Syrisch-orthodoxer Patriarch: „Unsere Schreie wurden nicht gehört“

Pastoralreise durch Guatemala

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Foto ©: Garzo (Quelle: Wikimedia, Lizenz: Creative Commons CC0 1.0 Universal Public Domain Dedication)

Vor seiner Reise nach Budapest hatte Mor Ignatios Aphrem II. Karim seine erste Pastoralreise nach Guatemala (mit Abstechern nach Texas und El Salvador) absolviert. In Zentralamerika ist in den letzten Jahren ein neues großes syrisch-orthodoxes Kirchengebiet entstanden. Die Gläubigen sind Konvertiten aus der römisch-katholischen Kirche, aber auch aus den evangelikalen Gemeinden, die mit Unterstützung aus den USA in dem lateinamerikanischen Land entstanden waren. Die Zahl der syrisch-orthodoxen Neuchristen wird mit mehr als einer Million angegeben. Oberhaupt des Patriarchalvikariats von Guatemala ist Erzbischof Mor Yacoub Eduardo Aguirre Oestman.  Er wurde im März 2013 vom damaligen syrisch-orthodoxen Patriarchen Mor Ignatios Zakka I. Iwas im Jakobskloster in Bikfaya bei Beirut zum Bischof geweiht.

Die Pastoralreise des syrisch-orthodoxen Patriarchen in Guatemala begann am 5. November, zuvor hatte er noch am 2. November im texanischen Houston die Marienpfarre besucht, ein Zentrum der syrisch-orthodoxen Migranten aus dem indischen Bundesstaat Kerala. Am 6. November war der Patriarch in Ciudad de Guatemala Gast der Politik; zu seinen Ehren fand im Nationalpalast ein Konzert statt, bei dem das Präsidentenorchester mit dem Nationalinstrument Marimba klassische und Folklore-Musik zu Gehör brachte. Am 7. November begann der Patriarch dann seine Rundreise in Chisec. In seiner Predigt würdigte Mor Ignatios Aphrem II. Karim die Loyalität der syrisch-orthodoxen Christen Guatemalas zum Patriarchensitz von Antiochien. Sie sei mit der Treue der Vorfahren im Nahen Osten zu vergleichen, die von Generation zu Generation den orthodoxen Glauben weitergegeben hätten.

Eine wichtige Station der „Apostolischen Reise“ des Patriarchen war am 13. November Chel, ein Ort im  Department El Quiche. Die Leiden des jahrzehntelangen Bürgerkriegs waren in El Quiche besonders hart. Der Patriarch erinnerte daher in seiner Predigt daran, dass Jesus Christus selbst Hunger, Durst, Verfolgung und Tod erlitten habe. Mor Ignatios Aphrem II. Karim zog eine Parallele zwischen den Leiden des guatemaltekischen Volkes im Bürgerkrieg der Jahre 1960 bis 1996 und der Christen der syrischen Tradition durch das jungtürkische „Komitee für Einheit und Fortschritt“ (Ittihad ve Terakki) und dann die Kemalisten in den Jahren 1915 bis 1923. Damals seien im „Sayfo“ 500.000 Christen der syrischen Tradition ermordet worden, weil sie dem Glauben an Christus treu geblieben waren. Wörtlich sagte der Patriarch: “Während des ‚Sayfo‘ weigerten sich die Christen im Osmanischen Reich, Christus zu verleugnen, ganz so, wie es die Märtyrer von Chajul im Department El Quiche taten, die sich während der Verfolgung im Zug des Bürgerkriegs weigerten, den Glauben aufzugeben und lieber ihr Leben hingaben“. Nach der Predigt weihte der Patriarch einen Gedenkstein, der sowohl an die Opfer des „Sayfo“ als auch an die des guatemaltekischen Bürgerkriegs erinnert.

In Santiago Atitlan zelebrierte der Patriarch am 14. November in einer öffentlichen Schule. Mor Ignatios Aphrem II. Karim brachte seine Freude über die neue Präsenz der syrisch-orthodoxen Kirche in Guatemala zum Ausdruck, auch wenn die zahlenmäßige Präsenz noch gering sei: „Fürchte dich nicht, du kleine Herde“. Entscheidend sei, in der Bibel zu lesen, die Gebote zu befolgen und ständig zu beten.

Am 15. November zelebrierte der Patriarch in Ahuachapan im guatemaltekischen Nachbarland El Salvador die Heilige Liturgie. Mor Ignatios Aphrem II. Karim sagte dort in seiner Predigt, durch den herzlichen Empfang habe er sich in der kleinen Stadt „wie zu Hause“ gefühlt.  Er erinnerte daran, dass die Bekenner Jesu Christi zum ersten Mal in Antiochien Christen genannt worden seien. Unter den Gläubigen der Kirche von Antiochien habe es von Anfang an Menschen unterschiedlicher Rassen und Kulturen gegeben, verschiedene Sprachen seien gesprochen worden. Auf diesem Hintergrund habe die Kirche von Antiochien immer „katholisch“ (im Sinn von allumfassend) und „universal“ gefühlt. Daher hätten auch die Glaubensboten aus Antiochien in der ganzen Welt gepredigt.

