Syrisches Parlament erkennt osmanischen Völkermord an Armeniern und anderen Christen an

Syrien war mehrfach betroffen – Die Konzentrationslager in den syrischen Städten Ras-al-Ain und Der-ez-Zor waren während des Ersten Weltkriegs Ziele der Todesmärsche von armenischen Deportierten

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Völkermord an den Armeniern 1915

Damaskus, 14.02.20 (poi) Das  syrische Parlament hat am 13. Februar einstimmig eine Resolution verabschiedet, in der die Massaker an Armeniern und anderen Christen im Osmanischen Reich ab 1915 als „Völkermord“ anerkannt werden. Wörtlich heißt es in der Resolution: „Das syrische Parlament erkennt und verurteilt den Völkermord an den Armeniern (und anderen Christen) durch den osmanischen Staat zu Beginn des 20. Jahrhunderts“. Mit der Abstimmung vom Donnerstag erkennt Syrien als erstes arabisches Land offiziell und auf höchster institutioneller Ebene den Völkermord und die systematischen Verfolgungen an, die ab 1915 von der osmanischen Staatsmacht gegen die Armenier (und andere Christen) inszeniert wurden. Der Resolution waren wochenlange Spannungen zwischen Ankara und Damaskus nach den Zusammenstößen in der nordwestlichen syrischen Provinz Idlib vorausgegangen, wo die syrische Regierungsarmee die letzten noch von islamistischen Milizen kontrollierten Gebiete belagert. Auf die Anerkennung des Völkermords an den Armeniern durch Syrien folgte eine sofortige offizielle Reaktion der Türkei: Hamy Aksoy, ein Sprecher des türkischen Außenministeriums, verurteilte in einer Erklärung die syrische Resolution über den „sogenannten Völkermord“ und bezeichnet sie als „das Bild der Heuchelei eines Regimes, das seit Jahren jede Art von Massaker an seinem eigenen Volk, einschließlich der Kinder, unterstützt; ein Regime, das Millionen seiner Landsleute zur Flucht veranlasste und für seine Skrupellosigkeit beim Einsatz chemischer Waffen bekannt ist“.

Am 4. März 2015 hatte das syrische Parlament dem Völkermord an den Armeniern bereits eine „Gedenkstunde“ gewidmet. An der Initiative, die insbesondere von der syrischen christlichen Abgeordneten Maria Saadeh gefördert wurde, nahmen Mitglieder der parlamentarischen Ausschüsse und der Botschafter der Republik Armenien in Syrien, Arshak Poladyan, teil, der in seiner Rede daran erinnerte, wie am Ende des Ersten Weltkriegs armenische Flüchtlinge in Syrien aufgenommen wurden. Der syrische Präsident Bashar Assad richtete im Mai des Vorjahrs einen Appell an die syrischen Armenier, die während des seit 2011 andauernden Konflikts in Syrien aus dem Land geflohen sind und im Libanon, in Armenien oder anderen Ländern des Nahen Ostens und des Westens Zuflucht gesucht haben und lud sie ein, nach Syrien zurückzukehren und ihre zerstörten Häuser wieder aufzubauen. Diese Einladung zur Rückkehr armenischer Flüchtlinge wurde von Assad bei seinem Treffen mit dem (im Libanon residierenden) armenisch-apostolischen Katholikos von Kilikien, Aram I., am 14. Mai 2019 in Damaskus ausgesprochen. Bei dieser Gelegenheit berichteten syrische Medien auch von der Würdigung des „patriotischen Geists“ der armenischen Syrer durch den Präsidenten. Assad bezeichnete die syrischen Armenier als „vorbildliche Bürger“ und lobte den Beitrag, den Armenier zum Schutz der nationalen Einheit angesichts der „von Welt- und Regionalmächten versuchten Zerstückelung des Landes“ geleistet hätten. Dabei verglich er die Brutalität dieser „terroristischen Barbarei“ mit den Massakern, die vom jungtürkischen Regime der Bewegung „Einheit und Fortschritt“ (Ittihad ve Terakki) ab 1915 gegen das armenische Volk begangen wurden.

