Syrien: 9. Jahrestag des Ausbruchs des Krieges

Christliche Organisationen fordern „sofortige Einstellung“ aller Feindseligkeiten – Jesuiten, Malteser, Maristen appellieren an die Weltöffentlichkeit

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Foto: © Marti McFly (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution 2.0 Generic)

Damaskus, 19.03.20 (poi) Der Jesuiten-Flüchtlingsdienst (JRS) hat zum 9. Jahrestag des Ausbruchs des Krieges in Syrien dazu aufgerufen, „sofort sämtliche Feindseligkeiten einzustellen und die Zivilbevölkerung zu schützen“.  Die Jesuiten seien „zutiefst besorgt über die neuen Feindseligkeiten in Syrien und die Auswirkungen, die dies auf die Menschen haben wird“,  heißt in einer Presseerklärung des JRS. Die Jesuiten appellieren an die politischen Entscheidungsträger, „die Auswirkungen der Entscheidungen auf das syrische Volk, das bereits so lange gelitten hat, zu bedenken“. Zugleich ruft der Jesuiten-Flüchtlingsdienst alle Menschen guten Willens auf, „sich an der Arbeit für Frieden und Versöhnung in Syrien zu beteiligen“.

Der Jesuiten-Flüchtlingsdienst ist seit 2011 in Syrien und dem Nahen Osten aktiv, um Flüchtlingen in Not zu helfen. „Wir werden die Flüchtlinge aus der Region weiter begleiten, etwa mit psycho-sozialen Diensten, Ausbildungsmöglichkeiten, Anleitung zur eigenen Sicherung des Lebensunterhalts und Nothilfe“, kündigten die Jesuiten an.

Im Syrien-Krieg sind zwei bedeutende Jesuiten getötet worden oder verschwunden.  P. Frans van der Lugt lebte seit 1966 in Syrien und engagierte sich in vielen Hilfsprojekten. In Homs gründete er in den 1980er-Jahren ein Landwirtschaftsprojekt „Al Ard“ (Die Erde) für geistig Behinderte. Er galt als Vermittler zwischen Rebellen und der syrischen Regierung. Das Haus der Jesuiten in Homs stellte er flüchtenden Menschen zur Verfügung. Er wurde am 7. April 2014 vor der Ordensniederlassung in Homs offenbar von einem islamistischen „Al Nusra“-Milizionär geschlagen und dann mit zwei Kopfschüssen getötet. P. Paolo Dall’Oglio hatte das verlassene syrisch-katholische Kloster Der Mar Musa al-Habashi (Kloster des Heiligen Moses, des Abessiniers) im syrischen Bergland nicht weit von der libanesischen Grenze revitalisiert und zu einem Ort der christlich-muslimischen Begegnung auf den Spuren des Erzvaters Abraham ausgebaut. Aber dann rollte der von den geopolitischen und ideologischen Interessen diverser Groß- und Mittelmächte befeuerte Syrien-Krieg ab 2011 auch über die karge Berglandschaft hinweg. Pater Dall’Oglio wurde am 29. Juli 2013  in er-Rakka offensichtlich von IS-Terroristen entführt, als er versuchte, zu Gunsten der beiden kurz davor gekidnappten Metropoliten von Aleppo, Mor Gregorios Youhanna Ibrahim und Boulos Yazigi, zu intervenieren. Seither ist er verschwunden.

Auch die vom deutschen Ordenszweig getragene Malteser-Hilfsorganisation „Malteser international“ hat daran erinnert, dass die syrische Bevölkerung das Ende des Krieges erhofft, die Rückkehr in die eigenen Häuser und die Möglichkeit, ein normales Leben zu führen. Janine Lietmeyer, die Verantwortliche des Nahostprogramms von „Malteser international“, betonte, dass sich die Krise auf andere Länder ausgedehnt hat und „die ganze Region vor deprimierenden Perspektiven für die Zukunft“ steht. Es gehe heute in Syrien nicht nur um materielle Hilfe, sondern um die „Wiederentdeckung der Humanität“. Jene Menschen in Syrien, die sich trotz aller Widerstände entschlossen für Frieden und Versöhnung einsetzen, müssten stärker unterstützt werden, vor allem die „humanitären Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter“. Viele von ihnen seien selbst  Überlebende, Binnenvertriebene oder Angehörigen von verfolgten ethnischen Gruppen. „Malteser international“ bemüht sich auch um die Hilfe für die Menschen in der Region Idlib, wo die aus verschiedenen syrischen Provinzen vertriebenen islamistischen Kämpfer, “aber auch deren Familienangehörige“, konzentriert sind.

