Trauer um den Minsker emeritierten Metropoliten Filaret (Wachromejew)

Er erlag 85-jährig den Folgen einer Covid 19-Infektion – Der Metropolit war tief mit Österreich verbunden, von wo er nach der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl und den dramatischen Versorgungsschwierigkeiten infolge des Zusammenbruchs der Sowjetunion Hilfe erhalten hatte – Wichtige Rolle von „Pro Oriente“

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Foto: © Serge Serebro, Vitebsk Popular News (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported)

Minsk, 12.1.21 (poi) Große Trauer in Belarus, aber auch in Österreich über den Heimgang des am Dienstag in Folge einer Covid-19-Infektion 85-jährig verstorbenen emeritierten Exarchen der russisch-orthodoxen Kirche Weißrusslands, Metropolit Filaret (Wachromejew). Der Metropolit hatte nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl und den dramatischen Versorgungsschwierigkeiten infolge des Zusammenbruchs der Sowjetunion auch in Österreich Hilfe gesucht und gefunden. An dem Brückenschlag zwischen Minsk und Wien war die Stiftung „Pro Oriente“ wesentlich beteiligt. Der Metropolit war überaus ökumenisch gesinnt (u.a. gründete er ein Institut für den Religiösen Dialog).

Der als Kyrill Wachromejew im März 1935 geborene spätere Metropolit absolvierte seine theologischen Studien an der Theologischen Akademie in Moskau, 1959 legte er die Mönchsgelübde ab und wurde zum Diakon geweiht, die Priesterweihe erfolgte 1961. Er lehrte zunächst an der Moskauer Theologischen Akademie, 1965 wurde er zum Bischof von Tichwin (und Vikarbischof für St.Petersburg) ernannt, 1966 zum Bischof (und dann Erzbischof) der altrussischen Stadt Dmitrow (und Vikarbischof für Moskau), zugleich auch zum Rektor der Theologischen Akademie. 1973 erfolgte seine Ernennung zunächst zum Erzbischof, dann zum Metropoliten von Berlin. 1978 berief ihn der Heilige Synod zum Metropoliten von Minsk, 1992 zum Exarchen der russisch-orthodoxen Kirche Weißrusslands. In dieser Funktion verblieb er bis 2013. Von 1981 bis 1989 war Metropolit Filaret zugleich Leiter des Außenamts des Moskauer Patriarchats. Seine außerordentlichen theologischen Kenntnisse wurden mit Ehrendoktoraten im In- und Ausland honoriert, 2006 wurde er in die Reihe der „Helden von Weißrussland“ aufgenommen.
In der Amtszeit von Metropolit Filaret wurde das geistliche Leben der orthodoxen Kirche in Weißrussland wiederaufgerichtet, das zuvor durch den sowjetischen Staatsatheismus und die völkermörderische Kriegführung der deutschen Nationalsozialisten zutiefst in Mitleidenschaft gezogen worden war. Der Metropolit sorgte dafür, dass alle Eparchien, die 1917 bestanden hatten, wiederhergestellt wurden, auch das Priesterseminar in Minsk und die Geistliche Akademie in der weißrussischen Hauptstadt. Eine Religionspädagogische Akademie wurde errichtet, aber auch das von Erzpriester Fjodor Powny geleitete „Haus der Barmherzigkeit“ in Minsk. Das 2003 eingeweihte „Haus der Barmherzigkeit“ ist eine eindrucksvolle multifunktionale Institution der orthodoxen Kirche (zu dem u.a. ein Spezialkrankenhaus gehört, zu dem es nichts Vergleichbares in Belarus gibt). Metropolit Filaret sorgte aber auch dafür, dass das Fest „aller weißrussischen Heiligen“ eingeführt wurde, er förderte die Übersetzung der Heiligen Schrift in zeitgenössisches Weißrussisch. 1997 veranlasste der Metropolit, dass von einem Juwelier aus Brest-Litowsk eine getreue Replik des verloren gegangenen wichtigsten weißrussischen Heiligtums – des Kreuzes der Heiligen Euphrosyne von Polotsk – hergestellt wurde. Das kostbare Kreuz aus dem Jahr 1161 war in den 1920er-Jahren von den bolschewistischen Behörden beschlagnahmt worden. Im Museum wollte man es nicht ausstellen, weil sich die Besucherinnen und Besucher davor bekreuzigten, also wurde das Reliquienkreuz in einem Tresor im Stadtbüro der Kommunistischen Partei in Mogilew verwahrt. Nach dem deutschen Überfall im Juni 1941 verliert sich die Spur der unschätzbaren Kostbarkeit. Bis zuletzt war Metropolit Filaret einer der beliebtesten Bischöfe in Belarus. Staatspräsident Aleksandr Lukaschenko würdigte ihn am Dienstag als einen „wahren Helden“.
Die Verbindung des Metropoliten zu Österreich verlief einerseits über „Pro Oriente“ (auch Kardinal König war in Minsk zu Gast), aber auch über eine spontan entstandene Initiative mit dem Wiener SP-Stadtrat und „Volkshilfe“-Präsidenten Josef Hofmann, der Dolmetscherin Barbara Hermann, dem Kommunikationsexperten Klaus Petermann und dem Wiener russisch-orthodoxen Diakon und Diözesansekretär Viktor Schilowsky. Nach der Explosionskatastrophe im Block 4 des Atomkraftwerks Tschernobyl am 25. April 1986, von der Weißrussland besonders betroffen war, hatte Metropolit Filaret Hilferufe in alle Welt gesandt (auch mithilfe der weißrussischen Vertretungen, Weißrussland und die Ukraine waren die einzigen Unionsrepubliken, die in sowjetischer Zeit einen eigenen diplomatischen Apparat unterhalten konnten). Den Wienern gelang es, sowohl Medikamentenhilfe in Millionenwert nach Weißrussland auf den Weg zu bringen (wo vor allem Kinder, Jugendliche und ältere Menschen schrecklich unter den Folgen der massiven Verstrahlung zu leiden hatten), als auch Nahrungsmittel bereit zu stellen, die knapp wurden, als sich das Versorgungssystem der Sowjetunion an der Wende von den 1980er- zu den 1990er-Jahren in der Krise befand. Dank der Popularität von Metropolit Filaret war die Verteilung der Hilfsgüter in Belarus wesentlich erleichtert; die Menschen standen Staat und Partei skeptisch gegenüber, aber die orthodoxe Kirche hatte dank des Metropoliten einen großen Vertrauensbonus. Ein Höhepunkt der Österreich-Kontakte des Metropoliten war sein Wien-Aufenthalt von 16. bis 22. Oktober 1990. Er traf mit Kardinal König und der Caritas zusammen, Weihbischof Florian Kuntner kochte ein Festessen für ihn, im UN-Zentrum hielt der Metropolit eine eindrucksvolle Rede, die international registriert wurde. Im Prälatensaal des Schottenstifts war er Gast der Stiftung „Pro Oriente“.

Seine Verbundenheit mit Österreich brachte Metropolit Filaret in berührender Weise zum Ausdruck, als „Pro Oriente“-Pressesprecher Erich Leitenberger im Oktober 2017 mit der Stiftung „Zusammenleben“ (Living together in Europe) eine Journalistenreise nach Minsk veranstaltete.