Die Kampagne gegen die Armenier, die Christen der syrischen Tradition und die Griechen erfolgte auf Grund von Beschlüssen des Zentralkomitees der Bewegung “Ittihad ve Terakki”, die seit 1913 de facto die osmanische Regierung stellte, dem schwachen Sultan und Kaiser Mehmed V. Reschad düften alle einschlägigen Informationen vorenthalten worden sein. Gegen die pluralistisch eingestellte “neo-osmanische” Strömung hatten sich unter den “Ittihadisten” bereits vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs die “panturanistischen Völkischen” durchgesetzt, die – obwohl selbst zumeist atheistisch oder agnostisch eingestellt – auch die “islamische” Karte instrumentalisierten. Die osmanische Regierung paktierte im Ersten Weltkrieg mit dem Deutschen Reich und Österreich-Ungarn: Am 29. Oktober 1914 führte der deutsche Konteradmiral Guillaume Souchon, der im August mit seinen Schiffen in die osmanische Marine aufgenommen worden war, einen „Präventivangriff“ auf die russische Schwarzmeerflotte, deren Heimathafen Sewastopol und andere russische Küstenstädte durch, was umgehend die Kriegserklärung Russlands und der anderen Entente-Mächte zur Folge hatte. Im Schatten des Krieges führten die „Ittihadisten“ – an der Spitze als Hauptverantwortlicher der Innenminister Talat Pascha – ihre Pläne zur „ethnischen Säuberung“ durch.

Syrien war mehrfach betroffen. Auf Grund des hinhaltenden arabischen Widerstands gegen die telegraphisch aus Konstantinopel übermittelten Direktiven kam es zwar nicht zu ähnlichen Blutorgien wie in Anatolien, aber die Konzentrationslager in syrischen Städten wie Ras-al-Ain oder Der-ez-Zor waren Ziel der Todesmärsche von armenischen Deportierten (vor allem Frauen, Kinder und Senioren, die Männer waren bereits beim Abmarsch aus den Heimatorten getötet worden), die dort der Vernichtung anheimgegeben wurden. Der Name der Stadt Ras-al-Ain (damals Endpunkt der Bagdad-Bahn) wurde zu einem „Synonym des armenischen Leids“. Nach zeitgenössischen Berichten waren etwa von 1.500 schlecht bekleideten und barfuß gehenden Armeniern, die im September 1915 hauptsächlich aus Sivas (Sebaste) deportiert wurden, 200 so entkräftet, dass sie praktisch unmittelbar nach ihrer Ankunft in Ras-al-Ain starben. Der Rest wurde innerhalb der folgenden Tage von Soldaten getötet. Insgesamt wurden etwa 70.000 Christen nach Ras-al-Ain deportiert, die maximale Bevölkerung des Lagers zu einem Zeitpunkt war 40.000. Die Insassen wurden dann in vier Gruppen geteilt, von denen zwei weiter nach Der-ez-Zor, zwei nach Mosul geschickt wurden. Bereits im April 1916 berichtete der örtliche deutsche Konsul von „erneuten Massakern in Ras-al-Ain: 300 bis 500 Deportierte wurden jeden Tag aus dem Konzentrationslager herausgezerrt und in einer Entfernung von zehn Kilometern zur Stadt abgeschlachtet“. Der deutsche Pastor Johannes Lepsius, der durch seinen 1916 erschienenen „Bericht über die Lage des armenischen Volkes in der Türkei“ berühmt wurde, berichtete: „Am 6. April 1916 wurden in dem Konzentrationslager von Ras-al-Ain von 14.000 Deportierten 12.000 abgeschlachtet; der Rest von 2.000 später ebenfalls beseitigt. Am 16. April wurden die in Maarra und den umliegenden Dörfern ‚angesiedelten‘ Armenier in die arabische Wüste geschickt; am 19. April folgten ihnen aus Marasch 9.000 Armenier (der Rest von 24.000) nach Der-ez-Zor. Das Hungersterben in den Konzentrationslagern sorgte dafür, dass immer wieder Platz wurde“.

