„Stabat Mater“, neues Werk von Arvo Pärt

Der orthodoxe estnische Komponist vereint in seinem neuen Werk „Ost“ und „West“

0
178
Foto: © Estonian Foreign Ministry (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution 2.0 Generic)

Tallinn‑New York, 07.05.20 (poi) Das neueste Werk des estnischen russisch-orthodoxen Komponisten Arvo Pärt – „Stabat Mater“ – ist auf CD erschienen. Die Ausführenden sind Chor und Orchester „Gloriae Dei Cantores“ unter der Leitung von Richard K. Pugsley. „Stabat Mater“ repräsentiert nach Ansicht von Fachleuten ein „beeindruckendes Beispiel“ der Begegnung zwischen orthodoxer Auffassung und klassischem westlichem Training. „Ost“ und „West“ seien vereint in Pärts neuem Werk, so die übereinstimmende Sicht der Fachleute.

Der 1935 in Estland geborene Komponist ist österreichischer Staatsbürger. Bereits als Kind begann Pärt seine  musikalische Erziehung, mit 14 schrieb er erste eigene Kompositionen, später  begann er ein Musikstudium, arbeitete als Tonmeister beim Radio und studierte Komposition. Sein neoklassisches Frühwerk wurde von der Musik Schostakowitschs, Prokofjews und Bartóks beeinflusst. Anschließend experimentierte Pärt mit Schönbergs Zwölftontechnik und dem musikalischen Serialismus. Seine Musik erregte den Unwillen sowjetischer Kulturfunktionäre wegen der nicht als „systemkonform“ angesehenen modernen Komponierweise, vor allem aber  wegen des religiösen Gehalts.

Anfang der 1970er-Jahre trat Pärt der russisch-orthodoxen Kirche bei. In einer langen schöpferischen Pause (1968–1976), in der die 3. Sinfonie (1971) das einzige autorisierte Werk ist, befasste er sich vor allem mit der Gregorianik (Gregorianischer Gesang), der Schule von Notre Dame und der Musik der Renaissance (klassische Vokalpolyphonie). Als Pärt 1976 das Klavierstück „Für Alina“ präsentierte, hatte er in der langen Abgeschiedenheit seinen persönlichen Stil entwickelt, in dem die persönliche Gefühlswelt zugunsten einer dem Asketischen entsprungenen Balance zurücktritt.

Diese neue Sprache, die für diese Epoche seines Lebenswerk bestimmend ist, nannte er Tintinnabuli-Stil. Tintinnabulum (lateinisch) bedeutet Glöckchenspiel. Gemeint ist das „Klingeln“ des Dreiklangs, dessen drei Töne das ganze Stück über mittönen. Das Ziel dieses Stils ist eine Reduktion des Klangmaterials auf das absolut Wesentliche. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion verbrachte er Teile des Jahres in seinem estnischen Landhaus.

Das Festival „Torino Settembre Musica“ ehrte Pärt anlässlich der Olympischen Winterspiele von Turin mit der Auftragskomposition „La Sindone“ (Das Grabtuch), einer Orchesterkomposition auf das Turiner Grabtuch, die am 15. Februar 2006 im Dom von Turin uraufgeführt wurde. Die Aufführung seiner Werke in der Konzertsaison 2006/2007 widmete Arvo Pärt der am 7. Oktober 2006 ermordeten Journalistin Anna Politkowskaja. Am 13. Oktober 2018 wurde das „Arvo Pärt Centre“ im estnischen Laulasmaa eröffnet