Spannung im Hinblick auf die Konzelebration von Patriarch Bartholomaios und Erzbischof Hieronymos von Athen

Die Nennung des Namens des Oberhaupts der neugegründeten „Orthodoxen Kirche der Ukraine“ in der Liturgie wäre die offizielle Bestätigung für die Anerkennung dieser Kirche durch die orthodoxe Kirche von Griechenland – Ökumenischer Patriarch besucht anschließend die Athos-Klöster

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Foto: © Massimo Finizio (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution 3.0 Unported)

Athen-Kiew-Washington, 18.10.19 (poi) Mit Spannung wird erwartet, ob am Samstag in Saloniki bei der Konzelebration der Göttlichen Liturgie durch den Athener Erzbischof Hieronymos (Liapis) und den Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I. bei den Fürbitten nach den „Diptychen“ (den Ehrenlisten der Orthodoxie) auch der Name des Oberhaupts der neugegründeten „Orthodoxen Kirche der Ukraine“, Metropolit Epifanij (Dumenko), genannt werden wird. Diese Nennung würde die offizielle Anerkennung der „Orthodoxen Kirche der Ukraine“ durch die orthodoxe Kirche von Griechenland bedeuten. Einzelne griechische Hierarchen, so Metropolit Seraphim (Stergiulis) von Kythera und einige seiner Mitbrüder, haben Erzbischof Hieronymos dringend aufgefordert, von der Konzelebration mit dem Ökumenischen Patriarchen abzusehen. Unmittelbar nach der Sonder-Bischofsversammlung der Kirche von Griechenland am 12. Oktober hatte es in Athen Gerüchte gegeben, auch Metropolit Epifanij werde am Samstag einer der Konzelebranten sein. Der Metropolit muss aber am Samstag in New York sein, wo ihn die „Archonten“ (die Mitglieder des amerikanischen orthodoxen St. Andreas-Ordens) mit dem großen Athenagoras-Preis für Menschenrechte auszeichnen werden (bisherige Preisträger waren u.a. die früheren US-Präsidenten Jimmy Carter und George Bush, der frühere sowjetische Präsident Mikhail Gorbatschow, der New York Gouverneur Andrew Cuomo und Mutter Teresa).  Der orthodoxe Erzbischof von Amerika, Elpidophoros (Lambriniadis), führte als Begründung für die Preisvergabe an Metropolit Epifanij u.a. an, dass dieser ein „entschlossener Verteidiger der religiösen Freiheit des Ökumenischen Patriarchats“ gewesen sei, auch als die „Vorrechte des Patriarchats in Frage gestellt und zurückgewiesen wurden“. In der Ukraine habe Epifanij die „salomonische Weisheit“ aufgebracht, die notwendig war, um die „Wiedervereinigung der Kirche, die Wiederherstellung der eucharistischen Einheit und die Eingliederung der Kirche der Ukraine in die weltweite Gruppe der autokephalen orthodoxen Kirchen zu erreichen“.

Die Haltung der Kirche von Griechenland zur neuen „Orthodoxen Kirche der Ukraine“ und ihrer Autokephalie war bei der Sonder-Bischofsversammlung nicht hundertprozentig klar geworden. Zwar hatten sich die Bischöfe einen Beschluss des Ständigen Heiligen Synods ihrer Kirche vom August zu eigen gemacht, das kanonische Recht des Ökumenischen Patriarchen zur Verleihung der Autokephalie anzuerkennen, „aber auch das Privileg des Primas der Kirche von Griechenland, die Frage einer Anerkennung der ‚Orthodoxen Kirche der Ukraine‘ weiter zu behandeln“. Über den Bericht von Erzbischof Hieronymos, der sich ausdrücklich für die Anerkennung der „Orthodoxen Kirche der Ukraine“ aussprach, wurde aber nicht abgestimmt. Metropolit Seraphim (Stergiulis) appellierte am 16. Oktober in schriftlicher Form „innig“ an Patriarch Bartholomaios und Erzbischof Hieronymos, nichts zu übereilen und mit dem Primas der neuen Kirche nicht zu konzelebrieren bevor eine „panorthodoxe Diskussion“ über dieses „explosive kanonische und ekklesiologische Problem“ stattgefunden hat. Andernfalls könne es zu einer „kritischen Situation in der Kirche“ kommen. In einem Interview sagte der Metropolit, er befürchte eine „Eskalation“, wenn der Name von Epifanij am Samstag in der Liturgie genannt werde. In der Kirche von Griechenland gebe es mindestens „elf Bischöfe“, die negativ zur ukrainischen Autokephalie eingestellt sind. Es müsse dringend eine neuerliche Bischofsversammlung abgehalten werden.