Das mit dem offiziellen Konstantinopel verbündete Österreich-Ungarn (der letzte Kaiser und König Karl I./IV. wurde bei seinem Staatsbesuch am Bosporus im Mai 1918 von Talat Pascha und dessen Komplicen feierlich begrüßt) vermochte nicht einmal die katholischen Bischöfe zu schützen. Ein Beispiel ist der 2015 selig gesprochene syrisch-katholische Bischof Flavian Melki. Er stammte aus einer angesehenen Familie, die bis heute immer wieder bedeutende Bischöfe und Theologen hervorgebracht hat. Er wurde 1858 in Kalaat Mara unweit von Gazarta (heute: Cizre) in Anatolien geboren. Schon in frühen Jahren entschloss sich Melki für den Priesterberuf. 1895 wurde er mit der dramatischen Situation der Christen in Anatolien konfrontiert: Die von ihm geleitete Pfarre wurde bei den von Sultan Abdulhamid II. verantworteten Massakern der 1890er-Jahre verwüstet und niedergebrannt, seine Mutter wurde ermordet. Wenig später wurde Melki zum syrisch-katholischen Bischof der Dschazira mit Sitz in Mardin und Gazarta ernannt, beide damals blühende Städte mit christlicher Bevölkerungsmehrheit. Der Bischof war für seine Nähe zu den Armen berühmt; er lebte selbst in äußerster Armut; um den Bedürftigen helfen zu können, verkaufte er sogar kostbare liturgische Gewänder. Am 28. August 1915 wurde Bischof Melki – ebenso wie der chaldäisch-katholische Bischof von Mardin, Jaqub Abraham – von osmanischen Sicherheitsleuten festgenommen. Beide Bischöfe wurden von osmanischen Staatspolizisten gefoltert und aufgefordert, zum Islam als dem „wahren Glauben“ zu konvertieren, Melki und Abraham wiesen dieses Ansinnen zurück. Bischof Abraham wurde am 29. August erschossen, Bischof Melki offensichtlich am selben Tag zunächst bewusstlos geschlagen und dann geköpft.

Die beiden Bischöfe Melki und Abraham teilten das Schicksal des armenisch-katholischen Erzbischofs von Mardin, Ignatius (Choukrallah) Maloyan. Der (bereits im Jahr 2001 selig gesprochene) Märtyrer-Bischof war am 11. Juni 1915 vom osmanischen Polizeipräsidenten von Mardin, dem arabischsprachigen Muslim Mamduh Bey, eigenhändig mit der Dienstpistole erschossen worden. Der auch für Mardin zuständige Vali (Gouverneur) von Amida (Diyarbekir), Resid Bey, ein Arzt, der aus einer aus Russland geflüchteten tscherkessischen Familie stammte, hatte sofort nach den einschlägigen Beschlüssen des „Komitees für Einheit und Fortschritt“ den Plan entwickelt, sein Vilayet zu einer „vollkommen christenfreien Region“ zu machen. Resid Bey bezeichnete die Christen als „Parasiten am osmanischen Volkskörper“, die man vernichten müsse. Nach dem Waffenstillstand 1918 wurde er verhaftet und in Konstantinopel vor ein Kriegsgericht gestellt; durch Selbstmord (er schoß sich in den Mund) entzog er sich der irdischen Gerechtigkeit (wie die Waffe in seine Zelle gelangen konnte, wurde nie geklärt).

Die Gesamtzahl der Opfer des „ittihadistischen“ Terrors gegen die Christen ist umstritten. In der Literatur wird davon ausgegangen, dass insgesamt drei bis vier Millionen armenische, syrische und griechische Christen den nationalistischen Phantasmagorien der „Ittihadisten“ zum Opfer gefallen sind.

 

Katholikos-Patriarch Karekin II. dankt Präsident Assad

Der oberste Katholikos-Patriarch aller Armenier, Karekin II., hat in einem Brief an den syrischen Präsidenten Bashar Assad dafür gedankt, dass das syrische Parlament die Verfolgung der Armenier in den späten Jahren des Osmanischen Reiches als Völkermord anerkannt hat. „Die Verurteilung von Verbrechen gegen die Menschlichkeit und von politischen Strategien der Verleugnung ist die beste Garantie, dass weitere Verbrechen und Völkermorde verhindert werden und eine Welt der Solidarität errichtet werden kann“, heißt es in dem Brief des Katholikos-Patriarchen an den syrischen Staatschef.

Karekin II. dankte in dem Brief auch dem syrischen Volk für seine Hilfe an die überlebenden Armenier am Ende des Ersten Weltkriegs und wünschte Syrien den ersehnten Frieden.