Sorge über das künftige Schicksal der Hagia Sophia wächst

Gerüchte über muslimischen Gottesdienst am 15. Juli, dem 4. Jahrestag des missglückten Staatsstreichs, in dem einstigen Gotteshaus, das zum Weltkulturerbe gehört – Moskauer Patriarch Kyrill: „Eine Gefahr für die Hagia Sophia ist eine Gefahr für die gesamte christliche Zivilisation“

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Foto: © Dean Strelau (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution 2.0 Generic)

Konstantinopel, 08.07.20 (poi) In der weltweiten Christenheit, aber auch im politischen Bereich wächst die Sorge über das künftige Schicksal der Hagia Sophia in Konstantinopel. Am 2. Juli hatte der türkische Verwaltungsgerichtshof zwar festgestellt, dass die Umwidmung des Gotteshauses zum Museum in den 1930er-Jahren rechtens war, der Präsident habe aber die Möglichkeit, die Situation per Dekret zu verändern. Die schriftliche Ausfertigung des Urteils liegt noch nicht vor, aber es mehren sich die Gerüchte, wonach Präsident Recep T. Erdogan am 15. Juli – dem 4. Jahrestag des missglückten Staatsstreichs – in der Hagia Sophia einen muslimischen Gottesdienst durchführen lassen und das Gebäude damit wieder zur Moschee machen lassen will. Die negativen internationalen Reaktionen im Hinblick auf die Pläne zur Re-Islamisierung des einst bedeutendsten und wichtigsten christlichen Gotteshauses bezeichnete Erdogan am 3. Juli als „gleichbedeutend mit einem direkten Angriff auf die türkische Souveränität“.

In den ersten Julitagen gab es eine Reihe kritischer Aussagen zu den Vorgängen um die Hagia Sophia aus dem politischen Bereich. So erklärte der US-amerikanische Außenminister Michael Pompeo am 1. Juli, Washington fordere die türkische Regierung auf, die Hagia Sophia weiterhin als Museum zu erhalten, als Beispiel für den Respekt vor den Glaubenstraditionen und unterschiedlichen geschichtlichen Gegebenheiten, die zum Entstehen der Republik Türkei beigetragen haben.

Das außerordentliche Bauwerk – das für alle zugänglich bleiben müsse – sei im Verlauf seiner „reichen und komplexen“ 1.500-jährigen Geschichte „ein Zeugnis der religiösen Ausdruckskraft und des künstlerischen und technischen Genius“ geworden, so Pompeo. Der Status als Museum habe es Menschen aus aller Welt erlaubt, dieses großartige Werk zu bewundern. Die US-amerikanische Regierung betrachte eine Veränderung des Status der Hagia Sophia als Minderung der Botschaft dieses bedeutsamen Bauwerks und seiner Fähigkeit, der Menschheit als notwendige Brücke zwischen den verschiedenen Glaubenstraditionen und Kulturen zu dienen. Washington werde weiterhin bemüht sein, mit der türkischen Regierung in vielen Fragen des gegenseitigen Interesses zusammenzuarbeiten, „einschließlich der Bewahrung der religiösen und kulturellen Stätten“.

Ankara reagierte zwar nicht hochrangig, ließ aber den Sprecher des Außenministeriums, Hami Aksoy, erklären, man sei „erstaunt“ über die Stellungnahme Pompeos. Die türkische Regierung setze ständig „in aller Stille“ revolutionäre Schritte, um die verfassungsmäßig garantierte Religions- und Glaubensfreiheit für alle Bürger ohne Unterschied zu verteidigen, betonte Aksoy. In diesem Zusammenhang würden auch alle kulturellen Schätze – einschließlich der Hagia Sophia – im Rahmen der türkischen Tradition der Toleranz sorgfältig bewahrt. Die Türkei habe den „historischen, kulturellen und spirituellen“ Wert der Hagia Sophia „seit der Eroberung“ hochgehalten. Bei dieser Gelegenheit müsse daran erinnert werden, dass die Hagia Sophia Eigentum der Türkei sei, „wie alle kulturellen Besitztümer auf unserem Territorium“. Jeglicher Versuch, über die Hagia Sophia bestimmen zu wollen, sei auch eine Frage der „inneren Angelegenheiten und der Souveränitätsrechte der Türkei“.