Der Patriarch unterstrich die Verpflichtung zum ökumenischen Miteinander: „Wir sollen die Reichtümer unseres spirituellen Erbes teilen und uns gemeinsam den Herausforderungen der modernen Welt auf unserem Weg stellen“. In diesem Zusammenhang erinnerte Mor Ignatios Aphrem II. Karim daran, dass Verfolgung ein „Zeichen der wahren Kirche“ sei, im Nahen Osten lebe die Kirche inmitten von Krieg und Gewalt, sie sei dort immer der Verfolgung ausgesetzt gewesen. Trotzdem wachse der Glaube, die Christen stünden treu zur Kirche und zur Lehre der Vorväter. In seiner Predigt erinnerte der Patriarch an die Drangsale, die das Volk von El Salvador während des jahrzehntelangen Bürgerkrieges zu erdulden hatte und betonte, dass er für die zentralamerikanische Republik, ihre Bürger und ihre Regierung bete.

In San Juan Comalapa – heute ein Zentrum der syrisch-orthodoxen Bewegung – weihte der syrisch-orthodoxe Patriarch am 16. November eine neuerbaute Basilika. In der Basilika und um sie herum hatten sich nach Schätzungen 15.000 Gläubige versammelt. Das barocke Städtchen hat in der Geschichte Guatemalas besondere Bedeutung, weil dort im 18. Jahrhundert die Franziskaner eine besonders nachhaltige Methode der flächendeckenden Evangelisierung entwickelten. Im 20. Jahrhundert wurde Comalapa durch das Wirken des Malers Andres Curruchich Cumez (1891-1969) aus dem Maya-Volk der Caqchiquel zu einem Zentrum der „naiven Malerei“ in dem zentralamerikanischen Land.

„Botschafter des Friedens“

Während seiner Pastoralreise traf der syrisch-orthodoxe Patriarch auch mit politischen Persönlichkeiten zusammen. Im Nationalpalast in Ciudad de Guatemala gab es am 6. November – zum Auftakt der Pastoralreise – eine Begegnung mit dem Präsidenten des Landes, Jimmy Morales. Mor Ignatios Aphrem II. Karim  betonte im Gespräch mit dem Präsidenten, dass seine Kirche im 1. Jahrtausend und bis ins 2. Jahrtausend hinein in weiten Teilen Asiens das Evangelium verkündet hatte, heute habe der Dienst der syrisch-orthodoxen Kirche wieder universalen Charakter. Trotz aller Verfolgungen sei die Kirche in ihrer Geschichte imnmer dem „Glauben der Apostel“ treu geblieben. Präsident Morales würdigte seinerseits das Engagement des syrisch-orthodoxen Patriarchen für den Frieden in aller Welt.

Ebenfalls am 6. November wurde der Patriarch vom guatemaltekischen Kulturminister Jesus Suchite als „Botschafter des Friedens“ gewürdigt. In einer eindrucksvollen Zeremonie auf dem Friedensplatz überreichte der Minister dem Patriarchen eine „Friedensrose“, die dieser „für den Frieden im Nahen Osten“ am Friedensdenkmal niederlegte.  Der Kulturminister erläuterte, dass sich Guatemala nach den Jahrzehnten des Bürgerkriegs um die Entwicklung einer Kultur des Friedens bemühe. Die „Friedensrose“ sei ein Zeichen, das „außergewöhnlichen Persönlichkeiten“ übergeben werde, die sich für den Frieden einsetzen. Mor Ignatios Aphrem II. Karim sei die „Friedensrose“ im Hinblick auf seine „aktive Verteidigung der verfolgten Christen im Nahen Osten“ und seinen weltweiten Einsatz als „Botschafter des Friedens“ zuerkannt worden. Der Patriarch betonte in seiner Dankesrede, er sei berührt von der Solidarität des guatemaltekischen Volkes mit den leidenden Menschen des Nahen Ostens. Auch im Dialog mit dem Minister unterstrich der Patriarch die „Parallelen der Verfolgung zwischen Guatemala und dem Nahen Osten“. Die „Gleichgültigkeit gewisser Mächte“ gegenüber den Verfolgungen sei „der schlimmste Gegner des Friedens“.

Bei einer Begegnung mit dem Vizebürgermeister von Ciudad de Guatemala, Luis Pineda, betonte Mor Ignatios Aphrem II. Karim die gegenseitige Verbundenheit, „obwohl wir heute aus unterschiedlichen Ländern mit verschiedenen Kulturen“ kommen. Guatemala und der Nahe Osten seien aber im Blick auf zwei große Zivilisationen der Vergangenheit – die Maya-Zivilisation und die mesopotamisch-syrische Zivilisation – verbunden. Es gebe auch das gemeinsame Ziel des Kampfes gegen die Ungerechtigkeit und des Einsatzes für die Förderung des Friedens. Es gehe darum, die Kultur der Nächstenliebe und Toleranz mit allen zu teilen. Luis Pineda betonte seinerseits seine Freude, dass „der Primas der ältesten Kirche, die nach wie vor die Sprache Jesu gebraucht“, nach Guatemala gekommen sei.

