Trauer um den serbisch-orthodoxen Patriarchen Irinej

Der Patriarch erlag am Freitagmorgen einer Covid-19-Infektion – Patriarch Irinej stand seit 2010 an der Spitze der serbisch-orthodoxen Kirche

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Foto: © Micki (Quelle: Wikimedia, Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported)

Belgrad, 20.11.20 (poi) Die serbisch-orthodoxe Kirche und das ganze serbische Volk trauern um Patriarch Irinej, der am Freitagmorgen einer Covid-19-Infektion erlegen ist. Der serbisch-orthodoxe Patriarch starb im Militärkrankenhaus Karaburna, wo er seit 5. November hospitalisiert war. Der Kommandant des Krankenhauses, Oberst Prof. Ivo Udovicic, hatte noch vor wenigen Tagen mitgeteilt, dass es den Ärzten gelungen sei, eine Stabilisierung der chronischen Herzinsuffizienz des Patriarchen zu erreichen. Nach den hoffnungsvollen Anzeichen verschlechterte sich der Zustand des Patriarchen jedoch rapid, am Donnerstag wurde mitgeteilt, dass er intubiert werden musste. Der erste Gedenkgottesdienst für den verstorbenen Patriarchen wurde am Freitagvormittag in der Belgrader Michaelskathedrale vom Oberhaupt der serbisch-orthodoxen Kirche in Bosnien, dem Metropoliten von Sarajevo, Hrizostom (Jevic), zelebriert.

Patriarch Irinej wurde als Miroslav Gavrilovic am 28. August 1930 in Vidova in der serbischen Gemeinde Cacak geboren. 1974 wurde er zum Bischof von Moravica erwählt, die Bischofsweihe erteilte ihm der damalige serbische Patriarch German. Schon ein Jahr später wurde er zum Bischof von Nis bestimmt, der Geburtsstadt (Naissus) des Heiligen Kaisers Konstantin des Großen. Im Jahr 2010 erfolgte seine Wahl zum serbisch-orthodoxen Patriarchen.

 

Für Frieden und Stabilität

Nach der Schule war der junge Miroslav Gavrilovic in das orthodoxe Priesterseminar in Prizren eingetreten. Sein theologisches Doktorat erwarb er in Belgrad. Der junge Theologe wurde zum Professor an der Theologischen Hochschule in Prizren berufen, zuvor erhielt er im Kloster Rakovica durch Patriarch German die Mönchsweihe und nahm den Mönchsnamen Irinej an. Als Professor in Prizren absolvierte er zugleich Postgraduate-Studien in Athen. 1969 wurde er zum Rektor der monastischen Schule im Kloster Ostrog in Montenegro, einem der bedeutendsten serbisch-orthodoxen Klöster, ernannt. Später kehrte er als Rektor nach Prizren zurück, ehe er 1974 zum Vikar des Patriarchen mit dem Titel eines Bischof von Moravica ernannt wurde.

Nach der Wahl zum Patriarchen erfolgte seine Amtseinführung als „Erzbischof von Pec, Metropolit von Belgrad und Sremski Karlovci und serbischer Patriarch“ am 23. Jänner 2010 in der Belgrader Michaelskathedrale. Die formelle Inthronisierung in der Patriarchenkathedrale in Pec fand in Anwesenheit von Vertretern aller autokephalen orthodoxen Kirchen am 3. Oktober 2010 statt.

Vom Beginn seiner Amtszeit als Patriarch an trat Irinej – im Sinn seiner Vornamen Irinej und Miroslav – für Frieden und Stabilität in der Region ein, wie im offiziellen Nachruf des Patriarchats betont wird. Zitiert wird u.a. die Feststellung des neugewählten Patriarchen in einem Interview im November 2010, dass die Drina – zwischen Serbien und Bosnien-Hercegovina – keine Grenze sei, sondern eine verbindende Brücke. Auf beiden Ufern seien die Menschen einig als Volk, als Gläubige der orthodoxen Kirche und „auf dem gemeinsamen Weg Christi und des Heiligen Sava“. Im Nachruf wird ausdrücklich die traditionsbewusste, aber für den ökumenischen und interreligiösen Dialog offene Haltung von Patriarch Irinej hervorgehoben. 2013 habe der Patriarch betont, dass er sich nicht gegen einen Serbien-Besuch des Papstes aus Anlass des 1.700-Jahr-Jubiläums der Übereinkunft von Mailand stellen würde, mit der die Christenverfolgung auch im westlichen Teil des Römischen Reiches eingestellt wurde. Die Übereinkunft war das Werk des – später vor allem in der orthodoxen Kirche als Heiliger verehrten – Kaisers Konstantin des Großen, der aus Nis stammte. Es sei der Wunsch des Papstes, nach Nis zu kommen, sagte Patriarch Irinej damals, das wäre „eine Chance nicht nur für eine Begegnung, sondern für einen echten Dialog“.