Ebenfalls am 1. Juli brachte auch die Interparlamentarische Orthodoxe Versammlung, die 1993 auf Initiative von Parlamentariern aus Russland und Griechenland gegründet worden ist und heute parlamentarische Vertreter aus 25 Ländern umfasst, die Sorge um die Zukunft der Hagia Sophia zum Ausdruck. Die Hypothese, die Hagia Sophia künftig als Ort des islamischen Kultus zu verwenden, sei Anlass zur Sorge „bei allen Menschen guten Willens und bei Gläubigen, die durch ihre Aktivitäten und Gebete versuchen, die Verständigung unter den großen Religionen der Welt zu fördern“, so die Interparlamentarischen Versammlung.

In Moskau sagte die Sprecherin des russischen Außenministeriums, Maria Sacharowa, die russische Regierung erwarte im Hinblick auf die Hagia Sophia eine „ausgewogene Entscheidung“, die sich „an den Richtlinien der UNESCO“ orientiert. Russland betrachte das Gotteshaus in Konstantinopel als äußerst wichtig für die ganze Menschheit im Hinblick auf Kultur und Geschichte. Die Hagia Sophia gehöre zu den Weltkulturerbe-Stätten der UNESCO. Jeder Versuch einer Statusänderung müsse diese Tatsache ins Kalkül ziehen.

Der Vizepräsident der Europäischen Kommission, Margaritis Schoinas, stellte am 4. Juli fest, die Hagia Sophia sei ein „globales Symbol der friedlichen Koexistenz zwischen Religionen und Kulturen“. Die Europäische Kommission werde Stellung beziehen, sobald eine endgültige Entscheidung des türkischen Verwaltungsgerichtshofs und der Regierung in Ankara feststehe. Schoinas hob zugleich hervor, dass derzeit der gesamte Bereich der Beziehungen zwischen der Europäischen Union und der Türkei im Fluss sei. Es gehe um die Regeln des Zusammenlebens, um die Bewältigung von Fragen wie Migration und Terrorismus, um das Miteinander am Südufer des Mittelmeers, um die Vereinbarkeit einer Vor-Beitritts-Perspektive der Türkei mit Aktionen wie illegalen Erdgasbohrungen im Mittelmeer oder dem Versuch zur Statusänderung der Hagia Sophia.

„Faszination himmlischer Schönheit“

Am 6. Juli veröffentlichte der Moskauer Patriarch Kyrill eine überaus kritische offizielle Erklärung zur Auseinandersetzung um die Hagia Sophia. Die Erklärung hat folgenden Wortlaut: „Durch die Aufrufe mancher türkischer Politiker, den Museumsstatus der Hagia Sophia neu zu überdenken, bin ich zutiefst besorgt. Diese im 6. Jahrhundert zur Ehre Christi des Erlösers erbaute Kirche bedeutet viel für die ganze Orthodoxie. Und der russischen Kirche bleibt sie insbesondere teuer. Als die Gesandten des Großfürsten Wladimir die Schwelle dieser Kirche betreten hatten, wurden sie von der Faszination ihrer himmlischen Schönheit ergriffen. Als der Heilige Wladimir ihre Erzählung hörte, ließ er sich und die Rus taufen, die dadurch in eine für sie neue geistige und historische Dimension – in die christliche Zivilisation – eintrat.

Über viele Generationen wurde uns die Begeisterung für die Errungenschaften dieser Zivilisation weitergegeben, deren Teil wir nun sind. Und eines ihrer ehrfürchtig verehrten Symbole war und bleibt die Hagia Sophia. Ihr Bild ist in unsere Kultur und Geschichte fest eingeprägt. Es inspirierte unsere Baumeister in Kiew, Nowgorod, Polotsk – in allen wichtigen Zentren des geistigen Werdens der Alten Rus.