Am 16. November traf der Patriarch mit der Bürgermeisterin der historisch bedeutsamen Barockstadt Guatemala la Antigua, Susana Ascension, zusammen. Mor Ignatios Aphrem II. Karim verwies auch bei dieser Begegnung auf die Ähnlichkeiten in der Mentalität zwischen dem Volk von Guatemala und den Völkern des Nahen Ostens. Hier wie dort würden die Prinzipien der Freiheit und der menschlichen Würde hochgehalten, im 20. Jahrhundert seien auch die politischen und sozio-ökonomischen Umweltbedingungen in Guatemala und im Nahen Osten sehr ähnlich gewesen. Er hoffe, dass das Zeugnis der Märtyrer da wie dort zum Segen für die Völker und für die Sicherheit, den Frieden, die Stabilität und Entwicklung in diesen Ländern werden möge. Am 18. November war Mor Ignatios Aphrem II. Gast des Gouverneurs der Provinz Peten, Victor Manuel Ziguensa.

Der Patriarch von Antiochien wurde auf seiner Pastoralreise von einer Delegation begleitet, der u.a. Erzbischof Mor Yacoub Eduardo Aguirre, der Patriarchalvikar für die westlichen USA, Mor Clemis Eugene Kaplan, der Patriarchalvikar für die östlichen USA, Mor Dionysios John Kawak, und der Erzbischof von Homs, Hama und Tartous, Mor Silvanos Boutros Al-Nehmeh, angehörten.

Komplexe Vorgeschichte

Die Präsenz der syrisch-orthodoxen Kirche in Guatemala hat eine komplexe Vorgeschichte. Der jetzige syrisch-orthodoxe Erzbischof Mor Yacoub Eduardo Aguirre Oestman (damals noch ein katholischer Monsignore) gründete um die Jahrtausendwende eine von der „Charismatischen Erneuerung“ inspirierte apostolische Bewegung, die zunächst den Namen „Comunion Santa Maria del Nuevo Exodo“ trug. Es kam zu Auseinandersetzungen mit den kirchlichen Behörden, 2006 wurde Aguirre Oestman exkommuniziert. 2007 erhielt er von einem (nicht anerkannten) Bischof  der sogenannten „katholisch-apostolischen Kirche Brasiliens“ die Bischofsweihe. Die Bewegung war mittlerweile sehr angewachsen und Aguirre Oestman suchte Anschluss an eine „offizielle“ Kirche. So kam es zu ersten Kontakten mit der syrisch-orthodoxen Kirche, die zu einem intensiven theologischen Dialog führten, bis schließlich Aguirre Oestman und die Gläubigen seiner Bewegung in das Patriarchat von Antiochien aufgenommen wurden.

Für die Ausbreitung der Bewegung Aguirre Oestmans werden mehrere Faktoren genannt, die eng mit der Geschichte des Landes zusammenhängen. Für die Evangelisierung Guatemalas in der Kolonialzeit war eine starke Beteiligung der Laien charakteristisch, die „Cofradias“ (religiöse Bruderschaften) hatten außerordentliche Bedeutung. Zum Unterschied von anderen Teilen Lateinamerikas entwickelte sich in Guatemala in der Kolonialzeit eine zutiefst katholisch geprägte einheimische Kultur, die sich der Sprachen der Mayas bediente. 1873 löste der neugewählte liberale Präsident Justo Rufino Barrios Auyon eine der schärfsten bürgerlich-antiklerikalen Kirchenverfolgungen in Lateinamerika aus (vergleichbar nur mit Ecuador, Uruguay und später Mexiko), in deren Rahmen ua. sämtliche Klöster aufgelöst wurden. Die fromme Maya-Bevölkerung empfand dies als Bruch mit der Geschichte. Ein zweiter Bruch ereignete sich nach dem Sturz des reformorientierten Präsidenten Jacobo Arbenz Guzman 1954. Es kam zu Auseinandersetzungen, die 1960 in den Bürgerkrieg mündeten. Die katholische Kirche hatte in den 1940er- und 1950er-Jahren – in Weiterführung der Laien-Tradition des Landes – ein dichtes Netz von Sprengelgemeinden aufgebaut; viele in diesen Gemeinden engagierte Laien wurden zu Opfern des Bürgerkriegs. Seither hätten sich viele Menschen in den Weilern und kleinen Dörfern „verlassen“ gefühlt, sie suchten Zuflucht in der Bewegung von Aguirre Oestman. Dass die bürgerlich-liberalen Kräfte des Landes seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Maya-Bevölkerung marginalisiert hatten, dürfte ebenfalls zum Erfolg der Bewegung von Aguirre Oestman beigetragen haben. (ende)