„Stabwechsel“ in der „Pro Oriente“-Kommission für den inoffiziellen Dialog mit den orientalisch-orthodoxen Kirchen

Prof. Winkler (Salzburg) übergab den Vorsitz an Prof. Argarate (Graz) – Die 2. Plenarkonferenz der Kommission wird im Oktober 2021 in Wien stattfinden

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Foto ©: Gebro Gabriyel/Syrisch-Orthodoxe Gemeinde Göppingen

Wien, 26.02.20 (poi) „Stabwechsel“ in der „Pro Oriente“-Commission for Ecumenical Encounter between the Catholic Church and the Oriental Orthodox Churches“ (CEE):  Der Salzburger Ostkirchenexperte (und Vorsitzende der Salzburger „Pro Oriente“-Sektion), Prof. Dietmar W. Winkler, übergab beim am Mittwoch zu Ende gegangenen Treffen dieser inoffiziellen Dialogkommission in Wien den CEE-Vorsitz an seinen in Graz lehrenden Kollegen Prof. Pablo Argarate. Die CEE-Kommission wurde im November 2015 begründet, um dem inoffiziellen Dialog zwischen der römisch-katholischen Kirche und den orientalisch-orthodoxen Kirchen neuen Auftrieb zu geben. Dieser Dialog bildete ab 1970/71 einen Hauptakzent der Arbeit von „Pro Oriente“. Bei CEE geht es darum, den offiziellen zwischenkirchlichlichen Dialog zu begleiten und zu unterstützen. Insbesondere werden drei Ziele angestrebt: 1. Reflexion über die Resultate des offiziellen Dialogs, um sie in den Kirchen stärker zu verbreiten, 2. Studium der nichttheologischen Faktoren, die eine Annäherung der Kirchen bremsen, auch im Zusammenhang mit Diaspora, Migration und Integration, 3. Vorbereitung der nachwachsenden Generatíonen für den ökumenischen Dialog. Beim am Mittwoch zu Ende gegangenen Treffen ging es um die Vorbereitung der 2. CEE-Plenarkonferenz. Diese Konferenz wird im Oktober 2021 in Wien stattfinden, wobei die „Rezeption“ der ökumenischen Vereinbarungen in allen Bereichen des kirchlichen Lebens im Mittelpunkt stehen wird.

Prof. Argarate lehrt seit 2011 an der Katholisch-Theologischen Fakultät Graz. Er ist Vorstand des Instituts für Ökumenische Theologie, Ostkirchliche Orthodoxie und Patrologie der Grazer Theologischen Fakultät, im  Verein „Pro Oriente“ (Gesellschaft zur wissenschaftlichen Erforschung der ökumenischen Beziehungen)g gehört er dem Vorstand an.  Prof. Argarate studierte im argentinischen Cordoba und in Buenos Aires. Er war nach Abschluss des Studiums zunächst Dozent für Patristik, Liturgie und Philosophie an den Theologischen Seminaren der Diözesen Córdoba, Moron und Zarate. 1997 erwarb er den Doktorgrad mit der Arbeit „Die Dynamik des auf Einheit ausgerichteten Seins bei Maximus Confessor“. Er wurde Wissenschaftlicher Mitarbeiter für Kirchengeschichte und Patrologie an der Theologischen Fakultät Paderborn (1999–2001). Von 2002 bis 2003 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter für Liturgiewissenschaft der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Tübingen, wo er 2003 mit der Arbeit „Der Heilige Geist bei Symeon, dem Neuen Theologen“ promovierte. In Kanada war er von 2003 bis 2011 als Professor für Patristik und Historische Theologie an der Faculty of Theology St. Michael’s College, University of Toronto, tätig. Von 2007 bis 2011 war er Vorstand des „Eastern Christian Studies Program“.

Er forscht zu der Geschichte und Evolution der Lehre vom Heiligen Geist im frühen Christentum, setzt sich mit dem vielfältigen Christentum im Nahen Osten (insbesondere in Syrien/Palästina) auseinander, auch mit der gegenwärtigen Situation im Spannungsfeld von Christentum, Islam und Judentum. Sein Forschungsinteresse gilt ebenso den Sprachen und Kulturen des christlichen Ostens (Armenien, Syrien, Äthiopien und Ägypten) und dem Vergleich der unterschiedlichen asketischen und mystischen Traditionen (lateinisch, byzantinisch, armenisch, koptisch, äthiopisch und syrisch) in der Patristik und den Kirchen des Ostens. Auch analysiert er Bedeutung und Rezeption der Panorthodoxen Synode von Kreta 2016.

