in Jasenovac (dem kroatischen faschistischen Konzentrationslager im Zweiten Weltkrieg) umkamen, nur weil sie den ‚falschen‘ Familiennamen trugen“. Allen, die über die Grausamkeiten während des Zweiten Weltkriegs und die ethnische Säuberung während der Operation „Oluja“ schweigen, wolle er sagen, dass Serbien „Versöhnung und Frieden, aber niemals Demütigung“ wolle.

 

„Krieg ist immer eine Niederlage“

In Zagreb zelebrierte Metropolit Porfirije (Peric) am 4. August, dem 25. Jahrestag des Beginns der Operation „Oluja“, in der serbisch-orthodoxen Kathedrale einen Gedenkgottesdienst für die schuldlosen Opfer der kriegerischen Auseinandersetzungen. In seiner Predigt sagte der Metropolit, so wie der Krieg immer eine Niederlage und eine „Perversion der menschlichen Natur“ ist, so sei auch die Feier kriegerischer Ereignisse „die Feier einer Niederlage“. Solche Feiern seien eine noch größere Perversion als der Krieg, weil sie „das Böse feiern“. Eine Lösung könne es nur durch Buße und Gebet geben: „Wenn wir für die Toten beten, bitten wir Gott, dass er ihnen den Himmel öffnen wolle. Durch die Buße wird bewusst, ob und in welcher Weise wir zum Bösen beitragen“.

Nach dem Gottesdienst nahm der Metropolit am Gedenken am Sitz des Serbischen Nationalrats in Zagreb teil. Im Gebet für die Brüder und Schwestern, die durch „Oluja“ gelitten haben, müsse bewusst sein, dass Krieg das größte Übel ist, dass über Personen, Gruppen und Völker kommen kann, bisweilen sogar über die ganze Welt. Wörtlich meinte der Metropolit: „Jede Feier des Krieges vermehrt das Übel und vertieft den Hass. Wenn wir einen durch Blutvergießen erzielten Sieg feiern, erniedrigen wir uns selbst und unsere menschliche Würde“. Stattdessen sollten Friede, Verständigung, Solidarität und Nächstenliebe gefeiert werden.

„Oluja“ ereignete sich 1995. Anfang 1995 wurde der Z4-Plan, ein Vorschlag für eine friedliche Wiedereingliederung der serbischen Krajina in den kroatischen Staat unter Garantien weit reichender Autonomie vorgelegt. Von den Krajina-Serben wurde dies abgelehnt. Die kroatische Offensive begann am 4. und endete am 7. August 1995. Die Kampfhandlungen erstreckten sich entlang einer Frontlänge von 630 Kilometern und auf einer Fläche von 10.500 Quadratkilometern, 18,4 Prozent der Gesamtfläche Kroatiens. Bei diesem Einsatz und im Anschluss daran kam es zu Kriegsverbrechen an Serben und Flucht von etwa 200.000 serbischen Zivilisten. Der 5. August ist in Kroatien als „Tag des Siegesein Nationalfeiertag. International wird die Operation „Oluja“, ihre Bedeutung, Durchführung und Auswirkung sehr kontrovers diskutiert und analysiert.