Thomas Nemeth ist neuer Lehrstuhlinhaber für „Theologie des Christlichen Ostens“ an der Katholisch-Theologischen Fakultät Wien

Der aus Wien stammende griechisch-katholische Priester ist ein „hervorragender Theologe“ – Sein wissenschaftliches Interesse bezieht sich u.a. auf die Verfassungs-, Wissenschafts- und Kulturgeschichte der Orthodoxie in der Habsburgermonarchie, aber auch auf die Ikonen als „Phänomen der Theologie“

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Foto: © Bwag/CC-BY-SA-4.0 (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International)

Wien, 27.09.19 (poi) Prof. Thomas Nemeth ist der neue Lehrstuhlinhaber für „Theologie des Christlichen Ostens“ an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien. Dies wurde auf der Website der Fakultät am Freitag mitgeteilt. Prof. Nemeth ist damit Nachfolger von Prof.i.R. Rudolf Prokschi, der weiterhin in vielfacher Weise ökumenisch tätig ist (so als Vizepräsident der Stiftung „Pro Oriente“, als Vorsitzender der „Pro Oriente“-Gesellschaft „zur wissenschaftlichen Erforschung der ökumenischen Beziehungen“ und als Vorsitzender der Wiener Diözesankommission für ökumenische Fragen). Die Katholisch-Theologische Fakultät bekundete ihre Freude über die Ernennung von Prof. Nemeth und weiteren fünf neuen Professorinnen und Professoren: „Wir begrüßen sie alle sehr herzlich und freuen uns auf das gemeinsame Forschen und Lehren“. Der Freude über die Ernennung von Prof. Nemeth schließen sich namens der Stiftung „Pro Oriente“ Präsident Alfons Kloss und Generalsekretär Bernd Mussinghoff herzlich an. Kardinal Christoph Schönborn hatte bereits bei der Kuratoriumssitzung von „Pro Oriente“ in der Vorwoche betont, wie  sehr er es schätze, dass mit Prof. Nemeth ein „hervorragender Theologe“ für das Fach „Theologie des Christlichen Ostens“ an der Wiener Katholisch-Theologischen Fakultät gewonnen werden konnte. Prof. Nemeth gehört dem Kollegium der wissenschaftlichen Konsultorinnen und Konsultoren von „Pro Oriente“ an, sein Mandat wurde in diesen Tagen um vier Jahre verlängert.

Thomas Nemeth ist (verheirateter) griechisch-katholischer Priester des byzantinischen Ritus. Er wurde 1974 in Wien geboren. 1992 bis 1998/99 studierte er Rechtswissenschaften an der Wiener Juridischen Fakultät und zugleich katholische Theologie an der Katholisch-Theologischen Fakultät. 2003 promovierte er zum Dr. jur., ein Jahr später zum Dr. theol. (seine theologische Dissertation schrieb er über die Synoden der ukrainischen griechisch-katholischen Kirche).  2013 habilitierte er sich an der Universität Wien und erhielt die „venia docendi“ für das Fach „Theologie und Geschichte des christlichen Ostens“.

Ab 2000 kooperierte er regelmäßig mit der Ukrainischen Katholischen Universität in Lwiw (Lemberg). 2003 bis 2005 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter im von Prof. Richard Potz geleiteten und FWF-geförderten Projekt „Orthodoxe Kanonisten und Theologen in der Donaumonarchie“. 2005 bis 2009 war er Advokat am bischöflichen Diözesangericht in Eisenstadt. Ab 2005 war er zunächst Fachvertreter für Ostkirchengeschichte und Ökumenische Theologie an der Katholisch-Theologischen Fakultät Würzburg, ab 2009 Direktor des Ostkirchlichen Instituts der Universität Würzburg und Mitglied der Chefredaktion der Zeitschrift „Ostkirchliche Studien“. Ab 2018 übernahm er auch die Leitung des Projekts „Einrichtung und Koordinierung von Lehrgängen zur Vermittlung ostkirchlicher Kompetenzen“ (in Verbindung mit der Fachvertretung für Ostkirchengeschichte).