Am jüngsten CEE-Treffen in Wien nahmen mit den Repräsentanten von „Pro Oriente“ (unter ihnen auch P. Frans Bouwen aus Jerusalem) Vertreter aller orientalisch-orthodoxen Kirchen teil. Besonders herzlich wurde als Vertreter der koptisch-orthodoxen Kirche Bischof  Angelos begrüßt.  Bei CEE ist Bischof Angelos der Nachfolger des 2018 ermordeten Bischofs Epiphanios, der Abt des St. Makarios-Klosters war. Bischof Epiphanios hatte durch seine offene und bescheidene Art in der CEE-Kommission viele Sympathien gewonnen. Als er die Nachricht von der Ermordung des Bischofs erhielt, sagte Prof. Winkler, Anba Epiphanios sei als „ökumenisch offener, theologisch weitsichtiger, zugleich tief in seiner koptischen Spiritualität verwurzelter Bischof eine Hoffnung für den Dialog gewesen“.  Die syrisch-orthodoxe Kirche wurde jetzt in Wien durch den Metropoliten der Niederlande, Mor Polycarpos Aydin, vertreten, die armenisch-apostolische Kirche durch Bischof Armash Nalbandian, die indisch-orthodoxe Kirche durch den Theologen Prof. Baby Varghese und die äthiopisch-orthodoxe Kirche durch den Sekretär des Patriarchen für ökumenische Fragen, P. Daniel Seifemihael. Als Beobachter nahmen P. Hyacinthe Destivelle vom Päpstlichen Rat für die Einheit der Christen und Prof. Aho Shemunkasho von der Universität Salzburg teil.

Für „Pro Oriente“ ist die Fortführung des inoffiziellen Dialogs mit den orientalisch-orthodoxen Kirchen von großer Bedeutung. Bereits am Anfang der Tätigkeit der von Kardinal Franz König begründeten Stiftung spielte dieser Dialog eine wichtige Rolle. Insbesondere die fünf „Wiener Konsultationen“ (1971, 1973, 1976, 1978, 1988) führten zu einer Annäherung zwischen katholischer Kirche und orientalisch-orthodoxer Kirchenfamilie mit Auswirkungen auf Weltebene. Eine besondere Rolle kam der bei der Konsultation von 1971 entwickelten „Wiener Christologischen Formel“ zu, die vielen gemeinsamen Erklärungen von Päpsten und Patriarchen als Basis diente. Durch die Überwindung von terminologischen und kulturell-politisch bedingten Missverständnissen konnte der Versöhnung zwischen römisch-katholischer Kirche und orientalisch-orthodoxen Kirchen ein Weg gebahnt werden. Studienseminare und Regionalsymposien (u.a. im Wadi Natrun, in Kerala und im libanesischen Kaslik) dienten der Weiterarbeit an den Themen der Konsultationen und der Rezeption der Ergebnisse. Von 1988 bis 1997  sorgte ein „Standing Committee“ für die Weiterführung des inoffiziellen Dialogs zwischen römisch-katholischen und orientalisch-orthodoxen Theologen.

Ab 1997 wurde der Dialog aber ausgesetzt; Gründe waren zwischenkirchliche Spannungen, aber auch der Beginn des offiziellen Dialogs zwischen römisch-katholischer Kirche und den orientalisch-orthodoxen Kirchen ab 2004. Mit dem Beginn dieses offiziellen Dialogs gingen manche Verantwortungsträger in den Kirchen davon aus, dass ein inoffizieller Dialog nicht länger von Nöten sei. „Dass dem nicht so ist, zeigt der zaghafte Fortschritt des offiziellen Dialogs. Auch wenn die Vertrauensbasis und das Klima unter den teilnehmenden Kirchen an diesem offiziellen Dialog ausgesprochen positiv ist, so wird dennoch kein wirklicher Neuansatz gewagt, vielmehr werden Ergebnisse der 1970er- und 1980er-Jahre  wiederholt und gefestigt. Gerade hier bedarf es der effektiven Unterstützung seitens eines wagemutigen inoffiziellen Dialogs“, betont Prof. Winkler. Mit der CEE-Kommission möchte „Pro Oriente“„frischen Ideen und einem jugendlichen Geist“ Raum schaffen.)Die CEE-Mitglieder agieren – wie es seit Beginn des inoffiziellen Dialogs 1970/71 üblich war – in ihrer persönlichen Verantwortung als Theologen in der spirituellen und intellektuellen Tradition ihrer Kirchen, ohne offiziellen Auftrag ihrer kirchlichen Autoritäten. Es wird aber vorausgesetzt, dass sie ihre kompetenten kirchlichen Autoritäten umfassend informieren.