Im Hinblick auf die Bestrebungen für einen EU-Beitritt Serbiens stellte der Patriarch mehrfach fest: „Serbien sollte nicht mit Argwohn auf die EU schauen, solang die EU die serbische Identität, Kultur und Religion respektiert. Wir sind überzeugt, dass wir ein historischer Teil Europas sind, wir möchten dieser Familie von Völkern angehören. Bei einem Beitritt werden wir alles akzeptieren, was nicht im Gegensatz zu unserer kulturellen und historischen Identität steht“.

 

Sorge um Kosovo

Eine Herzensanliegen waren dem Patriarchen immer der Kosovo und die Metochie, als die „Herzlandschaften der serbischen Identität“. Die Geschichtsvergessenheit der westeuropäischen und nordamerikanischen Eliten und ihre „geopolitischen“ Manöver waren ihm ein großer Schmerz. Eine große Freude war für Patriarch Irinej dagegen die Fertigstellung der St. Sava-Kathedrale in Belgrad. Die Kathedrale auf dem Vracar-Hügel ist – mit der Hagia Sophia in Konstantinopel und der neuen Patriarchalkathedrale in Bukarest – eines der größten orthodoxen Gotteshäuser der Balkanhalbinsel. Die neue Belgrader Kathedrale entstand genau an jener Stelle, an der die osmanischen Machthaber im Jahr 1595 die Reliquien des Heiligen Sava (1175-1236), des Gründers und ersten Patriarchen der serbischen Kirche, verbrennen ließen. Erst vor kurzem hatte der Patriarch – gemeinsam mit dem serbischen Präsidenten Aleksandar Vucic – die noch nicht offiziell eröffnete Kathedrale besucht, um die nahezu fertig gestellten Mosaiken zu bewundern. Die Mosaiken in der St. Sava-Kathedrale werden insgesamt 15.000 Quadratmeter bedecken, die größte Mosaik-Darstellung der Welt. Mehr als 200 spezialisierte Mosaizisten aus Serbien und Russland arbeiten an der Ausschmückung der Kathedrale. Die Arbeiten werden von Nikolai Muchin geleitet, der schon für die Ausschmückung der wiederaufgebauten Moskauer Erlöserkathedrale verantwortlich zeichnete.
Die innerorthodoxen Spannungen waren für Patriarch Irinej eine große Last. Im Herbst 2018 suchte er das Gespräch mit dem Ökumenischen Patriarchen. Er konzelebrierte mit Bartholomaios I. die Göttliche Liturgie zum Gedenken an die Gefallenen des alliierten Sieges von September 1918 über die Bulgaren und deren deutsche, österreichische und ungarische Verbündete an der Saloniki-Front. Der alliierte Sieg an der Saloniki-Front 1918 leitete den militärischen Zusammenbruch der Mittelmächte (Deutschland, Österreich-Ungarn) an allen Fronten und damit das Ende des Ersten Weltkriegs ein.

Als das Ökumenische Patriarchat mit dem „Einigungskonzil“ vom 15. Dezember 2018 in Kiew die Schaffung einer neuen „Orthodoxen Kirche der Ukraine“ forcierte, schickte Patriarch Irinej einen fünf Punkte umfassenden „Kommentar zur Situation“ an Patriarch Bartholomaios I., in dem er festhielt, dass die serbisch-orthodoxe Kirche die „offensichtlich unkanonische Einmischung“ Konstantinopels in das kanonische Territorium des Moskauer Patriarchats nicht anerkenne. Die „mit der heutigen Ukraine nicht identische“ Metropolie von Kiew sei 1686 an das Moskauer Patriarchat übergeben worden, was auch Jahrhunderte hindurch aus allen Dokumenten des Patriarchats von Konstantinopel und aus den eigenen Stellungnahmen von Bartholomaios I. bis April 2018 hervorgehe. Ebenso erkenne die serbisch-orthodoxe Kirche die neue „Kirche der Ukraine“ nicht an. Diese sei „kanonisch nicht existent“, es handle sich um eine künstliche „Konföderation“ kleiner schismatischer ukrainischer Gruppen, die in Opposition zueinander stehen. Wörtlich hieß es im Schreiben von Patriarch Irinej weiter: „Die Schismatiker sind Schismatiker geblieben. Einmal ein Schismatiker, immer ein Schismatiker, außer in Fällen von aufrichtiger Bekehrung und tiefer Buße. Die einzige von der serbischen Kirche anerkannte Kirche in der Ukraine ist die von Metropolit Onufrij (Berezowskij) geleitete ukrainisch-orthodoxe Kirche“.

Sorge bereiteten Patriarch Irinej die von örtlichen Politikern geförderten Bestrebungen zur Abspaltung neuer „autokephaler“ Kirchen aus dem serbischen Patriarchat in Montenegro und Nordmazedonien. Er befürchtete eine Wiederholung des ukrainischen Szenarios im „geopolitischen“ Interesse auswärtiger Mächte.