Syrien: Im Ringen um Idlib müssen wieder Christen die Zeche bezahlen

Empörung in der orthodoxen Welt über den Feuerüberfall islamistischer Milizionäre auf die von antiochenisch-orthodoxen Christen bewohnte Stadt Al-Suqaylabiyeh – Hilferuf der Franziskaner aus dem Orontes-Tal

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Foto: © Jamen Schahoud at English Wikipedia (Quelle: Wikimedia; Lizenz: GNU Free Documentation License)

Damaskus,  20.05.19 (poi) In den Machtspielen der Welt- und Regionalmächte um die einzige noch in islamistischer Hand befindliche syrische Provinz – Idlib – sind erneut Christen die ersten Opfer. In der orthodoxen Welt hat der Feuerüberfall islamistischer „Hayat Tahrir al-Sham“-Milizionäre auf die unter Regierungskontrolle befindliche Stadt Al-Suqaylabiyeh (das antike Seleucopolis) am 12. Mai besondere Empörung ausgelöst. Die Terroristen zielten auf den Bereich der Peter-Paul-Kirche in der von antiochenisch-orthodoxen Christen bewohnten Stadt, dabei wurden fünf Kinder getötet und mehrere andere schwer verletzt. Die Kinder hatten an der im orthodoxen Bereich üblichen Sonntagsschule teilgenommen und wollten ein wenig im Freien spielen, wie der Ortspfarrer P. Maher Haddad berichtete. Ein weitere Rakete tötete die Sonntagsschul-Lehrerin.

Zahlreiche orthodoxe Spitzenpersönlichkeiten – unter ihnen der Ökumenische Patriarch Bartholomaios I., der alexandrinische Patriarch Theodor II., der bulgarische Patriarch Neofit – richteten Kondolenzschreiben an den antiochenischen Patriarchen Youhanna X. Das Oberhaupt der orthodoxen Kirche von Griechenland, Erzbischof Hieronymos (Liapis) von Athen, schrieb an Youhanna X.; „Wieder sind die tragischen Auswirkungen des Religionshasses zu sehen, der den menschlichen Geist verdunkelt und Tod und Leid verbreitet“. Claire Evans, eine Repräsentantin von „International Christian Concern“, stellte fest: „Der Syrien-Krieg ist ein trauriges Beispiel der blindwütigen Ermordung von Zivilisten und der sinnlosen Gewalttätigkeit. Als sich die Situation in Idlib zuspitzte, haben viele davor gewarnt, dass gezielte Massaker die Folge sein könnten. Das hat nun begonnen, die Christen zahlen einen hohen Preis, weil sie oft als leicht verletzbare Bürger zweiter Klasse angesehen werden. Ihre Städte und Dörfer werden als Schachfiguren in den strategischen Überlegungen der verschiedenen Kriegsfraktionen betrachtet“. Das Gebet müsse den christlichen Gläubigen gelten, die zwischen den Kriegsfronten in Syrien eingekesselt sind.

Auch in den Tagen nach dem verhängnisvollen 12. Mai setzten die Rebellen und Islamisten den Artillerie- und Raketenbeschuss auf Al-Suqaylabiyeh fort. Bereits im Jahr 2014 hatten die islamistischen Milizen von „Jabhat al-Nusra“ und die „Freie Syrische Armee“ (FSA) wiederholt versucht, den Nordwesten der Provinz Hama mit den Städten Al-Suqaylabiyeh und Maharda zu erobern. Junge Christen aus der Region bildeten damals aber eine Verteidigungsmiliz, die die Angriffe abwehren konnte.

Aus dem Gebiet von Idlib sandte jetzt auch der Franziskaner P. Hanna Jallouf, der in dem katholischen Dorf Knayeh im Orontes-Tal ausharrt, einen dringenden Hilferuf. In seinem Hilferuf an die italienische katholische Nachrichtenagentur SIR schrieb der Franziskaner im Hinblick auf die Kämpfe um die Provinz Idlib: „Wir erwarten unsere Befreiung. Die Kämpfe sind kaum 50 Kilometer entfernt und die Spannung ist groß. Wir hoffen, dass die Kämpfe bald vorbei sind und dass wir wieder frei und in Würde leben können“. Mehr als 150.000 Menschen  befänden sich – auch nach Schätzungen der Vereinten Nationen – auf der Flucht. Im Orontes-Tal seien manche Orte bereits wie ausgestorben. In den Franziskanerklöstern der drei nahe beieinander liegenden katholischen Ortschaften im Tal – Knayeh, Yacoubieh und Gidaideh – klopften ständig Flüchtende mit der Bitte um Essen und Trinken an. Diese Menschen hätten alles verloren, viele würden im Freien unter den Bäumen übernachten. Wörtlich sagte P. Jallouf: „Wir tun, was wir mit unseren bescheidenen Möglichkeiten tun können, um den Menschen zu helfen. Aber die Situation wird von Tag zu Tag schlimmer. Wir beten zu Gott, dass er uns bald vom Krieg und von der Gewalt der Terroristen erlöst, die uns verfolgen und uns daran hindern, in Frieden zu leben“.

Die Sicherheitslage in den drei katholischen Dörfern – deren Bewohner seit Jahren die „Jizya“, die Sondersteuer für Nichtmuslime, zahlen müssen – verschlechtere sich ständig, berichtete der Franziskaner am Telefon. Es gebe Gewalt und Diebstahl. Die Milizionäre – unter ihnen viele Ausländer – würden seit Monaten keinen Sold mehr bekommen und sich daher auf das Plündern vor allem in den Häusern der Christen verlegen. Zuerst hätten sie sich der Olivenernte bemächtigt, dann der Zwetschkenernte. „Sie plündern bei den Christen, weil wir uns nicht verteidigen können, weil wir uns an keinen Richter wenden und keinen Schadenersatz verlangen können. Hier gilt die Scharia und wir Christen haben keine Stimme“, so P. Jallouf.

In einem weiteren Hilferuf an die Franziskaner-Kustodie des Heiligen Landes formulierte P. Jallouf: „Wir leben auf Messers Schneide. Aber wir bleiben hier, denn es ist unsere Aufgabe, die Hoffnung Jesu den Menschen hier im Tal zu bringen. Und diese Aufgabe werden wir bis zum Ende erfüllen“.