In der Geschichte der Beziehungen zwischen der Rus und Konstantinopel gab es unterschiedliche Perioden, manchmal auch sehr schwierige. Aber gegenüber jedem Versuch, das tausendjährige geistige Erbe der Kirche von Konstantinopel zu demütigen und zu schänden, empfand und empfindet das russische Volk Bitternis und Empörung. Eine Gefahr für die Hagia Sophia ist eine Gefahr für die gesamte christliche Zivilisation, und zwar für unsere Spiritualität und Geschichte. Bis heute ist die Hagia Sophia für jeden russischen orthodoxen Gläubigen ein großes christliches Heiligtum.

Es ist die Pflicht eines jeden zivilisierten Staates, das Gleichgewicht zu wahren: die Widersprüche in der Gesellschaft zu versöhnen, aber nicht zu verschärfen; die Einheit der Menschen zu fördern und nicht die Trennung. Die Beziehungen zwischen der Türkei und Russland entwickeln sich heute dynamisch. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die Bevölkerung Russlands mehrheitlich orthodox ist. Deshalb wird das, was mit der Hagia Sophia möglicherweise passieren wird, im russischen Volk einen tiefen Schmerz hervorrufen.

Ich hoffe auf Besonnenheit der türkischen Staatsführung. Die Bewahrung des heutigen neutralen Status der Hagia Sophia – eines der größten Meisterwerke der christlichen Kultur, eine der symbolträchtigsten Kirchen für Millionen Christinnen und Christen weltweit – wird der weiteren Entwicklung der Beziehungen zwischen Russland und der Türkei dienen, sowie der Stärkung des interreligiösen Friedens und der Eintracht“.

Bereits am 3. Juli hatte Metropolit Hilarion (Alfejew), der Leiter des Außenamts des Moskauer Patriarchats, im Gespräch mit „Interfax“ die tiefe Sorge der russisch-orthodoxen Kirche im Hinblick auf die Hagia Sophia zum Ausdruck gebracht: „Wir verfolgen die Ereignisse rund um die Kathedrale der Hagia Sophia mit ernsthaften Bedenken. Wir warten auf die offizielle Veröffentlichung des Urteils des türkischen Verwaltungsgerichtshofs, der nach Angaben der Presse entschieden hat, dass der Status der Hagia Sophia, der derzeit dem eines Museums entspricht, durch ein Dekret des Präsidenten geändert werden kann”. Metropolit Hilarion bezeichnete die Hagia Sophia als „Erbe der gesamten Menschheit“ und unterstrich, dass die Änderung des gegenwärtigen Status „das gegenseitige Verständnis in der Welt, den Dialog zwischen Zivilisationen und Kulturen, den interreligiösen Dialog, ernsthaft beschädigen kann“. Der Metropolit erinnerte an die besondere Rolle, die die Hagia Sophia in der Geschichte des russischen Christentums einnimmt und erwähnte in diesem Zusammenhang die Überlieferung, wonach die Gesandten von Großfürst Wladimir überwältigt waren, als sie in der Hagia Sophia an der Göttlichen Liturgie teilnehmen konnten. Sie hätten dem Herrscher berichtet: „Wir wussten nicht mehr, ob wir im Himmel oder auf Erden waren … denn wir haben erlebt, dass Gott dort unter den Menschen ist“.

Metropolit Hilarion stellte auch die Frage, was mit den großartigen Mosaiken der Hagia Sophia geschehen würde, wenn das Gotteshaus re-islamisiert werden sollte: „Wird man sie abschlagen, wie es mit so vielen Mosaiken in Konstantinopel nach der osmanischen Eroberung 1453 geschehen ist oder wird man sie unter Putz verstecken?“

Ausdrücklich wies der Metropolit auch die türkische Auffassung zurück, dass die Zukunft der Hagia Sophia eine „innere Angelegenheit der Türkei“ sei: „Dem kann man nicht zustimmen. Die Hagia Sophia ist ein Weltkulturerbe-Monument. Es hat seinen Grund, dass die Diskussionen über eine Veränderung des Status der Hagia Sophia die ganze Welt, vor allem die christliche Welt, erschüttert haben“. Man könne nicht vergessen, dass die „Sophia“, die „Weisheit Gottes“, einer der Namen ist, mit denen die christliche Theologie und Frömmigkeit Jesus Christus bezeichnet.