Seine wissenschaftlichen Interessen beziehen sich u.a. auf den „Traditionsbegriff und seine theologische Rezeption in den Ostkirchen“, auf die Verfassungs-, Wissenschafts- und Kulturgeschichte der Orthodoxie in der Habsburgermonarchie, auf das Recht der ukrainischen griechisch-katholischen Kirche  (im Zusammenhang mit seiner Mitarbeit an der Kodifikation des Partikularrechts dieser Kirche), auf die liturgische Praxis und Normen der Kirchen byzantinischer Tradition und auf die Ikonen als „Phänomen der Theologie“.

Prof. Nemeth ist Mitglied von theologischen und juridischen Kommissionen und Arbeitsgruppen, die sich mit Fragen der Ostkirchen beschäftigen. Als Diakon und Priester arbeitete er ehrenamtlich in der in Bamberg beheimateten griechisch-katholischen Gemeinde St. Nikolaus mit. Der Theologe ist aber auch Ikonenmaler. 1987 bis 1991 absolvierte er eine Ausbildung in russischer Ikonenmalerei bei Erzpriester Chrysostomos Pijnenburg in der Ikonenmalschule der Wiener russisch-orthodoxen Nikolauskathedrale. Zu seinen Monographien zählen „Eine Kirche nach der Wende“ (Die ukrainische griechisch-katholische Kirche im Spiegel ihrer synodalen Tätigkeit) und „Josef von Zhishman (1820-1894) und die Orthodoxie in der Donaumonarchie“ .

 

Theologie braucht Beitrag der Ostkirchen

Auf die Frage, was ihn an seinem Fach in besonderer Weise fasziniere, sagte Prof. Nemeth im Gespräch mit der Website der Katholisch-Theologischen Fakultät: „Die Theologie des christlichen Ostens betrifft zunächst einmal mich selbst: Als Theologe und Priester der ukrainischen griechisch-katholischen Kirche versuche ich, meine Tradition besser zu verstehen, ihre Möglichkeiten auszuloten und zu ihrer Weiterentwicklung beizutragen. In der katholischen Kirche müsste stärker bewusst werden, dass auch Ostkirchen zu dieser Gemeinschaft gehören. Mich fasziniert auch, das Fach gemeinsam mit orthodoxen und orientalisch-orthodoxen Kollegen zu betreiben, ich hoffe, damit auch zur gelebten Ökumene und zum Miteinander beizutragen“. Theologie brauche für ihre „katholische Weite“ die Präsenz und den Beitrag der Ostkirchen, denn „der katholische Glaube existiert nur in vielfältiger Ausdrucksweise“, betonte der Theologe.

Er schätze das breite fachliche Spektrum der Wiener Katholisch-Theologischen  Fakultät, die Möglichkeiten zur wissenschaftlichen Spezialisierung und Kooperation sowie die geistige Offenheit, unterstrich der neue Lehrstuhlinhaber. Auch gebe es in kaum einer anderen Stadt so viel ostkirchliche Präsenz und Möglichkeiten zur Begegnung und Zusammenarbeit. Gerade die Professur für Theologie des christlichen Ostens ist eine „europaweit äußerst bedeutsame Schnittstelle für Lehre und Forschung“, solche Einrichtungen gebe es leider sehr wenige. 

Der Forschungsschwerpunkt der Wiener Katholisch-Theologischen Fakultät „Religion und Transformation“ sei für sein Fach von großer Bedeutung, unterstrich Prof.Nemeth. Orthodoxe Kirchen, orientalisch-orthodoxe Kirchen und katholische Ostkirchen „tragen wesentlich zur europäischen Identität bei“, betonte der Theologe. Gerade die Habsburgermonarchie habe einen „spezifischen Kulturraum“ für die dort präsenten Ostkirchen gebildet, das wolle er näher erforschen. Gegenwärtig gebe es viele Fragen im Spannungsfeld von Geschichte, Theologie und Recht. Dafür möchte Nemeth die Forschungsnetzwerke ausbauen, den wissenschaftlichen Nachwuchs fördern, aber auch über den universitären Bereich hinaus die Bedeutung ostkirchlicher Theologie für die Kirchen und die Gesellschaft erschließen.

Abschließend sagte Prof. Nemeth, es sei ihm eine „große Ehre und Freude“, an die Universität berufen worden zu sein, an der er Theologie und Rechtswissenschaften studiert habe. Besonders spannend empfinde er die doppelte Herausforderung, „einerseits die Erfahrungen östlicher Kirchen in die theologischen Diskurse der Gegenwart einzubringen, andererseits auch zu fördern, dass sich östliche Kirchen stärker an diesen beteiligen“.