Slowenien: Gedenken an die russischen Kriegsgefangenen, die die Vrsic-Pass-Straße bauen mussten

Russischer Erzbischof Tichon ruft dazu auf, das menschliche Leben als Geschenk Gottes hochzuschätzen, den Frieden zu bewahren und schreckliche Tragödien, wie der Erste Weltkrieg eine war, zu vermeiden

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Foto: © Чръный человек (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported)

Laibach, 27.07.20 (poi) In Erinnerung an die russischen Kriegsgefangenen, die im Ersten Weltkrieg für die österreichisch-ungarischen Armeen zur Versorgung der Isonzo-Front die Gebirgsstraße über den Vrsic-Pass in Slowenien bauen mussten, fand auch heuer wieder eine kirchliche Gedenkfeier statt. Die Feier, die am 25. Juli von Erzbischof Tichon (Zaitsew), dem Administrator der russisch-orthodoxen Eparchie Berlin und Deutschland, geleitet wurde, stand unter dem Motto der „Solidarität der Nationen“. In besonderer Weise wurde allen gedankt, die bei der Corona-Pandemie „besondere Kompetenz und besonderes Mitgefühl“ gezeigt haben. Wegen der corona-bedingten Einschränkungen konnten nur 200 Personen mit dem slowenischen Staatspräsidenten Boris Pahor an der Spitze an der Feier teilnehmen,  bei der auch des 104. Jahrestages der Fertigstellung der russisch-orthodoxen Kapelle an der Straße von Kranjska Gora nach Trenta im Isonzo-Tal gedacht wurde.

An der Feier nahmen auch der serbisch-orthodoxe Metropolit Porfirije (Peric) von Zagreb und Laibach, der katholische Bischof von Celje, Stanislav Lipovsek, und der slowenische evangelisch-lutherische Bischof Leon Novak teil. Erzbischof Tichon feierte das Totengedenken, in Litaneien und Gebeten wurde der russischen Kriegsgefangenen gedacht, die in dem hochalpinen Gelände durch Hunger, Erschöpfung und Kälte zu Tode kamen. Nach dem Gottesdienst sagte Erzbischof Tichon: „Das Echo des Ersten Weltkriegs schmerzt uns in der Seele. Auf dem Vrsic-Pass wurden russische Kriegsgefangene u.a. durch Lawinen getötet. Wir alle wissen, dass jedes menschliche Leben ein ganzes Universum enthält. All das, was den Gefangenen teuer war – die Heimat, die Familie, Pläne, Hoffnungen, all das wurde durch den Krieg zerbrochen. Das aufmerksame Herz lauscht auf das, was die Seelen der hier Begrabenen uns still erzählen: Sie flehen uns an, das menschliche Leben als Geschenk Gottes hochzuschätzen, den Frieden zu bewahren und schreckliche Tragödien zu vermeiden. Ewiges Gedenken den toten Kindern Russlands“. Der russische Erzbischof dankte Präsident Pahor, der slowenischen Regierung und dem slowenischen Volk für die Bewahrung des Andenkens an die russischen Gefangenen, „für die Freundschaft unserer slawischen Völker“, die sich in der dem Apostelgleichen Großfürsten Wladimir geweihten Kapelle an der Straße über den Vrsic-Pass in den Julischen Alpen zeige.

Im Ersten Weltkrieg war der Bahnhof von Kranjska Gora einer der wichtigsten Umschlagplätze für den österreichisch-ungarischen Nachschub an die Isonzo-Front. Im Juli 1915 bauten die Österreicher in der Nähe von Kranjska Gora ein Lager für russische Kriegsgefangene, die die Militärstraße über den 1.611 Meter hohen Vrsic-Pass bauen mussten. Am 12. März 1916 ging dort, wo später die Kapelle errichtet wurde, eine Lawine nieder und begrub Gefangene und Bewacher, mehr als 300 Menschen wurden getötet. Insgesamt starben im Zusammenhang mit dem Bau der Straße von Kranjska Gora nach Trenta zwischen 1915 und 1917 mehr als 10.000 russische Kriegsgefangene.

Die Kameraden der am 12. März 1916 Getöteten errichteten am Unglücksort zuerst eine kleine hölzerne Kapelle. Im SHS-Staat nach 1918 und dem späteren Jugoslawien wurde die Gedenkstätte ausgebaut, die Überreste der Opfer des Lawinenunglücks wurden in einer würdigen Grabstätte bestattet, eine Obelisk wurde errichtet. Nach der slowenischen Unabhängigkeitserklärung bildete sich eine Initiativgruppe, die alljährlich im Juli an der Gedenkstätte Gedächtnisfeiern unter Beteiligung von Persönlichkeiten des politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und kirchlichen Lebens abhielt. Aus dieser Initiativgruppe entstand 1996 die slowenisch-russische Freundschaftsgesellschaft. 2005 wurde das Gelände um die Gedächtniskapelle zu einem Park unter der Ägide des slowenischen Kulturministeriums umgestaltet.