Türkei: Gipfelgespräch über die christlichen „geistlichen Stiftungen“

Patriarch Bartholomaios I. stellte bei Begegnung mit Justizminister Gül und Präsidentensprecher Kalin im Dolmabahce-Palast die Frage nach der Situation des orthodoxen Seminars auf Chalki und generell nach der rechtlichen Struktur der Kirchen in der Türkei

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Foto: © Massimo Finizio (Quelle: Wikimedia; Lizenz: Creative Commons Attribution 3.0 Unported)

Istanbul, 30.11.20 (poi) Auf höchster Ebene wurde am Sonntag, 29. November, im historischen Dolmabahce-Palast in Istanbul die Situation der christlichen Kirchen in der Türkei, insbesondere die ihrer geistlichen Stiftungen („Vakiflar“), diskutiert. Justizminister Abdulhamit Gül und der Präsidentensprecher, Botschafter Ibrahim Kalin, hatten eingeladen, alle kamen, an der Spitze der Ökumenische Patriarch, Bartholomaios I. Zentrales Thema war die seit sieben Jahren durch eine Gesetzesänderung blockierte Wahl der Verantwortlichen der christlichen Stiftungen. Patriarch Bartholomaios I. nützte die Gelegenheit, um auf das Problem der seit 1971 geschlossenen Theologischen Hochschule und des orthodoxen Priesterseminars auf Chalki aufmerksam zu machen. Der Patriarch bedauerte, dass vor sieben Jahren die Regelungen im Hinblick auf die Wahl der Führungspersönlichkeiten der christlichen „Vakiflar“ aufin dergehoben wurden. Bisher sei aber keine Neufassung der Regelungen veröffentlicht worden, daher habe es auch keine Neuwahlen gegeben. Grundsätzlich stellte der Patriarch die Frage, warum die Kirchen in der Türkei als solche keine Rechtspersönlichkeit haben können. Nach islamischem Vorbild muss in der Türkei jedes einzelne christliche Gotteshaus, jedes Kloster, jedes Krankenhaus, Schule usw. von einer eigenen geistlichen Stiftung („Vakif“) getragen werden.

Die geistlichen Führungspersönlichkeiten und die Verwalter der „Vakiflar“ führten bei der Begegnung mit Gül und Kalin eine ziemlich offene Sprache. Sie erinnerten an die dramatische Abwanderung der Christen. Man müsse immer daran denken, dass die frühesten Kirchen, die frühesten Klöster – aber auch die ältesten Synagogen – in der heutigen Türkei entstanden seien. Investitionen seien erforderlich, um dieses Erbe am Leben zu erhalten. Die christlichen oder jüdischen Gemeinschaften seien damit überfordert. Bei der Begegnung wurden auch die Schwierigkeiten der Minoritätenschulen angesprochen, ebenso die Situation der christlichen sozialen und karitativen Einrichtungen. Urgiert wurde, dass die „Wohltäter“ dieser Bildungs- und karitativen Einrichtungen von Steuersenkungen profitieren sollten.

Präsidentensprecher Kalin sagte Verbesserungen im Hinblick auf die zu. Die Christen in der Türkei seien heute wenige, aber sie hätten „jeden Stein in diesem Land geprägt“.

Wenige Tage zuvor, am 27. November, hatte Patriarch Bartholomaios in Chalki dem Priester Eleftherios Aloukus (von der Eparchie Kadiköy/Chalkedon) die Archimandritenwürde verliehen. Wörtlich sagte der Patriarch dabei: „Wir danken Gott, dass er nach dem Unrecht, das Chalki angetan wurde, viele Priester und angehende Priester nach Konstantinopel geführt hat, um die Lücken in diesem Großen Kloster und in den Gemeinden außerhalb desselben zu überbrücken und die pastorale und religiöse Arbeit der Mutterkirche zu stärken“. Der Dank gelte auch den griechischen Bischöfen, die zu den „Anstrengungen der Großen Kirche von Konstantinopel“ beitragen.