„Sotschi war ein wesentlicher Schritt zu einer politischen Lösung für Syrien“

Armenisch-apostolischer Bischof von Damaskus betont, dass in der russischen Schwarzmeer-Stadt ein Dialog zustande kam – Aber noch am Abend des 30. Jänner begannen in Ost-Ghouta verschanzte islamistische Gruppen mit dem Granatenbeschuss der Altstadt von Damaskus

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Foto: © Sergey Subbotin / Сергей Субботин (Quelle: Wikimedia, Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported)

Wien, 01.03.18 (poi) Als einen wesentlichen Schritt zu einer „politischen Lösung“ des Syrien-Konflikts hat der armenisch-apostolische Bischof von Damaskus, Armash Nalbandian, der in Wien an der Tagung der „Pro Oriente“-Kommission für den Dialog mit den orientalisch-orthodoxen Kirchen teilnimmt, die Syrien-Konferenz im russischen Sotschi am 30. Jänner bezeichnet. Wie Nalbandian, der selbst in Sotschi dabei war, im Gespräch mit dem „Pro Oriente-Informationsdienst“ sagte, sei das Besondere an der von russischer Seite initiierten Konferenz die Tatsache gewesen, dass Syrer unterschiedlicher Überzeugung „zum ersten Mal seit sieben Jahren wieder miteinander gesprochen haben“: „Das war anfangs schwierig, aber es ging dann“.

Unter den rund 1.500 Teilnehmenden seien Anhänger der Regierung ebenso gewesen wie „Menschen, die dem Regime kritisch gegenüberstehen, aber nichts mit den terroristischen Kriminellen zu tun haben wollen“ und Oppositionelle, die zum Teil schon seit Jahrzehnten außer Landes waren. Zum Unterschied von den bisherigen Syrien-Gesprächen – Genf 1, Genf 2, Astana – sei in Sotschi ein Dialog zustande gekommen. Bischof Nalbandian nennt zwei Aspekte, die Sotschi in objektiver Betrachtung zu einem Erfolg gemacht haben, der alle Mühen wert war, den ursprünglich schon für November geplanten „Kongress des Nationalen Dialogs“ doch zustande zu bringen: Man einigte sich auf eine Erklärung, in der Terrorismus, „Islamischer Staat“ etc. klar abgelehnt werden und zugleich Waffenruhe und Frieden gefordert wird. Und man beschloss, eine 150-köpfige Kommission einzurichten, die sich mit der syrischen Verfassung auseinandersetzen soll. Nalbandian: „Alle Teilnehmenden stimmten der Analyse zu, dass die politische Unruhe in Syrien damit zu tun hat, dass die Verfassung keinen sicheren Boden für gesunde Opposition bietet. Also muss man überlegen, ob einzelne Paragraphen zu ändern oder abzuschaffen sind oder ob man überhaupt eine neue Verfassung erarbeiten soll“. Es sei wichtig, dass auch Staffan de Mistura, der als UN-Sonderbeauftragter für Syrien tätige italienische Diplomat, die Beschlüsse der Sotschi-Konferenz begrüßt habe.

Kritisch setzte sich der armenische Bischof aus Damaskus mit der Berichterstattung vieler westlicher Medien über Sotschi auseinander. Bei der Konferenz in der russischen Schwarzmeer-Stadt seien Menschen aus allen Schichten und unterschiedlicher politischer Überzeugungen anwesend gewesen, so Nalbandian: „In Sotschi waren Parlamentarier, Wissenschaftler, Bauern, Mediziner, Architekten, Techniker usw. dabei“. Auch 90 christliche und muslimische Geistliche hätten teilgenommen, Bischöfe, Priester, Imame, Theologen, „nicht als Vertreter ihrer Religionsgemeinschaften, sondern in persönlicher Verantwortung“. Am 30. Jänner seien im Hinblick auf die vergangenen Jahre viele Gefühle zum Ausdruck gebracht worden, aber es sei ein Dialog in Gang gekommen.