Der Aleppiner Maristenpater Georges Sabe stellte im Gespräch mit der italienischen katholischen Nachrichtenagentur „AsiaNews“ die Frage, warum die die europäischen Regierungen die Dschihadisten als „Terroristen“ betrachten, wenn sie in ein europäisches Land kommen, aber von „humanitärer Krise“ sprechen, wenn „die syrische Regierung versucht, den Terrorismus im Land zu eliminieren“. Wenn Papst Franziskus von den „Vergessenen“ spreche, müsse man auch an die tausenden von Familien von Inlandsvertriebenen in Syrien denken und an die vielen christlichen und muslimischen Familien, denen von den Dschihadisten in Idlib ein Leben in Würde vorenthalten wird. Wenn man sich an den „schrecklichen 15. März 2011“ erinnere (an dem der Syrien-Krieg begann), müsse man zugleich feststellen, dass der Krieg noch immer nicht beendet sei.

P. Sabe erinnerte aber auch an das „ungerechte Embargo“, das die Menschen in Syrien nach wie vor in ihrem Alltag treffe, „die Ärmsten unter den Armen“ erniedrige und das syrische Volk in ein „Volk von Bettlern“ verwandle. Umso wichtiger sei es, dass die katholische Kirche in den letzten Jahren immer wieder unterschiedslos für alle Opfer des Kriegs eingetreten sei. Auch Präsident Bashar al-Assad habe in letzter Zeit betont, dass die christliche Gemeinschaft ein „Modell der Öffnung und Solidarität, ein Beispiel der Verteidigung der Interessen der Ärmsten“, darstelle.

 

Die Initiative von Erzbischof Jeanbart

Trotz aller Probleme hat der griechisch-katholische melkitische Erzbischof von Aleppo, Jean-Clement Jeanbart, ein Wohnbauprogramm für junge Leute initiiert. „Viele junge Leute gehen ja auch deswegen weg, weil sie nicht heiraten können – sie können sich keine Wohnung leisten“, berichtete Erzbischof Jeanbart im Gespäch mit „Radio Vatikan“: „Mit der Inflation kostet eine Wohnung, die früher zwei oder drei Millionen syrische Pfund wert war, jetzt dreißig Millionen! Und das durchschnittliche Gehalt liegt bei 100.000 Pfund. Also kann sich keiner mehr eine Wohnung leisten“. Dann wurde dem Erzbischof klar, dass der junge Mann aus Aleppo nicht der einzige in dieser Lage war, dass es Hunderte von jungen Leuten wie ihn geben musste, die sich in so einer unmöglichen Lage befanden.

Erzbischof Jeanbart stellte fest, dass seine Erzdiözese Aleppo einige Parzellen an Bauland besaß – und dass es Rücklagen gab. Also habe er ein Wohnungsprogramm für drei Häuser mit insgesamt etwa hundert Appartements angestoßen. Erzbischof Jeanbart: „Im Moment sind wir beim dritten Stock. Ich will jungen Leuten, die heiraten wollen, eine Wohnung zu einem symbolischen Mietpreis überlassen, der nicht höher liegt als 15 oder 20 Prozent ihres Gehalts. Gott sei Dank – das funktioniert“. Der melkitische Erzbischof glaubt fest an sein Projekt: „Mit allem, was wir den jungen Leuten geben können, wenn sie sich einrichten, heiraten und eine Familie haben, brauchen sie doch nicht mehr zu emigrieren. Nächstes Jahr fangen wir an, den jungen Leuten die Wohnungen zur Verfügung zu stellen. Ich bin sehr zufrieden, auch wenn wir dieses Bauland, das viel wert war, dafür geopfert und unsere finanzielle Reserve aufgebraucht haben. Ich bin zufrieden, denn das wird vielen jungen Leuten helfen“.

Aleppo gehörte zu den umkämpften Hotspots des Krieges. Damals sah Erzbischof Jeanbart viele Menschen emigrieren; NGOs – „auch christliche“ – hätten den Menschen bei der Ausreise geholfen, bedauert der melkitische Erzbischof:  „Das hat mich innerlich wirklich aufgebracht! Aber wenn ich damals zu den jungen Leuten gesagt hätte ‚Geht doch bitte nicht weg‘, dann wäre das ein Witz gewesen… Darum habe ich damals das Rückkehr-Projekt initiiert, das ich ‚Aleppo wartet auf euch‘ genannt habe. Wir sind bereit, allen, die zurückkommen wollen, zu helfen und ihnen die Reise zu zahlen. Ich dachte mir: So verstehen sie, dass uns wirklich an ihrer Anwesenheit hier liegt“.

In der Nacht, bevor er sein Rückkehrer-Projekt öffentlich machte, habe er kaum ein Auge zugemacht, berichtet Erzbischof Jeanbart: „Ich sagte mir: Was machst du da – die werden sich über dich lustig machen. Was erzählt uns dieser Bischof Jeanbart da? Der ist ja dumm – alle gehen weg, und er sagt, sie sollen wiederkommen… Dann habe ich gebetet und die Bibel geöffnet; da stieß ich auf die Passage vom wunderbaren Fischfang. Wie die Apostel die ganze Nacht fischen, ohne dass ihnen etwas ins Netz geht. Da habe ich begriffen: Der Herr will, dass ich das Netz auswerfe. Und in den letzten zwei Jahren ist es mir gelungen, 120 Menschen zur Rückkehr zu bewegen“.