Der Ökumenische Patriarch begibt sich von Saloniki aus auf den Berg Athos. Seine erste Station wird das Kloster Xenophontos sein. Am (nur den Mönchen zugänglichen) Hafen des Klosters werden die Repräsentanten der 20 Athos-Klöster Bartholomaios I. offiziell begrüßen. Am Sonntag wird der Ökumenische Patriarch die Göttliche Liturgie in der sogenannten „neuen Kathedrale“ von Xenophontos zelebrieren (aus Anlass des 200-Jahr-Jubiläums der Erbauung des Gotteshauses). Ein weiterer Höhepunkt des bis 22. Oktober anberaumten Patriarchenbesuchs wird die Verehrung der Marien-Ikone „Axion Esti“ in der Protaton-Kirche von Karyes, der administrativen „Hauptstadt“ der Mönchsrepublik, sein; diese Ikone gilt als „die“ Marien-Ikone des Athos.

Auch auf dem Athos wird der Ökumenische Patriarch das Thema Ukraine behandeln müssen; einige der Klöster heißen seine Vorgangsweise in der Ukraine, die zur Gründung der neuen „Orthodoxen Kirche der Ukraine“ geführt hat, gut, andere nicht. Metropolit Seraphim sagte in seinem Interview, er befürchte, dass es auch auf dem Heiligen Berg während des Patriarchen-Besuchs zu „Exzessen“ kommen könne. Nach seinen Informationen seien nur vier Athos-Klöster bereit, die neue „Orthodoxe Kirche der Ukraine“ anzuerkennen, 16 seien dagegen.

Die Kirche von Griechenland veröffentlichte am 15. Oktober ein Statement, in dem die Feststellungen von Metropolit Seraphim (Stergiulis) zurückgewiesen wurden, das kirchliche Pressekomitee habe den Inhalt der Sonder-Bischofsversammlung vom 12. Oktober nicht  korrekt an die Medien weitergegeben. Das Statement vom 15. Oktober betont, dass das dreiköpfige (aus Bischöfen bestehende) Pressekomitee „die Wahrheit über die Sachlage“ zum Ausdruck gebracht habe. „Jeder andere Versuch, die Sachlage zu interpretieren“, entspreche nicht der Wirklichkeit. Alles, was im Pressekommunique stehe und im offiziellen Protokoll der Sitzung festgehalten sei, beruhe auf den Empfehlungen von Erzbischof Hieronymos, den Ergebnissen der nachfolgenden Diskussion, bei der 33 Hierarchen das Wort ergriffen hätten und den Konklusionen von Erzbischof Hieronymos. Zu diesen Konklusionen hätten die Mitglieder des Heiligen Synods Korrekturvorschläge eingebracht, daraufhin sei das Papier finalisiert und als endgültige Entscheidung der Hierarchie angenommen worden.

Nach einem Bericht von „Orthodox Times“ (der englischsprachigen Ausgabe der Website „Romfea“) wurde bei der Sonder-Bischofsversammlung von einigen Hierarchen scharfe, auch polemische Kritik an der russisch-orthodoxen Kirche geübt. Metropolit Dionysios (Mantalos) von Korinth und Metropolit Panteleimon (Moutafis) von Maroneia hätten geschildert, wie russische Bischöfe, Priester und Mönche unter dem „Vorwand“ einer Pilgerfahrt das Heilige Land besuchen, „aber in der Praxis eine provokative Rolle spielen“. Russische Bischöfe und Priester würden im Heiligen Land immer wieder ohne Erlaubnis des orthodoxen Patriarchen von Jerusalem die Göttliche Liturgie zelebrieren. Diese „Provokationen“ hätten den Patriarchen von Jerusalem veranlasst, in der Frage der ukrainischen Autokephalie still zu bleiben. Der Metropolit von Langadas, Ioannis (Tassias), beklagte laut „Orthodox Times“ Druckausübung durch die russisch-orthodoxe Kirche: „Die Haltung der Russen bestätigt, dass die einst von Stalin lancierte politische Bewegung des Panslawismus auch heute aktiv ist, aber inzwischen andere Mittel verwendet“.

Den Metropoliten von Drama, Paulos (Apostolidis), zitierte „Orthodox Times“ mit der Feststellung, alle Bischöfe der „neuen Gebiete“ (der nordgriechischen Provinzen, die kirchlich offiziell nach wie vor zum Ökumenischen Patriarchat gehören) hätten „de facto“ die neue „Orthodoxe Kirche der Ukraine“ bereits anerkannt. Über diese Frage sei keine Abstimmung in der Sonder-Bischofsversammlung möglich, „weil wir nicht über eine Entscheidung unseres Primas – des Ökumenischen Patriarchen – abstimmen können“.

Laut „Orthodox Times“ stellte Metropolit Hierotheos (Vlachos) von Navpaktos fest, das Moskauer Patriarchat versuche seit einiger Zeit, die Position des Ökumenischen Patriarchats zu untergraben, die Kirche von Griechenland dürfe das nicht ignorieren. Die griechischen Bischöfe hätten nicht das Recht, die Entscheidung des Ökumenischen Patriarchats zu beurteilen, der Ukraine die Autokephalie zu verleihen. Daher sei er gegen eine Abstimmung.