Das hätten die militanten Islamisten als „Desaster“ empfunden. Daher sei schon am Abend des 30. Jänner von den in Ost-Ghouta verschanzten Islamisten begonnen worden, Damaskus zu beschießen (Ost-Ghouta liegt zwischen der Altstadt von Damaskus und dem christlich geprägten Jaramana). Bischof Nalbandian: „Wir bedauern die leidende Zivilbevölkerung in Ost-Ghouta zutiefst, aber wir vermissen in der internationalen Berichterstattung Bilder von den Schäden, die der permanente Granatenbeschuss durch die islamistischen Milizen in der Altstadt von Damaskus anrichtet, wo die christlichen Kathedralen stehen“. Es sei zu einer Eskalation gekommen, in deren Folge im armenischen Viertel seit zwei Wochen die Schulen geschlossen sind, nur mehr zehn Prozent der Geschäfte sind offen, viele Menschen trauen sich nicht mehr zum Gottesdienst zu gehen. Zur düsteren Gesamtlage trage auch der türkische Vormarsch auf das nordsyrische Afrin bei und die Tatsache, dass de facto auch russische und US-amerikanische Einheiten einander gegenüberstehen. Er sei nicht grundsätzlich pessimistisch, aber „Mut machende Entwicklungen“ und „Ereignisse, die den Mut wieder zerstören“ wechselten einander ständig ab, so der Bischof: „An einem Tag hören wir von Waffenstillstand und am nächsten Tag schlagen wieder die Granaten ein“.

Eine Aufgabe für Europa

Für Österreich und die ganze Europäische Union sieht der armenische Bischof eine dringende Aufgabe: „Zum Unterschied von anderen Weltteilen hat Europa eine Kultur des politischen Dialogs entwickelt. Daher könnte die Europäische Union einen Raum schaffen, damit die Menschen aus Syrien zusammenkommen und an politischen Lösungen arbeiten können“. Die Syrer insgesamt – nicht nur die Christen – fühlten sich im Stich gelassen. Die Sanktionen gegen Syrien, die politische Blockade durch den Abzug der europäischen Botschaften aus Damaskus hätten nur negative Auswirkungen: „Wir haben viele kritische Intellektuelle, die eine gesunde Opposition bilden könnten, aber wer steht diesen Menschen bei?“

Mehr Unterstützung wünscht sich Bischof Nalbandian auch für die humanitären Hilfsaktionen der christlichen Kirchen Syriens. Diese Hilfsaktionen kämen allen Not leidenden Menschen zugute, während die offiziellen westlichen Hilfen nicht überallhin gelangen. Bei der Unterstützung der Arbeit der christlichen Kirchen Syriens gehe es auch darum, Möglichkeiten für junge Menschen zu schaffen, damit sie in Europa studieren können. Nalbandian: „Wenn der Konflikt einmal enden wird, wir hoffen bald, werden wir gut ausgebildete Experten benötigen, um den materiellen und geistigen Wiederaufbau in Gang zu setzen“.

Unterstützung für die Kirchen zahle sich im übrigen auch noch in anderer Hinsicht aus: „Wenn die Kirchen stark sind, können sie den Menschen helfen, damit sie sich nicht zur Auswanderung gedrängt sehen“. Die Christen im Nahen Osten hätten eine essenzielle Brückenrolle, unterstrich der Bischof, „weil sie den Islam besser verstehen als die Europäer“. In der großen Perspektive müssten sich die Europäer die Gewissensfrage stellen, welchen Nahen Osten sie wollen, ob sie den Islam einfach seiner Identitätskrise in der Auseinandersetzung mit der Moderne überlassen möchten. Nalbandian: „Es muss das allgemeine Interesse sein, eine Frontstellung zwischen einem ‚christlichen‘ Westen und einem ‚islamistischen‘ Osten zu vermeiden.