Syrischer Bischof: Ohne Demokratie keine Zukunft für den Nahen Osten

Armenisch-apostolischer Bischof von Damaskus, Armash Nalbandian, berichtet bei Online-Vortrag über aktuelle Situation der Christinnen und Christen in Syrien

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Foto: © Gianfranco Gazzetti/Gruppo Archeologico Romano (Quelle: Wikimedia, Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International)
Graz/Damaskus, 19.05.21 (poi) Ohne Demokratisierungsschub wird es für die Christinnen und Christen im Nahen Osten keine Zukunft geben; in weiterer Konsequenz dann aber auch nicht für die muslimische Mehrheitsgesellschaft. Davon hat sich der armenisch-apostolische Bischof von Damaskus, Armash Nalbandian, überzeugt gezeigt. „Die Christen sind gefangen zwischen Autokratie und Extremismus“, so der Bischof wörtlich bei einem Online-Vortrag am Dienstagabend, den er auf Einladung der Grazer PRO ORIENTE-Sektion und des Instituts für Ökumenische Theologie, Ostkirchliche Orthodoxie und Patrologie der Theologischen Fakultät der Universität Graz hielt. Es brauche ein Gesellschaftsmodell, das die grundlegenden Menschenrechte respektiert und zugleich ethnische und religiöse Unterschiede schützt bzw. garantiert, forderte Nalbandian und er fügte hinzu: „Demokratie und Pluralismus sind ein Bollwerk gegen jede Form von Extremismus.“ Die Christinnen und Christen seien integraler Bestandteil des Nahen Osten, viele Errungenschaften in den Bereichen der Bildung, der Medizin, der Kultur oder auch im sozialen Bereich seien auf sie zurückzuführen. Christen seien auch maßgeblich an der Entstehung der arabischen Nationalstaaten beteiligt gewesen, und trotzdem seien sie in der Regel immer noch Bürger zweiter Klasse, kritisierte der Bischof. Es dürfe künftig im Nahen Osten nur mehr gleiche Bürgerinnen und Bürger mit gleichen Rechten und Pflichten geben, unabhängig von religiöser oder ethnischer Zugehörigkeit. Gerade für den Orient sei die Zusammenarbeit der drei monotheistischen Religionen Christentum, Judentum und Islam essenziell, zeigte sich Bischof Armash überzeugt. Er sprach von gemeinsamen Wurzeln und Werten. Zur Zusammenarbeit gebe es keine Alternative. Der Bischof beklagte den Exodus unzähliger Christinnen und Christen, die in den vergangenen Jahrzehnten ihre Heimat Richtung Westen verlassen hatten. Und eindringlich nahm er auch die christliche Diaspora in die Pflicht. Diese dürfe die Kirche in ihren Herkunftsländern nicht im Stich lassen. Freilich seien auch die westlichen Kirchen gefordert, ihren Glaubensgeschwistern tatkräftig beizustehen. Die Kirchen im Westen sollten auch auf die jeweiligen Regierungen einwirken, damit die westliche Nahostpolitik sich endlich als glaubwürdig und verlässlich erweise, so Bischof Armash. Die westlichen Kirchen könnten aber etwa auch Stipendien für junge Syrerinnen und Syrer übernehmen, damit diese im Westen eine gute Ausbildung erhalten. Diese jungen Menschen seien dann in Folge beim Wiederaufbau ihres Landes dringend vonnöten. Der armenisch-apostolische Bischof nahm auch die Kirchen vor Ort in Syrien in die Pflicht. Zum einen brauche es noch mehr Zusammenarbeit unter den Kirchen, zum anderen müsse der Dialog mit dem Islam vertieft werden. Der interreligiöse Dialog bzw. die Präsenz der Christinnen und Christen vor Ort im Orient seien auch die einzigen Garanten dafür, dass ein weiteres Aufkommen radikaler Islamisten verhindert werden könne.

Die Folgen des Krieges

„40 bis 50 Prozent der Christen haben im Krieg in Syrien ihr Zuhause verloren“, berichtete Bischof Nalbandian weiter. Mehr als 100 Kirchen und 300 kirchliche Einrichtungen seien zerstört worden, daneben aber auch rund 1.800 Moscheen. Die Zahl der verbliebenen Christinnen und Christen in Syrien setzte der Bischof mit immer noch bis zu zehn Prozent der Gesamtbevölkerung eher hoch an. Verlässliche Zahlen gebe es freilich nicht, räumte Nalbandidan ein. Genauere Angaben konnte der Bischof zu den armenischen Christinnen und Christen machen. Vor dem Krieg seien es noch gut 100.000 in Syrien gewesen. Im Krieg hatte die armenische Kirche bisher mehr als 200 Tote zu beklagen, rund 450 Verletzte und 120 Entführte, von denen zwei sicher getötet worden seien und sechs vermisst würden. 17 Kirchen und 19 Schulen seien zerstört bzw. beschädigt worden, 3.300 Geschäfte und Werkstätten armenischer Christinnen und Christen seien zerstört und/oder geplündert worden. Auch in Summe mehr als 2.000 Wohnhäuser seien zerstört oder beschädigt worden. Acht armenische Kulturzentren und 15 weitere Einrichtungen wie Waisenhäuser oder Altenheime seien ebenfalls zerstört worden.

Der Bischof wies auch darauf hin, dass die armenischen Christinnen und Christen nach dem Genozid im Osmanischen Reich in Syrien eine neue Heimat gefunden hätten. Bei allen politischen Einschränkungen hätten sie doch ihr religiöses wie kulturelles Leben frei entfalten können. Er wolle die Hoffnung auf ein Syrien, in dem alle Bürgerinnen und Bürger in Frieden und Sicherheit miteinander leben könnten, nicht aufgeben.

In Armenien und Deutschland ausgebildet

Bischof Nalbandian wurde 1973 in Aleppo geboren. 1987 begann er seine kirchliche Ausbildung am Theologischen Seminar der Armenisch-apostolischen Kirche in Etschmiadzin nahe der armenischen Hauptstadt Jerevan. Mitte der 1990er-Jahre ging er nach Deutschland, wo er als Seelsorger wirkte und seine Studien fortsetzte. Als Stipendiat des Diakonischen Werkes studierte er evangelische Theologie in Erlangen und katholische Theologie in Tübingen. 1998 wurde er zum Mönchspriester geweiht. 2004 ging Nalbandian zurück nach Syrien, 2006 wurde er zum Bischof geweiht. Er residiert in Damaskus.
Bischof Nalbandian ist der Stiftung PRO ORIENTE seit vielen Jahren eng verbunden und immer wieder zu Besuch in Österreich. So ist er etwa Mitglied der „PRO ORIENTE-Commission for Ecumenical Encounter between the Catholic Church and the Oriental Orthodox Churches“ (CEE), in der Vertreter der orientalisch-orthodoxen Kirchen und der katholischen Kirche zusammenarbeiten.